Eine schrecklich kaputte Familie

30. November 2006, 15:19 Uhr

Um der kleinen Olive ihren Traum zu erfüllen, quetschen sich fünf schräge Gestalten in einen klapprigen VW-Bus. Die Komödie "Little Miss Sunshine", in den Staaten ein Überraschungserfolg, entlarvt Schönheitsideale und wirbt erfrischend anders für die Familie. Von Kathrin Buchner

Trotz pummeliger Figur und dicker Brille will die siebenjährige Olive beim "Little Miss Sunshine"-Wettbewerb teilnehmen

Grandpa (Alan Arkin) ist wegen seiner Heroinsucht aus dem Altersheim geflogen und spricht nur über Sex. Der schwule Onkel Frank (Steve Carell) hat gerade einen Selbstmordversuch aus Liebeskummer überlebt, fürchtet um seine Reputation als Proust-Experte und braucht Rundumbetreuung. Bruder Dwayne (Paul Dano) liest Nietzsche und schweigt seit einem Jahr, um sich auf eine Karriere als Pilot vorzubereiten. Vater Richard (Greg Kinnear) ist daueraufgekratzt-positiv und sein ganzes Denken kreist um seinen neunstufigen Motivationsplan, den er vergeblich versucht, an den Mann zu bringen. Mutter Sheryl (Toni Collette) raucht eine Zigarette nach der anderen und tischt zum Abendessen Kentucky-Fried-Chicken und Plastikgeschirr auf.

In dieser Verlierersippe aus schrägen Individualisten wächst die siebenjährige Olive (Abigail Breslin) auf. Sie trägt eine Brille mit dicken Gläsern, ist pummelig und tanzt zu Musikvideos vor dem Fernseher. Ihr sehnlichster Wunsch: Schönheitskönigin zu werden. Als sie erfährt, dass sie zum "Little Miss Sunshine"-Wettbewerb zugelassen ist, schreit sie das ganze Haus zusammen. Wenigstens bei Olive hat das väterliche Motivationsprogramm gewirkt und sie mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein und Siegeswillen versehen. Familie Hoover, notorisch knapp bei Kasse, bleibt nichts anderes übrig, als sich gemeinsam in den klapprigen VW-Bus zu zwängen und den Weg von New Mexico nach Kalifornien anzutreten.

Leiche im Kofferraum

Doch der Familienausflug ist keine Ausflugsfahrt mit Picknickkorb, sondern entwickelt sich zum Horrortrip mit Autopannen, Pornoheften und einer Leiche im Kofferraum. Aus der verhängnisvollen Begegnung mit einem Polizisten kommen sie nur dank des peinlichen Sexheftchens von Opa ungeschoren davon. Skurrile Situationskomik, brillanter Wortwitz und die großartigen Schauspieler machen solche Situationen zu absoluten Lachern, ohne die Protagonisten der Lächerlichkeit preiszugeben.

Weder klemmende Hupen, noch kurzzeitige Lebenskrisen der Insassen, ja nicht einmal der Tod des Grandpas kann die Höllenfahrt stoppen. Die durch und durch egozentrischen Individualisten bringen es nicht übers Herz, dem siebenjährigen Sonnenscheinchen ihren Lebenstraum zu zerstören. Die kaputte Gangschaltung zu reparieren, würde zu lange dauern und so wird jeder Start zur sportlichen Herausforderung - nur mit Anschieben geht's weiter. Nicht dass der klapprige VW-Bus mit seinen schrägen Insassen auffällig genug wäre, irgendwann lässt sich die Hupe nicht mehr abstellen, und der Hooversche Familienclan bewegt sich zwar langsam, aber unüberhörbar voran.

VW-Bus wird zu rollende Therapie-Couch

Zwangsläufig auf engem Raum vereint, wird der Roadtripp vorbei an schroffen Felsformationen und öden Wüstenlandschaften zur Therapiestunde, der VW-Bus mutiert zur rollenden Couch, und schweißt die Familie zusammen. Das zauberhafte Spielfilm-Debüt des Werbefilmerpaars Valerie Faris und Jonathan Dayton, entlarvt nicht nur gängige Schönheitsideale, sondern plädiert herzerfrischend für ein modernes Familienbild, in dem jeder seine Schrullen ausleben darf und respektiert wird.

Trotz der kathartischen Reise ist nicht der Weg das Ziel - die größte Herausforderung steht den Hoovers nach ihrer Ankunft in Kalifornien noch bevor: Olive mit der Biene-Maja-Figur ohne bleibenden seelischen Schaden durch den Wettstreit mit all den spindeldürren Barbie-Kopien zu lavieren. Wie das gelingt, ist drehbuchtechnisch ein absoluter Glücksgriff und soll nicht verraten werden. Nur so viel sei gesagt: "Little Miss Sunshine" hat beim renommierten Sundance Film Festival frenetischen Applaus bekommen und sich in Amerika zum Überraschungserfolg entwickelt. Einen Oscar hätte der skurrile Roadtrip jenseits von Hollywood allemal verdient.

stern TV-Programm
Kostenlos downloaden: stern TV-Programm für iPhone, iPad und Android-Smartphones und -Tablets Mehr Infos über die App
 
Humor
Tetsche, Haderer, Mette und Co. Tetsche, Haderer, Mette und Co.
 
Noch Fragen?

Neue Fragen aus der Wissenscommunity

  von Amos: Wieso ensteht auf heißer Milch oder Kakao immer diese eklige Haut?

 

  von Fragomatic: Wieviele Enklaven gibt es der Europäischen Union einschl. der Schweiz?

 

  von Musca: Ist das Betrug? Es werden völlig unrealistische Werte bei der Gebäudesanierung genannt

 

  von Amos: Wenn man sich verletzt und das Blut ableckt, schmeckt es metallisch. Warum?

 

  von Amos: Wieso kommt die Steuerfahndung immer morgens um 6? Hat das bestimmte Gründe? Ich dachte,...

 

  von Amos: Darf man im Elsass Deutsch sprechen oder hören Franzosen das nicht so gerne? Z. B. im Bistro oder...

 

  von blog2011: Ich muss mal eine dumme Frage loswerden wg. der Schweizer Franken.

 

  von bh_roth: K-Wert eines Mauerwerks

 

  von Amos: Aus einem anderen Forum: heißt es schallgedämpft oder schallgedämmt?

 

  von Panda09: Gute Fotokamera?

 

  von bh_roth: Thema Holzmauerwerk

 

  von ing793: "Ein guter Gulasch brennt zweimal" heißt es - warum eigentlich?

 

  von bh_roth: Bremsen rubbeln

 

  von Amos: Warum reißt der Mercedes-Stern in der Waschanlage nicht ab? So stabil sieht das Ding nicht aus!

 

  von blog2011: Ist ein illegaler Download immer nachweisbar?

 

  von HH-Immo: Wie kann man surfen im Internet die Werbung ausblenden?

 

  von Amos: Im Internet hat mich alle zwei Stunden der Proxy-Server herausgeschmissen. Jetzt habe ich bei...

 

  von dorfdepp: Wofür die 24,95?

 

  von Mehrwisser: Sauna im Garten?

 

  von RenGei02: iPhone 4s beim Zurücksetzen aufgehängt