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"Ich würde lieber nicht reden"

Sein Sound hat die Beach Boys berühmt gemacht. Er war das getriebene Wunderkind des 60er-Jahre-Pops. Nun gibt es einen Film über den düsteren California-Boy Brian Wilson.

Brian Wilson (Mitte) und seine Film-Alter-Egos Paul Dano und John Cusack

Brian Wilson (Mitte) und seine Film-Alter-Egos Paul Dano und John Cusack

Gleich zu Beginn versucht das Filmjuwel "Love & Mercy" nicht weniger, als das Ohr an die Schädeldecke von Brian Wilson zu halten. Eine Kakophonie aus Seelengeschrei, Alltagsgeräuschen und wunderschönen Harmonien ist zu hören. Das verschreckt, verstört, fasziniert. Aber plötzlich ist man ganz nah dran an diesem Mozart der Popmusik der 60er Jahre. Noch näher als an einem Nachmittag im Hotel in Berlin, wo Wilson mit seiner Frau Platz nimmt, die mit einem fröhlichen Lachen ihre kleine, wildglitzernde Handtasche in Form einer Gitarre neben sich legt. "Ich dachte, die sei passend", sagt die 68-Jährige mit dem Puppengesicht. Ohne Melinda Ledbetter würde dieses Interview überhaupt nicht stattfinden. Ohne sie wäre Brian Wilson überhaupt nicht hier.


Auch davon erzählt "Love & Mercy": Wie eine Cadillac-Verkäuferin einen etwas irren Typen im Ausstellungsraum trifft, sich gut mit ihm versteht, mit ihm ausgeht und sich in diesen Brian Wilson verliebt. Wäre da nicht Psychodoktor Eugene Landy samt Entourage, der die beiden auf Schritt und Tritt beobachtet, der Wilsons Vormund ist, ihn unter Pillen setzt und das Testament des labilen Popstars, der rund 100 Millionen Alben verkauft hat, zu seinen Gunsten ändern lässt. Dem passt Ledbetter natürlich so gar nicht in den Kram.

Frau Wilson (die beiden haben 1995 geheiratet), das ist ein sehr mutiger Film, der sehr ehrlich von einer schlimmen Zeit in ihrer beider Leben berichtet. Was war Ihr erster Gedanke, als sie ihn das erste Mal gesehen haben?

Melinda Wilson: Ich war sprachlos und bin erstmal zwei Stunden spazieren gegangen. Whow. Es war so düster, das zu sehen. Es zu erleben, hat sich damals nicht so düster angefühlt. Es zu sehen war härter, als es zu erleben.

Brian Wilson: Ich habe mich gefragt, welcher Song war das noch mal? Habe ich den wirklich gemacht? (lacht)

Mister Wilson, mochten Sie Ihre Leinwand-Alter Egos Paul Dano und John Cusack?

Brian Wilson: Oh ja, sie haben beiden einen großartigen Job gemacht.

Melinda Wilson: Ich fand die beiden sehr gut gecastet.

Brian: Auch Landy.

Melinda: Oh Mann, als wir seine Stimme gehört haben, war es, als sei er wieder da. Aber er ist tot. Das war so gruselig.

Ich hätte Elizabeth Banks, also Sie, am Ende gern umarmt.

Melinda: (Lacht) Wissen Sie, so viele Menschen kennen die Landy-Geschichte gar nicht. Unsere ganzen Freunde, die den Film mit uns gesehen haben, wussten hinterher nicht, was sie sagen sollen.

Brian Wilson und seine zweite Frau Melinda

Brian Wilson und seine zweite Frau Melinda


Wie schwer ist es, darüber jetzt offen zu reden?

Melinda: Es ist seltsam, denn die Arbeit am Film hat schon 1995 begonnen.

Brian: Das Skript wurde oft umgeschrieben.

Und an der Musik haben Sie auch mitgearbeitet, oder?

Brian: Ich habe ihnen gesagt, wie es geht.

Melinda: Der Komponist (Atticus Ross, Anm.d.Red.) war ganz eingeschüchtert.

Mister Wilson, "Love&Mercy" ist der Titel eines Songs, den Sie für Ihre Frau geschrieben haben. Schreiben Sie ihr heute noch welche?

Melinda: "Cry" war der letzte. Und ich habe geweint. Da hat er noch einen geschrieben, um sich zu entschuldigen, dass er mich zum Weinen gebracht hat.

Mister Wilson, wäre es einfacher für Sie, jetzt Musik zu machen als zu reden?

Brian: Ja, ich würde lieber nicht reden. Denn Reden ist auch eine Kunst, und die beherrsche ich nicht so gut.

Melinda: Er spricht durch seine Musik. Die meisten Leute meinen, dass Brian nicht viel spricht, dass er schüchtern sei. Das ist er auch, aber manchmal spricht er ganz viel. Vor allem wenn er etwas will. (lacht)

Brian: (lacht mit) Das stimmt.

Der Beach Boy-Song "God only knows" gilt vielen als Wilsons absolutes Meisterwerk. Der Song hat sogar Beatle Paul McCartney zum Weinen gebracht.



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Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo