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16. September 2008, 14:54 Uhr

Schlägerbanden bedrohen Bollywoodstars

Erst Amitabh Bachchan und dann Shah Rukh Khan: Bollywoodstars geraten zunehmend ins Visier eines chauvinistischen Lokalpolitikers und seiner Schlägerbanden. Und das, weil sie in Hindi sprechen oder sich als "Mann aus Neu Delhi" vorstellen. Die Polizei schaut weg, Politiker schweigen. Von Swantje Strieder, Mumbai

Amitabh Bachchan, Bollywoods Superstar, während der Dreharbeiten zu seinem neuen Film "The last lear"© AFP

Meinen Nachbarn hier im hippen Viertel Juhu geht es gerade ziemlich schlecht. Keine Hypotheken- oder gar Jobkrise, sie müssen auch nicht auf der blanken Straße schlafen oder im Slum ohne fließend Wasser wohnen wie über zehn Millionen in Mumbai. Schließlich sind sie Filmstars, ein reicher Familienclan, ein strahlendes Viergestirn an Bollywoods Firmament und in der Hindi-Filmwelt so beliebt wie Brangelina oder Douglas-Zeta Jones in Hollywood, L.A. Ich meine den Bachchan-Clan, angeführt von Leinwandlegende und Haudrauf Amitabh Bachchan, 65 und doch kein bisschen leise und seiner wackeren Ehefrau Jaya, Schauspielerin, Politikerin, Wohltäterin, eine ehrbare Dame im gelben Sari, die, wie sie selber sagt, niemals die zweite Geige hinter ihrem Big B gespielt hat. Dazu kommen Sohn Abhishek, 33, leicht angespeckt, aber ebenfalls gut im Filmgeschäft und seine bildschöne Frau Aishwarya Raj, ehemalige Miss World. Bollywoods neues junges Traumpaar eben.

Auch ich als arme ausländische Nachbarin bekomme stets einen Sonnenstrahl ihres Glamours ab, wenn mich etwa der Taxifahrer in Jaipur oder der Rikschamann in Dehli ergriffen fragt, "Wirklich, Madam, Sie leben in Juhu Beach! Dann kennen Sie doch sicher Amitabh Bachchan." "Der ist quasi mein Nachbar," gebe ich gerne ein bisschen an, "immer, wenn ich zur Bank muss, gehe ich an seiner Villa vorbei". In Indien sind Filmstars nun mal Götter!

Jagd auf Gastarbeiter

Doch nun droht in Bollywood Götterdämmerung. Seit gestern ist die Bachchan-Villa, ohnehin seit einem Brandanschlag im Februar mit meterhohen Zäunen umgeben, völlig verbarrikadiert. Vor der Einfahrt, wo sonst nur zwei, drei Wachleute leutselig auf Plastikstühlen lümmeln, herrscht nun großes Polizeiaufgebot: Die Bachchans fürchten um ihr Leben, ihre Sicherheit und - nicht zuletzt um ihr Leinwand-Imperium! Schuld daran ist mal wieder Mumbais chauvinistischer Rechtsaußen-Politiker Raj Thackerey (siehe auch Mail aus Mumbai: Sprache der Gewalt), der mit seinen Schlägerbanden den "Marathi-only-Staat" im sonst so kosmopolitischen Mumbai durchsetzen will. Nicht Hindi oder Englisch, immerhin die zwei landesübergreifenden Amtssprachen Indiens, Marathi soll zukünftig die Sprache Mumbais sein. Im vergangenen Winter schon hatten seine Straßenbanden Hindi sprechende nordindische "Gastarbeiter" terrorisiert und zur Flucht in ihre Dörfer gezwungen, was Mumbais Wirtschaft viele qualifizierte Arbeitsplätze kostete. Verrückt, aber leider wahr.

Demütig vor dem Pöbel

Jaya Bachchans "Verbrechen" bestand nun darin, dass die Filmqueen jüngst auf einer Musikgala in englischer Sprache (glücklicherweise hat der Marathi-Terrorist Thackerey noch nicht die Englisch-TV-Kanäle oder gar die Deutsche Welle zerschlagen), gesagt hat, dass sie lieber Hindi als Englisch spräche. Schließlich seien sie und ihr Mann, wie jedes Kind wisse, aus dem nordindischen Uttar Pradesh. Die harmlose Bemerkung, eigentlich eine Hommage an die indische Nation und ihre Hindifilme, ließ Raj Thackerey Amok laufen. Jaya B. habe die Marathi-Kultur tief beleidigt, alle Filme der Bachchans seien ab sofort gebannt. Zuerst gab sich Bollywood noch gelassen, Jaya entschuldigte sich herzzerreißend und hoffte wohl, damit den Fall aus der "Marathi-only"-Sprachwelt zu schaffen. Schließlich standen für Ehemann Amitabh wie für Sohn Abhishek und sie selbst wichtige Premieren an. Da rissen bereits grölende Marathi-Banden die ersten Filmplakate von Amitabh Bachchans mit Vorschusslorbeeren bedachten Film "The last Lear" von den Wänden und warfen sie in die Abwasserkanäle. Und die Polizei von Juhu, mehrheitlich mit Marathi sprechenden Beamten besetzt, tat mal wieder, was sie am besten kann: nichts. Außer seelenruhig zuzusehen, wie ein Mob aufgeheizter Marathis ironischerweise ihr Opfer Jaya Bachchan wegen "Volksverhetzung" und "Verletzung nationaler Gefühle" anzeigte.

Mit Hilfe höherer Gewalt

Wenige Tage später trat Bollywoods alter Haudegen Amitabh, der selber, im Film wie im Leben, oft genug den Rüpel spielte, lammfromm vor die Presse und gelobte Besserung für sich und seine Frau. Und sagte schweren Herzens seine Premiere ab, die zwei Tage darauf gezeigt werden sollte. Marathi-Extremist Raj Thackerey aber blieb beinhart. Am selben Abend schlugen seine Banden die Scheiben unseres Premierekinos in Juhu entzwei, das Bachchans Film hätte zeigen wollen. Und Mumbais Politiker? Immerhin ist Jaya Abgeordnete vom Bundesstaat Maharashtra, dessen Hauptstadt Mumbai ist. Doch die Kollegen blieben merkwürdig stumm, fast gelähmt vor Angst, sich's mit der Marathi-Mehrheit zu verderben. Immerhin sind Wahlen im nächsten Herbst.

Schließlich griff die Höhere Gewalt in der Hauptstadt Neu Dehli zum Telefon: Sonia Gandhi, mächtige Chefin der Congress Partei, rief ihren Parteigenossen und Ministerpräsidenten von Maharashtra Vilasrao Deshmukh an und stellte die einzig vernünftige Frage: Wie lange er dem Straßenterror gegen Indiens Filmidol und seine Familie noch tatenlos zusehen wolle. Die Antwort des Herrn Ministerpräsidenten ist leider nicht bekannt. Wahrscheinlich hat er in der typisch indischen Art den Kopf hin- und hergewiegt, was ja, jein oder nein heißen kann, aber am Telefon nicht zu sehen ist.

Mehr Dankbarkeit bitte

Während die Politposse um den Bachchan-Clan weiter schwelt, kündigt sich neuer Ärger für Bollywood an. Superstar Shah Rukh Khan hatte es kürzlich gewagt, sich als "Dilliwala", als Mann aus Dehli, zu bezeichnen. Schließlich ist er in Indiens Hauptstadt geboren. Was für eine Unverschämtheit, polterte der alte Bal Thackerey los, der böse Onkel des Einpeitschers Raj und Chef von Shiv Sena, der großen, wenn auch nicht ganz so radikalen "Marathi-only"- Partei, "hat Mumbai ihm nicht alles, Karriere, Ruhm und Reichtum gegeben?" Da solle der Star gefälligst tief dankbar sein.

Die Autorin Als Swantje Strieder vor einigen Jahren, damals für den "Spiegel", aus Indien berichtete, waren Hungersnöte, Mitgiftmorde und Grenzkriege die beherrschenden Themen. Nach Zwischenstationen in Rom, New York und Hamburg ist sie wieder nach Indien zurückgekehrt und lebt in der Mega-City Mumbai. Vom mühsamen und doch faszinierenden Alltag berichtet sie jede Woche in ihrer "Mail aus Mumbai".

Von Swantje Strieder, Mumbai
 
 
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