Matthias Schweighöfer spielt Marcel Reich-Ranicki. Den Segen des Meisters hat er. Konnte also kaum etwas schiefgehen bei der Verfilmung des Literaturkritiker-Lebens. Ein Besuch bei den Dreharbeiten. Von Birgit Lahann

Ortsbestimmung: Matthias Schweighöfer und Katharina Schüttler spielen in Breslau eine Taxiszene, die in Warschau angesiedelt ist© Karin Rocholl
Maske! Ja? Bitte helft dem Matthias mal, sagt Regisseur Dror Zahavi. Heult er? Ja, er heult. Vor Lachen. Also Brille ab und tupfen. Schweighöfer mit den himmelblauen Augen trägt als Reich-Ranicki graugrüne Kontaktlinsen. Da ist Lachen gefährlich. Dabei gibt es in der Szene gar nichts zu lachen. Er sitzt 1953 mit einer Jugendfreundin im Warschauer Hotel "Bristol", und die junge Schauspielerin rät ihm, zusammen mit seiner Frau Tosia in die DDR zu gehen. Wie?, fragt er da, in ein Land, in dem die Dichter, die ich liebe, nicht gedruckt werden dürfen? Niemals! Er wolle nach Westdeutschland und Kritiker werden. In die BRD? Wo die Täter frei herumlaufen?, fragt die Freundin entsetzt.
Der 27-jährige Schweighöfer spielt den 33-jährigen Reich-Ranicki leicht nervös mit wippendem Fuß und kühl mit klugem Blick. Doch wenn die Szene ewig wiederholt werden muss, weil draußen eine zu moderne Hupe hupt, weil drinnen eine Tür knallt oder weil irgendwo gequatscht wird, kann Schweighöfer irgendwann nicht mehr. Da nimmt das Lachen seinen Lauf - bis die Kontaktlinsen schwimmen.
Ich besuche den echten, den heute 88-jährigen Marcel Reich-Ranicki in Frankfurt. Kommen Sie um vier, sagt er am Telefon, aber ich kann Ihnen gaaar nichts zum Film erzählen. Ich denke, das wird mir reichen, sage ich. Eine mollige Pflegerin öffnet. Die Sonne scheint, die Balkontür steht offen, im schwarzen Ledersofa des Wohnzimmers sitzt die bald 90-jährige Teofila Reich-Ranicki - Tosia, wie ihr Mann sie noch immer liebevoll nennt -, weiße Haare, heller Teint, Rouge und rote Lippen. Wollen Sie auch eine?, fragt sie mit etwas rostiger Stimme und hält die Zigarettenschachtel hoch.
Dann tritt der Meister ein. Was gibt's Neues? Erst mal wird ein bisschen geklatscht. Er möchte wissen, ob der X mal mit der Y zusammengelebt hat. Ich werd es für Sie rauskriegen, sage ich. Und was soll ich nun erzählen?, fragt er. Ob Sie Angst haben vor dem, was gerade über Sie in Köln und danach in Polen gedreht wird. Ich hoffe, dass es ein guter Film wird, sagt er, aber ich fürchte, es wird ein schlechter. Warum? Traut er Matthias Schweighöfer die Rolle nicht zu? Doch, sagt er, der Schweighöfer ist gut, aber aus dem jungen Schiller hat er beinahe einen Bajazzo gemacht. Was dem Film fehlt, ist der Ehrgeiz, sagt er. Schiller war unerhört ehrgeizig, hatte die "Räuber" geschrieben, den "Fiesco", "Kabale und Liebe". Und da kann man eben nicht so rumhopsen auf dem Bildschirm.
Schweighöfer lacht, als ich es ihm in der Drehpause erzähle. Das mit dem Bajazzo hat er ihm auch gesagt, als er ihn in Frankfurt besuchte. Er kommt eben aus einer ganz anderen Schule, sagt er. Über Gustaf Gründgens haben sie geredet, über dessen Sprachkultur, und da habe Reich-Ranicki natürlich Probleme, wenn er, Schweighöfer, Schiller auch mal nuscheln lässt.
Wie hat er sich auf seine neue Rolle vorbereitet? Er hat natürlich Reich-Ranickis Erinnerungen durchgearbeitet. Und er habe den Marcel ganz simpel gefragt, wie das war, als er und Tosia versteckt waren und Angst hatten, verraten zu werden. Vor allem aber hat er Reich-Ranicki und seine Frau beobachtet, hat sich gefragt, was es bedeutet, mit jemandem so viel durchgestanden zu haben. Da sei ihm klar geworden, dass er die Rolle über Tosia denken muss, denn sie, sagt er, macht die Hälfte bei ihm aus, wenn nicht noch mehr. Im Übrigen habe Reich-Ranicki ihm schon Absolution erteilt. Ja, sagt Reich-Ranicki, sie haben uns alle hier zu Hause besucht und haben Fragen gestellt, der Regisseur Zahavi, Katharina Schüttler, die Tosia spielt, und Schweighöfer. Was konnte er seinem Alter Ego für die Rolle mitgeben? Gar nichts, sagt er.
Katharina Schüttler erzählt, sie habe bei jenem ersten Besuch so viele Fragen gehabt, aber gefragt habe erst mal Reich-Ranicki. Er wollte von ihr wissen, wo sie herkommt, welche Stücke sie gespielt hat, ob sie einen Freund hat, ja, ja, wollte er wissen. Und wenn Reich-Ranicki nach Berlin käme, möchte er sich ihre Penthesilea anschauen, um zu sehen, wie eine so zarte Frau die Amazonenkönigin spielt. Es war ein wirklich schöner Nachmittag, sagt sie, mit Käsekuchen und Eierstich. Und dann hat sie nachgehakt: ob es etwas gebe, das sie für die Rolle wissen müsse. Da hat Reich-Ranicki gesagt: Es ist alles viel schlimmer gewesen.
Wieder in Köln. Neue Szene. Es ist das Jahr 1949. Marcel Reich hat sich den polnisch klingenden Ranicki an seinen Namen gehängt, weil er damals für den stalinistischen Geheimdienst Polens in London gearbeitet hat. Jetzt wird er von seinen unzufriedenen Genossen verhört. Die Sache endet mit Gefängnis und später dem Rauswurf aus der kommunistischen Partei.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 34/2008