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14. Juni 2007, 11:31 Uhr

"Nie geglaubt, sechzig zu werden"

Mit 15 wurde sie berühmt. Mit 30 war sie fast tot. Und mit 61 brilliert sie als wichsende Oma in dem Film "Irina Palm". Marianne Faithfull schaut auf ein turbulentes Leben zurück, in dem keine Zeit blieb, für die Rente zu sparen. Von Claus Lutterbeck

Spielt im Film "Irina Palm" eine wichsende Oma: Marianne Faithfull© X Verleih/DDP

Da steht sie und singt, stampft mit ihren schwarzen Lackstiefeln auf die Bühne und klammert sich ans Mikrofon wie an einen Rettungsring. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt noch stehen und singen kann, eigentlich hätte Marianne Faithfull, 61, schon hundert Mal tot sein müssen, verreckt an Heroin und allem, was sonst noch verboten ist. Und längst begraben, irgendwo auf einem Londoner Armenfriedhof.

Nun ist sie wieder auf Tournee. Antwerpen, ein anonymer Saal gleich neben dem Bahnhof. "Oh doctor please" röhrt sie in den Raum, "I drink and I take drugs, I love sex and I move around a lot." Eigentlich kann man sowas nach fünfzig Jahren voller Oh-Baby-I'm-high-and-down-Gejaule kaum noch hören, aber wenn die Faithfull es singt, wirkt es beängstigend echt und verzweifelt. Ihre Stimme ist zerfräst von Whisky, Rauschgift, Verzweiflung, Kippen, LSD, Valium, Hustensaft, Einsamkeit und Koks.

Eine Stimme voller Wunden

Diese rauchige Stimme. "Sie hat mir all den Ärger eingebrockt." Aber ihr verdankt sie auch, immer noch am Leben zu sein. Eine Stimme voller Scharten und Wunden, wie das Leben dieser kleinen Frau, die gerade wieder mal groß rauskommt. Als Schauspielerin in "Irina Palm" ist sie ab 14. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

Sie tanzt ein paar ungelenke Schritte, greift in ihre blonde Mähne und wirft sie theatralisch zurück. Auch nach 45 Jahren im Geschäft ist die Faithfull unfähig zur Show. Sie inszeniert sich nicht, sie singt jeden Abend um ihr Leben. "Wir lieben dich", schreit ein Zuschauer zu ihr hinauf. Erschöpft und nassgeschwitzt stellt sie sich in ihrem kurzen Sackkleid vor einen Ventilator und lässt sich kühlen. "Ich brauch' jetzt einen Tee mit Honig", krächzt sie, und dann leise: "Das war nicht immer so." Nur eine Handvoll Leute wagt zu lachen.

Kräutertee statt Heroin

Früher hätte sie jetzt etwas Speed genommen, hätte ein paar Mandrax mit Wodka geschluckt, vielleicht noch zwei Nasen gezogen oder sich so viel Heroin gespritzt, bis sie hinter der Bühne in einen Eimer gekotzt hätte. Früher hätte sie sich irgendwo anlehnen müssen, heute steht sie breitbeinig vor ihrer Band, blond, klein, füllig, und trinkt Kräutertee. Als ein paar grauhaarige Fans als Zugabe noch "Sister Morphine" hören wollen, winkt sie müde ab. Ihre frostige Hymne an die Droge will sie nicht mehr singen: "Wir machen einen anderen Song heute Abend, okay?"

Anderntags sitzen wir im Frühstücksraum eines Antwerpener Luxus-Hotels, die Faithfull trägt ein quietschrosa Chanel-Jäckchen, darunter ein durchsichtige rosa Bluse und einen schwarzen BH. Es ist elf Uhr morgens, ihre Augen sind klein, übermüdet und rot gerändert, die Hände zittern leicht. Sie ist nervös, weil sie gerade mal wieder versucht, mit dem Rauchen aufzuhören. Auf dem linken Arm klebt ein Nikotin-Pflaster, es soll die letzte Sucht bekämpfen, die sie noch plagt. "Ich bin clean seit 20 Jahren, aber ganz ohne Narben ging es nicht." Sie hustet lang, ein tiefes Grollen aus der Brust. Im vergangenen Herbst wurde Brustkrebs diagnostiziert, "Gottseidank hat man ihn früh erkannt, ich hab's wohl grade noch mal geschafft". Seit Jahren ist sie HIV-positiv, "derzeit geht's mir gut, Inschallah, eines Tages wird mich der Virus kriegen, aber der Tag ist noch nicht da."

Kämpfen macht alles noch schlimmer

Wenn man 20 Jahre lang so rabiat versucht hat, sich zu zerstören, wie kämpft man sich dann wieder zurück ins Leben? Kämpfen, sagt sie, sei so ziemlich das Dümmste, was man machen könne, wenn man im Dreck steckt. "Wenn du kämpfst, machst du alles noch viel schlimmer." Früher habe sie das Leben auch als Schlacht begriffen, und "das Ergebnis war, dass ich in der Hölle gelandet bin". Erst seit sie Therapien macht und zu Psychiatern geht, hat sie begriffen, dass sie ihrer Sucht, dem Absturz, der Selbstmordgefahr und den Krankheiten nicht davon laufen kann. "Du musst jede Niederlage einstecken. Ergib dich! Nimm das Leben, wie es ist, und wenn die Realität Krebs heißt, dann akzeptiere sie, sonst frisst sie dich."

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