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23. Januar 2005, 03:03 Uhr

"Es ist eine Krankheit"

Regisseur Martin Scorsese übers Filmemachen, Flugangst und den exzentrischen Milliardär Howard Hughes, dem er nun mit "Aviator" ein Denkmal setzt.

Wird er dieses Mal den begehrten Oscar erhalten? Regisseur Martin Scorsese© Lucy Nicholson/DPA

"Brüste!", sagt Martin Scorsese. So wie er spricht, viel zu schnell und mit dieser drängenden Entschiedenheit, klingt es wie ein Befehl. Aber schon eine halbe Sekunde, nachdem er das Wort ausgestoßen hat - eine laaange Pause für ihn -, zieht er sein weites Lächeln auf, breitet in italienischer Geste die Arme aus und fügt hinzu: "Brüste, ich schätze diesen Teil der weiblichen Anatomie durchaus - aber er, er hat sie geliebt!"

Er, das ist der Exzentriker, Frauenheld und Abenteurer Howard Hughes, den Scorsese in seinem Film "The Aviator" überaus verständnisvoll porträtiert. Der 1976 völlig vereinsamt gestorbene Milliardär hatte unter anderem Luftfahrtrekorde gebrochen und jenen legendären Büstenhalter entworfen, der Jane Russell im schwülen Western "Outlaw" zum Sexsymbol erhob.

Scorseses fast dreistündiges Werk, das kommende Woche in den deutschen Kinos anläuft, wurde für sechs "Golden Globes" vorgeschlagen, inklusive einer Nominierung für den Regisseur. Mit Preisen überhäuft wird der 62-Jährige ("Taxi Driver", "Raging Bull") seit Jahrzehnten; er gilt als Amerikas bedeutendster Autorenfilmer - behutsame Umschreibung dafür, dass der schmale kleine Mann zuverlässig auf Hollywood-Konventionen pfeift und eher Verstörung denn Versöhnung sucht. Und wie alle zu Lebzeiten Verklärten hat er es schwer. So ist sein "Aviator" von der US-Kritik wohlwollend aufgenommen worden, aber mitnichten zu dem Meisterwerk erklärt, das man von einem Martin Scorsese erwartet.

Mr. Scorsese, zuletzt war von Ihnen eine brillante schauspielerische Leistung zu sehen - Sie waren ein Fisch im Zeichentrickfilm "Shark Tale".

Als ich im Tonstudio stand, um diesem kleinen Fisch meine Stimme zu geben, wurde ich heimlich gefilmt, und sie haben dem armen Tier anschließend meine Gesten und meine Augenbrauen verpasst. Na ja, meine fünfjährige Tochter Francesca fand's toll.

Als Sie in Francescas Alter waren, was haben Sie für Filme gesehen?

Oh, alles. Kino war in den 40er Jahren zwar Luxus, und wir waren weiß Gott nicht reich, aber mein Vater liebte Western, also habe ich schon als kleiner Junge alle Westernfilme gesehen. Ich war viel im Kino, denn ich hatte Asthma, und meine Familie wusste nicht, was sie sonst mit mir anfangen sollte. Besonders geliebt habe ich Monumentalfilme, und wenn ich nach Hause kam, malte ich alles, was ich gesehen hatte, mit Wasserfarben nach.

Howard Hughes war von 1948 bis 1955 Chef des Hollywood-Studios RKO. Wann stießen Sie auf seinen Namen?

Ich habe ihn zum ersten Mal im Abspann von "Stromboli" gelesen, Rossellinis Film, den er produziert und gegen den Willen des Regisseurs umgeschnitten und damit ruiniert hatte. Da war ich sechs Jahre alt. Später hörte ich all die negativen Geschichten von Hughes, dass er verrückt geworden war und so weiter. Ich wusste nichts von seiner Begeisterung fürs Fliegen. Er war ein "Aviator". Ich liebe dieses Wort, es ist ungebräuchlich heute, aber sehr romantisch.

Fliegen Sie gern?

Ich hasse fliegen. Ich hasse diese Luftlöcher. Meine Tochter findet es lustig da oben, ich nicht.

Der Held Ihres Films litt unter Verfolgungswahn, hatte krankhafte Angst vor Keimen und ein immenses Drogenproblem. Laut Ihrem Hauptdarsteller Leonardo DiCaprio staken etwa 20 abgebrochene Nadeln in seinen Armen, und in Amerika kannte früher jeder das Bild vom verwahrlosten Milliardär, dessen Fußnägel so lang waren, dass er darüber stolperte. Ist Hughes Ihnen sympathisch?

Ich mag ihn. Aber ich glaube nicht, dass ich unbedingt einen Film für ihn gedreht hätte.

Warum nicht?

Er war ein Kontroll-Freak. Er wollte alles selbst machen.

Und Sie wollen doch schon alles selber machen.

Richtig, aber ich halte viel von Kooperation! Seine Detailbesessenheit kann ich gut verstehen, ich bin genauso. Im "Aviator"-Drehbuch gefiel mir sofort die Szene, in der der junge Howard Hughes in einem Tanzclub den Hollywood-Mogul Louis B. Mayer fragt, ob er sich ein paar Kameras ausleihen könne. Er hatte 24, aber er brauchte noch zwei mehr. Er brauchte unvorstellbare 26 Kameras für die Luftaufnahmen in seinem Fliegerdrama "Hell's Angels"! Mayer sagte zu ihm, er solle wieder heim nach Houston, in Hollywood würde er nur Pleite gehen. Ich aber habe Hughes gleich verstanden. Wenn etwas nicht stimmt, darf man nicht nachgeben.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 03/2005

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