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Interview

"Diesen Teil der Geschichte werden wir nie los"

Sie ist eine der beliebtesten Schauspielerinnen Deutschland. Eigensinnig, risikofreudig und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Martina Gedeck über "Das Tagebuch der Anne Frank", die ganz persönliche deutsche Geschichte und das, was sie antreibt.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Martina Gedeck

Vielseitig wie kaum eine andere: Martina Gedeck spielte in "Bella Martha", "Das Leben der Anderen", "Der Baader Meinhof Komplex" und jetzt "Das Tagebuch der Anne Frank"

Das Bild, das ich nach diesem Film nicht mehr loswerde, ist nicht Anne, sondern das von Ihnen als ihre Mutter in dem Moment, als ihr in Auschwitz die Haare abrasiert werden.

Ich bin froh, dass wir dieses Bild gefunden haben, denn wie soll man den Holocaust filmisch ausdrücken? Es bleibt immer ein oft peinlicher Annäherungswert an die Wirklichkeit und sollte sich damit überhaupt nicht in Konkurrenz setzen. Deshalb finde ich diese Metapher eine gute und richtige Form. In diesem Bild sieht man die Essenz des Menschen in einem Blick.

Ein unendlich zerschlagener Blick.

Ja, Edith Frank wusste wohl, was kommt. Sie war schon vom Tod gefangen.

War das auch für Sie die härteste Szene?

Es gab noch eine und zwar, als alle in diesem kleinen Kabuff sitzen und sich nicht rühren dürfen, weil jemand in die Fabrik eingebrochen ist. Da wird Edith klar - oder das habe ich zumindest versucht zu verkörpern - in was für einen Tunnel sie gehen, und dass es kein gutes Ende gibt. Jemanden darzustellen, der sehenden Auges da hineingeht und das ertragen muss, war eine Herausforderung. Als Mutter vor allem. Ich glaube, für sie war ihr eigener Tod gar nicht das Schlimmste. Das waren die beiden Pole: die Angst und das Bewusstsein, in der Falle zu sitzen.


Wann haben Sie persönlich das erste Mal von Anne Frank gehört?

Ich weiß, dass ich das Tagebuch als Jugendliche gelesen habe, so mit 15 oder 16. Da haben wir uns auch in der Schule mit dem Dritten Reich beschäftigt. Relativ spät, finde ich.

Was war anders an der aktuellen Lektüre?

Ich habe damals zum ersten Mal einen Dokumentarfilm über Auschwitz gesehen. Das war ein großer Schock für mich. Ich war zutiefst verstört wie auch jedes Kind heute, das es zum ersten Mal sieht. Das bleibt einem - sofern man Deutscher ist - dann ja auch sein ganzes Leben erhalten. Dieser Teil der Geschichte gehört zu uns, den werden wir nie los. Vieles hat sich im Nachhinein für mich erklärt: Die Art und Weise wie Erwachsene waren, als ich Kind war. Diese Lust zu feiern, die Lust am Ausbrechen. Das war in der Zeit meiner Jugend, also Ende der 70er, Anfang der 80er, besonders stark ausgeprägt. Das alles hat die Generation der 68er ja vorgelebt. Damals habe ich nicht verstanden, warum das so eine Kraft hat und warum es auch immer um Leben und Tod ging. Warum man sich für irgendetwas opfert, dass man für oder gegen den Staat kämpft. Alles war immer sehr dramatisch. Und später habe ich es historisch einordnen können, habe das emotionale Gewicht begriffen. Seit damals habe ich das Tagebuch nicht mehr in den Händen gehabt. Erst durch die Recherche zum Film wieder. Und diese Ausgabe hat es so bisher nicht gegeben. Dieses umfassende Werk, das sie geschrieben hat, das kannte ich nicht. Da habe ich noch viel Neues erfahren. Anne Franks Leben hat sich für mich plötzlich ganz anders dargestellt. Viel lebendiger, viel reflektierter...

Auch das ganze Pubertäre, die sexuelle Selbsterfahrung...

Die Freiheit, die Anne Frank im Schreiben hatte, hat mich unglaublich fasziniert. Ich habe den Hype um sie immer verstanden, aber als ich das gesamte Buch gelesen habe, wurde mir klar, was für eine außergewöhnliche Person das war.

Viele Leute reagieren auf den neuen Film mit "Schon wieder?" Macht Sie das wütend? Enttäuscht Sie das? Bestärkt Sie das?

Es ist die erste deutsche und sogar die erste europäische Verfilmung. Es gab davor keinen. Der einzige Kinofilm war bisher ein amerikanischer von 1959. Und den alten Film guckt sich doch niemand mehr an. Vor allem erkennt man in der neuen Umsetzung, wie zeitgemäß das eigentlich ist, wie zeitlos dieses Mädchen ist. Die Art und Weise, wie sie empfindet, was sie erlebt und wie sie das reflektiert, ist überhaupt nicht zeitlich einordbar. Das ist vor allem für junge Menschen spannend zu sehen und interessant, sich damit zu beschäftigen.

Weil es Empathie ermöglicht.

Die Situation, die hier beschrieben wird, außerhalb der Gesellschaft leben zu müssen, eingesperrt zu sein, umgeben zu sein von Gewalt, sich verstecken zu müssen, das alles sind ja keine einmaligen Vorkommnisse.

Warum wollten Sie diese Rolle spielen? Und wie wählen Sie eigentlich aus, was Sie spielen?

Wird es ein Film sein, der für unsere Zeit etwas bedeutet? Bringt er den Leuten etwas? Das ist eigentlich das Hauptkriterium. Für mich ist auch wichtig, wer den Film macht.

Vor dem Film war ich gegen Remakes. Danach denke ich, dass jede Generation ihre eigene Interpretation braucht, um es überhaupt zu verstehen.

Das glaube ich auch. Dieser Film geht sehr vom Innern aus. Du begleitest dieses Mädchen. Du bist sogar dieses Mädchen. Und das habe ich noch in keinem Film gesehen. Ich hatte bisher immer das Gefühl, man bleibt außen vor.

Sind Sie eigentlich glücklich mit Ihrer Karriere, Frau Gedeck?
Ja. Das würde ich schon sagen. (lacht)

Was ist der perfekte darstellerische Augenblick der Martina Gedeck?

Oha... Wenn man selbstvergessen spielt und im Moment ist. Wenn man nicht darüber nachdenkt. Das kann ich schwer beschreiben. Das kommt eigentlich immer von selbst.

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