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7. Mai 2004, 11:37 Uhr

"Sein Rücktritt war mir egal"

Warum will jemand den Verräter seines Vaters spielen? Matthias Brandt über die TV-Rolle als DDR-Spion Günter Guillaume und das Verhältnis zu seinem Vater Willy Brandt.

"Gegenüber dem Gymnasium, auf das ich ging, war groß an die Wand geschrieben: Brandt an die Wand": der Schauspieler Matthias Brandt© Herbert Peterhofen

Herr Brandt, Sie spielen in dem TV-Zweiteiler "Im Schatten der Macht" Günter Guillaume - den DDR-Spion, über den Ihr Vater gestürzt ist. Warum wollten Sie diese Rolle?

Mich hat diese Doppelexistenz sehr gereizt, die zwei Leben, die der Mann nebeneinander geführt hat. Ich habe mir immer vorgestellt, dass diese Existenz implodiert ist, dass sich wie bei einem Kurzschluss, wo die Drähte aneinander geraten sind, die beiden Leben berührt haben. Ich wollte der Sache auf den Grund gehen, wie das überhaupt geht.

Hatten Sie keine Sorge, dass die Besetzung als Marketing-Gag verstanden würde?

Nein. Hinterher habe ich oft gedacht: Wäre mir die Rolle angeboten worden, hätte ich es nicht gemacht. Aber ich habe mich ja selbst darum bemüht.

Und es hat auch niemand spekuliert, dass es sich um einen verspäteten Vatermord handeln könnte?

Das ist eine komische Sicht auf den Beruf, den ich ausübe. Das hieße ja, die Veranstaltung für therapeutische Zwecke auszunutzen. Das finde ich fahrlässig. Aber dass man auf den ersten Blick eine ödipale Komponente sieht - wenn ich als Unbeteiligter so einen Fall vor mir hätte, würde mir der Gedanke auch durch den Kopf schießen.

Sie zeigen Guillaume als einen Mann mit zwei Loyalitäten. Er dient der DDR, will aber Willy Brandt nicht reinreiten. Das war in der Realität wohl auch so. Ich fand das als Schauspieler interessant. Die Menschen bauen sich ja die erstaunlichsten Lebenskonstrukte. Verblüffend, dass es in diesem Menschen so lange funktioniert hat. Seine Verzweiflung rührte ja daher, dass er sich unverstanden fühlte. Ich glaube, der hat es letztlich nicht verstanden, dass er auf einmal nicht mehr zu seinem Chef durfte. Was verbinden Sie mit Guillaume aus Ihrer Erinnerung? So einen Adiletten-Feinripp-Typen, der auf der anderen Seite was Weltmännisches an den Tag legen wollte. Man beutet eine Figur auch hemmungslos aus, wenn man sie gekannt hat. Man geht da ja nicht mit Samthandschuhen ran. Man klaubt sich zusammen, was man in Erinnerung hat, und benutzt, was einem sinnvoll erscheint.

Sie kommen in dem Film auch vor, als Zwölfjähriger. Lässt einen das unberührt?

Das ist ja nichtsdestotrotz was Künstliches. Das sind Artefakte.

Auch wenn Sie die Szene sehen, wie Willy Brandt in Helgoland auf der Klippe steht und überlegt runterzuspringen?

Vielleicht würde ich anders reagieren, wenn ich den Film völlig unvorbereitet gesehen hätte. Aber ich war involviert. Jetzt sehe ich meinen Kollegen Michael Mendl, der das spielt. Das ist mein Blick darauf.

Guillaume hätte Sie bei einer Autofahrt in Norwegen beinahe mal ums Leben gebracht. Erinnern Sie sich noch?

Das hat sich mir sehr eingeprägt. Er war bekannt als katastrophaler Fahrer...

... aber sehr entschlossen!

Genau, Unfähigkeit durch Entschlossenheit wettgemacht. Mir ist das sehr präsent, diese Versteinerung, während er beim Überholen auf dieses entgegenkommende Auto zugerast ist. Komischerweise kann ich mich gar nicht erinnern, dass ich sehr erschrocken gewesen wäre. Mich hat mehr interessiert, was ist denn mit dem jetzt los? Der hielt einfach drauf. Da sind drei Entgegenkommende in den Graben reingefahren, und er hielt einfach drauf.

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