In dem Kinofilm "Der Rote Kakadu" spielt Max Riemelt einen Rock'n'Roll-Fan kurz vor dem Mauerbau. stern.de sprach mit dem Schauspieler über Lebensziele und sein Verhältnis zur DDR.

Max Riemelt bei der Premierenfeier von "Der Rote Kakadu"© Tom Maelsa/DDP
Es war immer Thema in der Verwandtschaft, wie der Alltag in der DDR geprägt war. Über die Nachkriegszeit wusste ich fast gar nichts. Ich hatte keine Vorstellung, wie das früher ausgesehen hat, wie die Leute ausgesehen haben, wie sie sich unterhalten haben.
Es ist ziemlich verblasst. Es war nicht gut, es war nicht schlecht, es war einfach meine Kindheit, und ich hatte keine Sorgen.
Das beschäftigt mich immer wieder, ich werde oft darauf angesprochen. Meine Freundin kommt aus dem Westen. Sie hat die Vorstellung, die Leute hätten dort total gelitten. Das zu berichtigen ist Überzeugungsarbeit. Ich habe mit meiner Mutter darüber gesprochen, die Menschen in der DDR hatten einen ganz normalen Alltag. Die haben sich ja nicht ständig mit anderen verglichen. Es war vielleicht ein bisschen extremer, wenn sie mit dem System, dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Und wenn es um die Zukunft ging, war man schon sehr abhängig vom Staat. Aber die Menschen haben nicht nur darüber nachgedacht, es gab auch schöne Momente.
Wenn man an Grenzen stößt und einem gesagt wird, was richtig und falsch ist, oder wenn man ohne Grund eingesperrt wird - das bringt einen schon zum Nachdenken. Es war ganz klar, dass sich Siggi die Frage stellen muss: Kann ich so weiterleben oder nicht?
Das bin auch ich ein bisschen, das trägt jeder in sich beim Erwachsenwerden. Die Figur ist sehr komplex, sie war sogar noch komplexer. Denn ursprünglich war der Film drei Stunden lang, da war noch viel mehr drin.
Das ist nicht falsch. Ich beobachte mich manchmal von außen. Manchmal glaubt man gar nicht, was aus einem raus kommt, wozu man fähig ist.
Die war ein starker Einfluss. Das war eine ganz tolle Atmosphäre. Ich war nie so ein Rock'n'Roll-Fan, aber in diesen Mittagspausen hatten wir eine Live-Band und Tänzer, die haben gespielt und getanzt. Das hat viel Spaß gemacht.
Wenn man neutral und unbelastet ins Kino kann, ist es die Atmosphäre. Die Normalität der Leute, dieser Alltag, wie sie mit der Problematik umgehen, wie sie ihr Leben leben und was sie daraus machen. Das ist ein Aspekt, den man nicht in der Schule lernt.
Nein, ich fühle mich noch nicht komplett. Ich stelle mir oft die Frage, ob es richtig ist, was ich mache, ob es Spaß macht oder nicht. Ich weiß es noch nicht so wirklich.
Ich bin schon so lange dabei, mein Abitur nachzuholen und kriege es nicht auf die Reihe, weil es mich doch sehr reizt, Filme zu machen. Jetzt denke ich darüber nach, ob das nicht zu viel ist, was ich mache. Ob ich dem gerecht werde. Es existieren so viele Schauspieler mit viel Potenzial in Deutschland, die auch das Recht dazu hätten, Filme zu machen. Vielleicht fühle ich mich noch nicht komplett genug, um das zu machen.
Ich stelle mir ein Abenteuer vor. Vielleicht erstmal reisen und sehen, was es noch so gibt. Neuseeland interessiert mich am meisten.
Erst mit "Napola" wurde ich richtig ernst genommen. Und dadurch, dass es mein Kinodebüt als Hauptdarsteller war, galt ich als Newcomer. Wenn ich noch zwei, drei Filme mache, dann könnte es zu etwas anderem reichen. Ich kann aber auch an Preisen nichts wirklich messen, weil ich nicht weiß, welche Motive dahinter stehen.
Interview: Carsten Heidböhmer
Zur Person: Max Riemelt wurde 1984 in Ost-Berlin geboren. Nach verschiedenen Auftritten in Film- und Fernsehfilmen gelang ihm 2003 der Durchbruch als junger Arbeitersohn Friedrich in dem NS-Drama "Napola". Die European Film Promotion wählte ihn zum deutschen Shooting Star 2005.