Startseite

Stern Logo Medienkolumne

Eine Serie für die Generation Facebook

Die Scripted-Reality-Serie "Berlin - Tag & Nacht" ist für RTL2 ein Quotenbringer. Der Trash passt jungen Menschen genau in den eigenen Medienkram: Spiel und Leben gehen ineinander über.

Von Bernd Gäbler

  Die WG von "Berlin - Tag & Nacht"

Die WG von "Berlin - Tag & Nacht"

  • Bernd Gäbler

S-b-s-a" - das ist eine der Lieblingsabkürzungen in den Drehbüchern für "Berlin - Tag & Nacht" und das Spin-Off-Format "Köln 50667": "Sex bahnt sich an". Und das müssen die Laiendartseller dann spielen: Sie tun es so wie immer - ungelenk. Wenn sie wütend sein sollen, rollen sie mit den Augen und fuchteln mit den Armen wild herum. Wenn sie traurig sind, ziehen sie eine Schnute und raufen sich die Haare. Bei Streit wird geschrien, zur Versöhnung liegt man sich in den Armen.

Der Plot und die verhandelten Konflikte sind meistens einfach und übersichtlich. Das Drehbuch ist simpel. Die Dialoge sind nicht vorgeschrieben, sondern werden frei so gesprochen, wie den Laiendarstellern der Schnabel gewachsen ist. Es gibt die pseudo-dokumentarische Wackelkamera, ausführliches voice-over der handelnden Personen und Kommentare, die diese in die Kamera sprechen. Hier erläutern sie dem Publikum noch einmal ihre Gefühlslage. Auch dies geschieht in einfacher Sprache oder kurzen Ausrufen. "Ich bin doch auch nur ein Mann", sagt Fabrizio, wenn er gerade mit der Angebeteten seines WG-Mitbewohners Ole in der Kiste war.

Sind wir nicht alle Laiendarsteller unseres Lebens?

Die Spielszenen dauern in der Regel etwa drei Minuten. Es sind Schnipsel. Gedreht wird fast durchgängig mit nur einer Kameraeinstellung ohne Schnitte. Mal hängt auch das Mikro ins Bild. Der Ablauf ist erstaunlich schematisch. Fast immer endet so ein Handlungsschnipsel mit dem O-Ton eines beteiligten Protagonisten, der erklärt, was das Schauspiel beim besten Willen nicht hergab. "Ich lieb' den Fabrizio aber immer noch", sagt dann JJ in die Kamera. Das Schlüsselwort dieser Art "aufgeschriebener Realität" heißt "authentisch". Alles soll wirken, als sei der Zuschauer live dabei. Die Macher spekulieren auf die Vermutung des Publikums: Das ist so schlecht gespielt, das kann nur echt sein.

Rolle und Darsteller sind eins - und so behandeln die Serienproduzenten und der Sender RTL2 auch das Produkt. Die Figuren kommen in den Nachrichten vor, in der Social-Media-Begleitung sollen die Zuschauer nicht etwa hinter die Kulissen schauen, sondern sich mitten hineinbegeben in die Auseinandersetzung mit den vorgeführten Charakteren. Auf dem "second screen" wird beraten, welchen Pizzabelag Fabrizio wählen soll und wie Liebesbeziehungen wachgehalten werden können. Auch der TV-Bildschirm soll nicht länger die Trennung sein zwischen einem hergestellten medialen Produkt und den Konsumenten, sondern Rolle und Darsteller, Image und Ich, Spiel und Leben sollen ineinander übergehen. Das entspricht dem Tippen und Touchen auf I-phone und Tablet, wie es Auszubildende und Schüler, Studierende und junge Angestellte rund um die Uhr praktizieren.

Welche Konflikte werden wie bearbeitet?

Kaum hat einer der Akteure von "BTN" (so lautet die Insider-Abkürzung) in die Kamera gesprochen, kommt auch schon der kräftig mit Musik unterlegte Trenner. Dies kann in einer Folge bis zu 17 Mal geschehen. In diesen trailerartigen Sequenzen werden Stadtszenen von Berlin wie in einem Video der Touristik-Information gezeigt. Das Flair einer pulsierenden Großstadt soll transportiert werden. Manchmal endet der Trenner auf einem Haus, das ist wie im elisabethanischen Theater dann die Ortsangabe für die folgende Szene.

"Berlin - Tag & Nacht" bietet nicht - wie es der Zuschauer aus Spielfilm oder Serie gewohnt ist - wenige Hauptdarsteller und mehrere "supporting acts", sondern ein weitläufiges Figurenpanorama. Die Akteure sind in zwei zentrale Wohngemeinschaften und Altersgruppen aufgeteilt. In der Haupt-WG, in der man die Bewohnen oft in Schlabberlook, Unterhemden oder Bademantel am Frühstückstisch sitzen sieht, wohnen Joe Möller, Fabrizio Di Mario und JayJay, die im Frühjahr zunächst die Freundin von Frabrizio war, bald aber ins komfortable Loft von Piet Berger, dem tyrannischen Besitzer des "Matrix", eingezogen ist.

Alle sind großflächig tätowiert. Die Männer um die vierzig tragen fingerdicke Silberketten um ihre Stiernacken. Hinzu kommt noch die bisexuelle Alina, der verträumte Schlagersänger Ole, Marcel, ein Tätowierer, und Sofi Bach, die gerne Soul singen würde, aber in die Volksmusik gedrängt wurde. Arbeitslose Kosmetikerin, Fitness-Trainer, Erotik-Model, Bar-Chefin, Geschäftsführer eines Hostels, Go-Go-Tänzerin, DJ oder Türsteher - das ist die Palette der vorgeführten Berufe. Immer gibt es etwas zu feiern.

Im Prinzip sind alle immerzu geil. Alle Probleme kreisen um die eigene Befindlichkeit. So etwas wie ernsthaftes Lernen, systematische Ausbildung oder Bildung existiert nicht. Bücher oder Zeitungen wird man vergebens suchen, aber alle haben Handys. Gespräche kreisen ausschließlich um Privates, nie geht es um ein gesellschaftliches Problem. Was in der Welt los ist, kommt nicht vor.

Meist geht es um Freundschaft und Verrat

Eine zweite WG ist deutlich jugendlicher: "Krätze", ein vorlauter Tunichtsgut, der mal als Küchenhilfe zu arbeiten versucht, wohnt hier mit seinem Freund "Schmidti", dessen besser situierte Eltern gelegentlich auftauchen, sowie zunächst Hanna, die Tochter des glatzköpfigen und muskelbepackten Joe Möller, der in der anderen WG mit seiner blonden Freundin Peggy haust. Aber bald zieht hier die blonde Küchenhilfe Miri ein, in die sich "Krätze" ebenso heillos verliebt wie sein Kumpel "Schmidti". In dieser zweiten WG werden vornehmlich Probleme jüngerer Zuschauer, man könnte auch sagen Pubertätsprobleme, verhandelt. Meist geht es um Freundschaft und Verrat, aber auch um Liebe und Verantwortung.

Das Laienschauspiel mit eingeschränktem mimischen und sprachlichen Repertoire führt zu einer bestimmten Gestaltung der gescripteten, also ausgedachten Konflikte. Immer fehlt es an Vernunft, klugem Einlenken oder sinnvollen Kompromissen. Weil die Darsteller keine Gefühle fiktionalisieren können und ihre Sprache so arm ist, eskalieren alle Konflikte. Die Versöhnung kommt dann meist aus heiterem Himmel. Aus diesem Grund sind die Scripted-Reality-Formate geradezu eine Gegenmodell zu den nachmittäglichen Serien und Telenovelas. Zwar wird auch da heftig intrigiert und Gift über vermeintliche Freunde verspritzt, aber in der Regel geht es bedeutend gesitteter zu und weniger freizügig.

Aber nicht die Form oder das Genre markiert den entscheidende Differenz zwischen Telenovela und Scripted Realtity, sondern der Inhalte: Härte statt Idylle. Formate wie "Berlin - Tag & Nacht" sind eine Gegenbewegung zu Märchen, Beschönigung und überzuckerter Harmonie. Die heilende Zauberformel in Serie und Soap lautet: "Wir müssen darüber reden". Kommunikation schafft Kommunio. Das Gespräch stiftet die Gemeinschaft. Zwar gibt es auch in "Berlin - Tag & Nacht" ständig wieder eine Versöhnung, aber die prinzipielle Heilung steht meist ebensowenig im Script der Realtiy-Formate wie Diskretion. Weil sie härter sind, wirken diese Sendungen für viele Zuschauer auch "ehrlicher".

Und die Moral ...?

Zwar sind alle immer geil, stets auf ihren Vorteil bedacht oder hegen hinterhältige Absichten, aber dennoch umspielt auch "Berlin - Tag & Nacht" permanent moralische Normen. Man soll nicht mit der Angebeteten des besten Freundes ins Bett gehen. Man soll sich nicht demütigen lassen. Man soll auf Freundlichkeiten eines Hinterhältigen nicht hereinfallen und so weiter.

Wie aber kommt die Moral ins Spiel, wenn die Individuen im Kern alle Egoisten sind? Meist wird sie übergestülpt. Die Moral ergibt sich nicht als frei vereinbartes Regelwerk vernunftbegabter Menschen, sondern als äußere Norm, die zu befolgen ist, weil der Mensch ansonsten ein so schwaches Mängelwesen ist. Moralisches Handeln ist nicht angelegt in den Figuren oder Resultat ihrer Gespräche, sondern wird ihnen auferlegt. Sie kommt wahlweise als Rache, Willkür oder ausgleichende Gerechtigkeit daher. Wahrscheinlich funktioniert "Berlin - Tag & Nacht" auch deswegen gerade bei sehr jungen Zuschauern so gut: Moral wirkt wie ein Angriff auf die Autonomie der Individuen.

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools