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Schmierfinken schützen vor Berlusconi-Effekt

Das Volk hat ihn geliebt, sie haben ihn kritisiert: im Fall Guttenberg haben die Medien ihren Job zwar gut gemacht. Dennoch müssen sie Demokratie künftig besser vermitteln - ohne Show-Effekt.

Von Bernd Gäbler

In der Causa Guttenberg war zu spüren, was sich schon in der Begeisterung für einen potenziellen Bundespräsidenten Joachim Gauck und erst recht im Hype um Thilo Sarrazin ankündigte: In der Bevölkerung denken viele ganz anders als in den Medien zu hören, zu sehen oder zu lesen ist. Müssen die Journalisten nun in sich gehen, weil sie einer abgehobenen Kaste angehören, die nicht mehr weiß, was das Volk denkt?

Nicht unbedingt. Journalismus ist und bleibt etwas anderes als Demoskopie. Gerade wenn Medien in der Wahrnehmung und Vermittlung von Politik eine immer größere Rolle spielen, müssen Journalisten die Funktion der Medien als "vierte Gewalt" betonen, also den Regierenden kritisch auf die Finger schauen. Dazu kann auch gehören, Kontroversen mit der vorherrschenden Meinung im Volk zu suchen statt sie zu meiden. Dem Volk aufs Maul zu schauen - das ist in Ordnung. Dem Volk nach dem Mund reden - das wäre das Ende des Journalismus. Neues käme so nicht in die Welt. Qualifizierte Meinungen entstehen nur durch Streit. Logische Argumente und Fakten sollten dabei eine Rolle spielen. Schon im "Hamlet" macht Shakespeare auf eine "verworrene Menge" aufmerksam, die mehr mit dem Auge als mit Verstand urteilt. Wer nur Stimmungen gerecht werden will, macht Journalismus überflüssig.

Debatte hat deutschen "Berlusconismus" verhindert

Diese erste Antwort befriedigt nicht ganz. Besteht nicht doch eine gesellschaftliche Gefahr, wenn die Meinungen zwischen den Empörten oder Begeisterten auf der einen Seite und einem politisch-journalistischen Komplex so sehr auseinander klaffen? Aber das Bild: hier das Volk - da die Medien ist zu einfach. Es waren nicht "die" Medien, die zu Guttenberg erst "hochgeschrieben" und dann "niedergemacht" haben. Zunächst war da eine Fachpublikation ("Kritische Justiz") mit einer kritischen Besprechung der Doktorarbeit des Verteidigungsministers; von dort ging es in die "Süddeutsche Zeitung", von da in alle meinungsbildenden Massenmedien.

Dann entwickelte sich - quer durch alle Medien - ein munterer Pluralismus. "FAZ" und "taz" kritisierten Plagiat und Betrug, das führende Boulevard-Printmedium "Bild" warf sich sogar in etlichen TV-Talkshows pro Guttenberg in die Bresche, das führende Intellektuellen-Organ "Die Zeit" plädierte per Leitartikel des Chefredakteurs für dessen Amtsverbleib. Dennoch entwickelte der Skandal eine andere Dynamik. Die Macher von "GuttenplagWiki" im Internet erwiesen sich eben nicht als hetzende Jäger, sondern als abgeklärte Sammler. Das Netz lieferte Material, das Fernsehen Anschauungsunterricht - wie zuletzt durch das im Netz immer wieder aufgerufene Interview mit dem Bayreuther Professor Oliver Lepsius im "heute-journal" - Zeitungen und Zeitschriften argumentierten gründlich.

Merkels Pragmatismus ist zerschellt

Insgesamt wurde daraus am Ende eine umfangreiche Selbstverständigung von Politik und Gesellschaft über moralische Standards, die eigentümliche Welt der Wissenschaft und gutes Regieren. Das wesentliche Resultat: Politik ist zwar keineswegs identisch mit Moral und Wissenschaft; aber weder der Regierung noch einzelnen Parteien oder Journalisten ist es gelungen, die Politik völlig von diesen gesellschaftlichen Sphären abzuspalten.

Auch Merkels Pragmatismus, mit dem sie erklärt hatte, sie habe zu Guttenberg nicht als "wissenschaftlichen Assistenten", sondern als Verteidigungsminister eingestellt, ist zerschellt. Das ist ein wichtiges Resultat. Alles andere würde einem deutschen "Berlusconismus" Tür und Tor öffnen. Das eigenartig halb-demokratische Berlusconi-Italien lebt davon, jede Verfehlung des glamourös Regierenden in den Bereich des Privaten abzuschieben, Medien auf die Funktion eines Amüsierbetriebs zurückzuschrauben und jede Sachdebatte zur neidische Hetze gegen einen Erfolgreichen umzudeuten. Der auch in Deutschland festzustellende Drang zu einer "postdemokratischen Mediokratie" ist zunächst einmal gestoppt.

Der Demokratie fehlt die Magie

Aber auch das löst nicht das Problem mangelnder Verständigung, die nicht nur zwischen den Pro- und Contra-Guttenberg-Lagern herscht, sondern vor allem zwischen den Artikulatoren populärer Meinungen einerseits und dem arrivierten Betrieb aus institutionalisierter Politik, klassischem Journalismus und moralisierenden Meinungsmachern.

Joachim Gauck wurde gefeiert, weil seine Lebensklugheit und ehrliche Rhetorik ungewöhnlich wirkten. Thilo Sarrazin flogen die Herzen zu, weil den kritischen Meinungsbildnern unterstellt werden konnte, sie bewohnten ohnehin die besseren Etagen und ließen alle Menschen allein, die in Schule, Straßenbahn, Wohnvierteln, Gerichtsgebäuden oder auf dem Arbeitsmarkt Ausländern tatsächlich begegneten. Zu Guttenberg galt einfach als "toller Typ" - endlich gab es wieder einen Pop-Star unter den Politikern. Viele empfanden ihn als leidenschaftlich und unverstellt. Seine Kritiker dagegen sahen im Doktor-Betrug ein "pars pro toto": Ein substanzlose Blender mag sich in Heldenpose werfen, ein mitreißender Demokrat aber dürfe so gerade nicht sein.

Und da liegt das Problem. Alles, was heute als demokratisch daher kommt, wirkt oft bürokratisch, riecht nach langwieriger Verwaltung und kleinteiliger Vernunft, nach Hinterzimmer, endlosen Verhandlungen und abwägendem Pragmatismus. Die Farbe ist mausgrau. Man vergleiche einmal die "Story-Qualität" vom Aufstieg und Fall des KT mit dem Zustandekommen des Hartz-IV-Kompromisses. Der Demokratie fehlt die Magie. Politiker kungeln; Journalisten, von vielen ohnehin als die Schmierfinken der Nation angesehen, drehen auf der Glatze Locken oder anderen das Wort im Mund herum - Wahlabstinenz und Entpolitisierung sind die Folge.

Wunsch nach Klarheit

Dass es in der Bevölkerung einen Wunsch nach Leidenschaft, nach Klarheit, sogar nach Prinzipientreue und Führung gibt, ist deutlich - undeutlich ist, wie es gelingen kann, ihn an demokratische Debatten und transparente Sachentscheidungen zu binden. Darüber muss der Journalismus nachdenken. Denn nur so sind auf Dauer Ressentiment und Rassismus zu vermeiden.

Der Guttenberg-Kult - im Für wie im Wider - ist die falsche Antwort auf eine große, offene Frage: Wie können Leidenschaft und Demokratie eine gute Ehe eingehen? Die Idolisierung eines bunten Glamour-Politikers, die Begeisterung für eine Basta-Führung entscheidungsstarker Kanzler, das Aufschauen zu rhetorisch begabten Präsidentschaftskandidaten, selbst die Hingabe, die einer reumütigen ehemaligen Bischöfin entgegen schlägt, lösen nicht das aktuelle Kernproblem einer demokratischen Öffentlichkeit.

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