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Der neue Bremer Stadtmusikant

Der ARD-Kleinst-Sender Radio Bremen hat eine Chance vertan. Bei der Auswahl des neuen Intendanten ging es zu wie überall in den Sendern - auch Jan Metzgers Berufung ist ein Produkt des Parteienklüngels.

Radio Bremen bekommt einen neuen Intendanten. Die Findungskommission unter Leitung von Eva-Maria Lemke-Schulte (SPD) wurde fündig, die SPD ist froh und die Grünen sind begeistert. Sie bemängeln lediglich, dass der neue Intendant von Radio Bremen keine Frau ist. Am 14. Mai wird im Rundfunkrat gewählt und das Ergebnis steht zweifelsfrei jetzt schon fest: Jan Metzger (53) wird in Zukunft den kleinsten ARD-Sender führen und repräsentieren.

Damit hat Radio Bremen eine Chance vertan. Wieder einmal gibt es keine kreative Lösung, kein besonderes Zeichen, keine Betonung der Andersartigkeit des kleinen Senders - sondern auch an der Weser geht es zu wie überall in der ARD: Am Ende entscheidet der Parteienklüngel. Der Vorgänger, Heinz Glässgen (65), parteilos und konservativ, wurde als Repräsentant der Großen Koalition installiert, die zwölf Jahre lang in Bremen regiert hat. Mit der erneuten Etablierung von rot-grün in der Bremer Landespolitik waren seine Tage gezählt, eine Vertragsverlängerung, die er ursprünglich forcieren wollte, stand nicht mehr in Aussicht.

Wer ist Jan Metzger?

Offiziell ist der einzig verbliebene Kandidat für das Amt parteilos. Tatsächlich aber ist er Spross des ältesten südhessischen SPD-Adels. Die Agenturen haben gemeldet, dass nun ein "ZDF-Mann" den kleinen Sender an der Weser leiten würde. Das ist Quatsch. Jan Metzger ist durch und durch ein Mann des Hessischen Rundfunks und durch und durch ein Mann der SPD. Nur am Ende, als es in der Frankfurter Bertramstraße kein Weiterkommen für ihn gab, wechselte er nach Wiesbaden und heuerte beim "heute-Journal" an. Als Chef-Moderator Claus Kleber dort einen Sondervertrag aushandelte, rutschte er in die Redaktionsleitung, die er gerade erst seit Jahresbeginn innehat.

Wem der Name Metzger vertraut vorkommt, liegt richtig. Dagmar Metzger, jene hessische Landtagsabgeordnete, die mit hoher Frisur und Moral zum Sturz von Andrea Ypsilanti beitrug und auch eine fundamental andere politische Strategie verfolgte - sie wollte in Hessen eine Große Koalition ohne Roland Koch hinbekommen - ist seine Schwägerin. Der Darmstädter Metzger-Clan gehört zu den einflussreichsten Familien in der Geschichte der Hessen-SPD. Opa Ludwig Metzger war Bürgermeister in Darmstadt und Volksbildungsminister in Hessen; Papa Günther brachte es im Bundestag bis zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden und war ebenfalls Darmstädter Bürgermeister. Das Amt hatte er noch inne als Jan Metzger im HR eines der begehrten Volontariate erhielt.

Selbstverständlich sagte das Evangelische Studienwerk Villigst nicht nein, als der Enkel des Mitgründers der Bekennenden Kirche wegen eines Stipendiums anfragte. Ein Verdienst der Metzgers ist bis heute in der SPD virulent: die Namensgebung für die rechten SPD-"Kanalarbeiter" als "Seeheimer Kreis". Es war nämlich Vater Günther Metzger, der diese Treffen zu organisieren hatte und dem es gelang, dafür das Schulungszentrum der Lufthansa in Seeheim-Jugenheim als Tagungsort zu nutzen. Jan Metzger selbst ist vor allem ein Mann des Hörfunks. Hier hat er nach seinem Volontariat als Redakteur begonnen und wurde für den HR dann Korrespondent in Madrid und Prag. Markante Beiträge sind nicht in Erinnerung geblieben.

Eine erste Management-Funktion übernahm er als Wellenleiter des Informationsprogramms HR1. Das Gewicht dieses Programms hat er nicht erhöht. Zu der Zeit machten erstmals Schlagworte wie "Durchhörbarkeit" und "Entwortung" die Runde. Dann erst wechselte er zum Fernsehen, wo er das bundesweit am unteren Tabellenende dümpelnde Dritte Programm reformieren sollte, ohne je einen Filmbeitrag fabriziert zu haben. Es wurden zwei weitere regionale Nachrichtensendungen eingeführt und - Service, Service, Service. Von da aus stieg er auf zu einem Posten, der sich "Leiter Programm-Management" nannte. Verdienste hat er sich dabei vor allem durch den Ausbau der Internet-Präsenz des HR erworben. Weitere Positionen wie Chefredakteur oder gar Intendant waren unter den gegebenen politischen Konstellationen in Hessen für den parteilosen Sozialdemokraten nun nicht mehr drin.

Jan Metzger ist kein Bösewicht oder steifnackiger Bürokrat. Er ist aber auch keine publizistische Persönlichkeit wie es die Intendanten Fritz Pleitgen (WDR) oder Ernst Elitz (Deutschlandradio) waren. Er ist ein gemäßigter Verwalter des Bestehenden. Er hört zu - im Zweifel besonders der SPD. Er ist freundlich im Umgang, was den Mitarbeitern von Radio Bremen sicher gut tun wird, die sich am unwirschen Führungsstil des Vorgängers Heinz Glässgen oft rieben - den Sender aber wird dies nicht unbedingt voranbringen.

Was war Radio Bremen - was ist Radio Bremen?

Der Sender Radio Bremen war immer dann gut, wenn er sich als kleines kreatives Zentrum begriff und Mut entwickelte: "Beatclub" und Loriot; Rudi Carrell und Hape Kerkeling; "Unter deutschen Dächern" und eine Dokumentarfilmtradition bis hin zu Wilfried Huismann, harte Interviews von Michael Geyer und Christian Berg und ein hochpolitisches Regionalmagazin "buten und binnen". Davon ist heute nicht viel übrig geblieben. Auch wird Nostalgie nicht helfen - den Sender wird es so lange geben wie das Bundesland. Aber was kann er leisten? Der bisherige Intendant hat dem Umzug in ein neues Funkhaus initiiert, gespart und gut verhandelt - als Bittsteller bei den "Gebersendern" in der ARD. Das ist Bremens Rolle. Sie wird bleiben.

Es hätte jetzt aber auch die Chance gegeben, sich auf die schöpferischen Potenziale zu besinnen, die Mitarbeiter neu zu motivieren, indem nicht einfach nur die parteipolitische Farbe des Intendanten ausgetauscht worden wäre, sondern ein anderer Typus nach Bremen geholt worden wäre: ein dem Programm verbundener publizistischer Kopf und Ideengeber. Namen wie Friedrich Küppersbusch oder Lutz Hachmeister sollen im Gespräch gewesen sein, auch bekannte Fernseh-Frauen. Einige aus der ersten Reihe haben abgewunken - wegen der schlechten Ausstattung des Senders und der provinziellen Politik.

Die Sender verbleiben in politischer Abhängigkeit

Im ZDF hat Intendant Markus Schächter die Zuspitzung eines Konfliktes mit der Politik, die allzu offenkundig durchgreifen und Chefredakteur Nikolaus Brender nicht mehr haben wollte, vorerst durch Vertagung entschärft. Das ist clever. Eins ist es aber sicher nicht: Wer die Entscheidung über einen Chefredakteur bewusst bis nach der Bundestagswahl vertagt, demonstriert damit gewiss nicht Unabhängigkeit von der Politik. So ist es im ZDF und so ist es auch in der ARD. Selbst beim kleinsten Sender werden die Spitzenämter nur so verteilt, wie es der politischen Farbenlehre der Landesregierung entspricht.

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