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Die Kunst des Kandidaten Schlämmer

18 Prozent der Deutschen würde einer stern-Umfrage zufolge Horst Schlämmer zum Kanzler wählen. Politiker wie Journalisten spielen bei der Parodie gerne mit. Wie schafft Hape Kerkeling das nur?

Von Bernd Gäbler

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) erläutert, warum er Horst Schlämmer im Film erklärt, was dieser tun müsse, um Kanzler zu werden: "Politik darf nicht immer bierernst sein". Auch Frank-Walter Steinmeier sieht das so und spricht sich dagegen aus, das Bundeskanzleramt nach Grevenbroich zu verlegen. Hahaha! Dort bringt die CDU-Bürgermeister-Kandidatin gleich alles durcheinander. Sie lässt sich auf ihren Wahlplakaten gemeinsam mit dem Konterfei von Horst Schlämmer abbilden. Dankbar haben sich aber auch ausnahmslos alle Journalisten der Bundespressekonferenz in das Rollenspiel eingefügt. Artig fragten sie in Berlin Horst Schlämmer, der für den Film "Isch kandidiere" Reklame machte, nach den programmatischen Punkten seiner Partei und amüsierten sich dabei prächtig.

Alles, was Horst Schlämmer bisher angefasst hat, ist aufgegangen. Alle machen mit, alle glauben, das zeige, wie spaßig sie selber sind - und lassen sich dabei nur willig an der Nase herumführen. Kann man Führungsqualität besser demonstrieren?

Schlämmer als Parteien-Konglomerat

Die Pressekonferenz war auch deswegen so amüsant, weil Horst Schlämmer so gut war. "Integration ist das A und O", verkündete er getragen. Er machte keinen Hehl daraus, dass die Forderungen seiner Partei nur von denen der anderen Parteien abgeschrieben seien. So machen es doch alle, aber nur er spricht es aus. "Links, liberal, konservativ" - solche allumfassenden Attribute schrieb er seiner Partei zu. Auch das muss er den anderen abgeschaut haben, die sich konturlos an einem imaginären Ort, den sie "Mitte" nennen, auf die Füße treten. Am besten aber war seine Konzeption zur Finanzkrise: da könne es nur eins geben: "Durchwurschteln". Wir ahnen: hinter der Fassade von Programmen, Plänen und Konzeptionen sieht es bei den anderen auch nicht anders aus.

Er löst das Paradox demokratischer Repräsentanz. Die Regierenden sollen auf jeden Fall ganz genau so sein wie Du und ich, aber unbedingt ganz anders. Er "hat Rücken", vereint zarte Unterwürfigkeit mit leicht bockigem Trotz, ist unbedingt eine Kunstfigur - aber sind das zum Beispiel Karl-Theodor zu Guttenberg, Karl Lauterbach, Wolfgang Bosbach, so wie sie sich uns zeigen, nicht auch? Horst Schlämmer ist Volkstheater, ein moderner Willy Millowitsch. Er tut nicht wirklich weh, aber parodiert dennoch punktgenau den politischen Betrieb.

Wirkungsvolle Komik im wirkungslosen Raum

Das unterscheidet ihn von Martin Sonneborn, der mit seiner "Partei" nicht nur amüsieren, sondern durch Übertreibung aufklären will. Er riskiert scheinbar Unerhörtes. Die Mauer soll wieder her; wenn schon Rock, dann soll die Kanzler-Kandidatin wenigstens gut aussehen. "Where is my vote?", fragt er den Wahlleiter in Anspielung auf die Losungen der iranischen Opposition. Das ist scheinbar direkter politisch, zugespitzter, aber leider auch auf eine solche Weise "nicht bierernst" und "humorig" wie bei Jürgen Rüttgers. Mit der "Partei" hat er schon einmal kandidiert und wollte es wieder tun.

Schlämmers Volte ist eleganter. Er trötet lauthals: "Isch kandidiere" und tut eben dies nicht. Er nutzt nur das Vakuum eines ratlosen Wahlkampfes, in dem alle Parteien nur demonstrieren, wie wenig sie mitten in einer Systemkrise bereit sind, mit ihren bisherigen Vorstellungen zu brechen. Darum kommt Schlämmers Kunst so gut an. Darum ist er es, der den Wahlkampf wenigstens ein wenig aufmischt, indem er sich tatsächlich aus ihm heraushält.

Andere Länder, andere "Schlämmers"

In Italien amtiert ein Staats-Kasper, kein Wunder das der Komiker Beppo Grillo die wahrscheinlich wirksamste real-politische Kraft gegen Silvio Berlusconi ist. In Frankreich kandidierte 1981 der Komiker Coluche für die Präsidentschaft. Bei uns hat der begabte Komiker Wigald Boning 1998 mit dem Manifest "Deutschland soll schöner werden" eine ähnliche Politiker-Parodie versucht wie Hape Kerkeling heute. Er ist grandios gescheitert. Denn damals ging es um Helmut Kohl gegen Gerhard Schröder. Auch 1980 im Wahlkampf Helmut Schmidts gegen Franz-Josef Strauß war für Komik kein Platz. Und im Jahr 2013, wenn es um die Nachfolge Angela Merkels gehen wird, wird es wieder so sein.

Hape Kerkeling mag ein ähnliches Problem haben wie Loriot. Aus seinem Gespür für Details muss nicht unbedingt auch die Kraft zu einem grandios-witzigen Langfilm erwachsen, aber sein Horst Schlämmer bringt alles mit, was Politik und Komik brauchen: Horst Schlämmer ist der richtige Mann mit der richtigen Botschaft zum richtigen Zeitpunkt.

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