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Warum die Medien zu Afghanistan schwiegen

Die Berichterstattung über den Afghanistaneinsatz der Bundeswehr ist kein Ruhmesblatt für die deutschen Medien. Lange Zeit ließ man sich die Tagesordnung von den Regierungsparteien diktieren statt selbst zu enthüllen.

Von Bernd Gäbler

Hinter den Kulissen verschiedener Medienpreis-Vergaben tobt derzeit ein etwas eitler Streit: Wer darf sich die Feder an den Hut stecken, die Kundus-Affäre ins Rollen gebracht zu haben? War es die "Süddeutsche Zeitung", die den Isaf-Bericht öffentlich machte und zeigte, wie sehr die Bombennacht zum 4. September wie im Brennglas die gesamte Problematik des Afghanistaneinsatzes widerspiegelt? So sieht es die Jury des "Medium Magazins". Oder war es die "Bild"-Zeitung, bei der ein entscheidender Feldjäger-Bericht gelandet war, und die das Bombenvideo veröffentlichte? Chefredakteur Kai Diekmann reklamiert die Lorbeeren für seine Zeitung.

Immerhin musste ein Minister gehen! Das deutet auf eine Großtat der unabhängigen Medien hin. Doch stimmt dieses Bild? Erinnern wir uns nur daran, wie überheblich die deutsche Medienelite anlässlich des Irak-Krieges auf den nationalen Einheitston in den US-Medien reagierte. Medien sind aber nicht unabhängig, nur weil Chefredakteure ohne Einfluss der Politik berufen werden. Sondern erst dann, wenn es auch gelingt, ein Thema gegen den erklärten Willen der politischen Elite auf die Tagesordnung zu setzen.

Nationaler Schweigekonsens


Für die Bundestagswahl 2009 gab es unter den großen Volksparteien den heimlichen Konsens, das militärische Engagement der Bundesrepublik in Afghanistan auf keinen Fall zum Wahlkampfthema zu machen. Auch die SPD, die auf eine Neuauflage der Großen Koalition hoffte, hielt das Thema unter Verschluss. Wer den Isaf-Bericht kannte, wusste Bescheid. Also auch Frank Walter Steinmeier. Der hütete sich aber, ihn noch vor der Bundestagswahl zu thematisieren. Und kein großes, unabhängiges Medium hatte die Kraft, diesen heimlichen nationalen Schweigekonsens zu brechen.

Natürlich hat dieser und jener etwas berichtet. Das Drama aber wurde erst nach dem Wahltermin intensiv debattiert: dass auf deutschen Befehl hin die größte Zahl von Toten seit dem Zweiten Weltkrieg herbeigebombt wurde; die meisten Medien kolportieren die Zahl von "bis zu 142 Menschen", nach stern-Recherchen sind es 92 Todesopfer. In der Bevölkerung hätte es dafür durchaus einen Resonanzboden gegeben. Es fehlte aber an investigativer Kraft. Zu sehr sind die wichtigen und starken deutschen Medien den Politikvorgaben der Berliner Republik gefolgt.

Erst Guttenberg schaffte die Wende


Auch im Verlauf der Affäre Kundus wandelt sich dieses Bild nur zum Teil. Ein wichtiger Auslöser war der Personalwechsel an der Spitze des Verteidigungsministeriums. Guttenberg wollte die Wurstelei seines Vorgängers zügig beenden. Dass es Franz Josef Jung dabei wegen der schlechten Kommunikationspolitik (und eben nicht wegen der Bombardierung selber!) ex post ereilte, mag nicht in seiner Absicht gelegen haben. Entgegengestemmt hat er sich dem Jung-Rücktritt aber auch nicht. In diese "Umbaukrise" hinein wirkten die Enthüllungen von "Bild", "Süddeutscher Zeitung" und anderen. Sollen sie ruhig gefeiert werden - aber bedeutend wichtiger wäre es, jetzt darüber nachzudenken, warum es so lange dauerte, bis die investigativen Könner und internationalen Reporter in Marsch gesetzt wurden und uns alle aufmerksam machten.

Welche Klarheit herrscht jetzt?


Guttenberg hat sehr schnell sich fundamental widersprechende Urteile gesprochen. Zugleich hat er das, was die Bundeswehr da in Afghanistan tut, neu definiert. Zur Erleichterung vieler journalistischen Beobachter sprach er von "kriegsähnlichen Zuständen". Dies wirkt ehrlich und weniger verdruckst als die politische Sprachregelung zuvor. Zu mehr Klarheit hat dies aber nur scheinbar geführt. Zu welchem Zweck führt die Bundeswehr denn nun in Afghanistan Krieg? "Dass von dort nie wieder Gefahr für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen ausgeht", definierte die Bundeskanzlerin in ihrer Neujahrsansprache. Aha! Sorgt dafür die Regierung Hamid Karzai? Oder sollen wir deshalb, wie es der Verteidigungsminister parallel vorschlägt, "gemäßigte Taliban" an der Regierung beteiligen?

Das Wort "kriegsähnliche Zustände" klärt nichts. Was unsere Parlamentsarmee am Hindukusch treibt, bleibt ein "Einsatz ohne Ziel". Was Guttenberg lediglich geschafft hat: Er erleichtert politische Bekenntnisse. In der Öffentlichkeit führt dies vor allem zu einer simpleren Polarisierung: in Teutonen und Pazifisten. EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann kann sich nun - gleich für ihre gesamte evangelische Kirche - erleichtert und ohne Furcht wieder als Pazifistin zu erkennen geben. Während etwa "Zeit"-Mitherausgeber Josef Joffe die alte teutonische Kriegsweisheit herausposaunt, dass im Krieg nun mal getötet werde, so als sei diese Einsicht synonym mit "wo gehobelt wird, da fallen Späne". Nein, dass auch "Krieg" nicht mehr total sein darf und nicht alles Recht liquidiert, ist gerade einer jener zivilisatorischen Fortschritte, der gerade in Afghanistan zu gelten hat.

Die Aufgabe der Medien


Die konkrete Strategie müssen die Medien nicht entwerfen. Damit wären sie überfordert. Aber wir brauchen Berichte aus Afghanistan wie etwa die des stern-Kollegen Christoph Reuter, die immer mehr sind als Guttenberg-Begleit-Reportagen. Wir brauchen weiterhin selbständige mediale Aufklärung über den 4. September und nicht nur Berichte aus dem Untersuchungsausschuss. Vor allem aber brauchen wir eine große politische Debatte: "Was wollen wir eigentlich in Afghanistan?".

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