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Atemlos im flachen Wasser

Sie war zwar nicht so öde wie manch andere Polit-Talkshow, bot im Gegenzug aber wenig Tiefe und Inhalt. Mit der Premiere von "Absolute Mehrheit" wurde Stefan Raab Jauch und Co. noch nicht gefährlich.

Von Bernd Gäbler

  Der lächelnde Bundesadler wacht über Stefan Raab (vierter von links) und seinen Gästen 

Der lächelnde Bundesadler wacht über Stefan Raab (vierter von links) und seinen Gästen 

  • Bernd Gäbler

Allzu gleichförmig sind die gängigen Talkshows. Und ein jüngeres Publikum schaut gar nicht erst zu. Das ist nicht nur Stefan Raab aufgefallen. Der aber wagt eine Alternative: "Absolute Mehrheit – Meinung muss sich wieder lohnen", heißt die Show, mit der er am Sonntagabend Premiere feierte.

Was war anders?

An der Wand hängt ein Bild von Joachim Gauck, der Bundesadler mit den Buchstaben A und M (für "Absolute Mehrheit") auf dem Bauch lächelt ein wenig und Stefan Raab trägt nicht Jeans, sondern Anzug. So geht es los. Dann erklärt der Erfinder von "TV total", "Wok-WM" und "Promi-Turmspringen" etwas arg länglich, was sein Politik-Talk alles sein soll. Immer wieder fällt dabei in den ersten Minuten das Wörtchen "seriös". Darauf legen Raab und sein Co-Moderator Peter Limbourg, der Chefredakteur der ProSieben-Gruppe, unbedingt Wert. Natürlich soll auch alles ganz anders sein als die üblichen Talkshows: temporeicher, kecker, lustiger, weniger Floskeln - und vor allem mit ständigem Feedback durch das "votende" Publikum.

"3 Themen, 5 Meinungen und 100.000 Euro" schreit der Trailer und betont locker geben sich auch die Diskutanten: Thomas Oppermann (SPD), Wolfgang Kubicki (FDP), die Internet-Unternehmerin Verena Delius und Jan van Aken (Linke). Schlips trägt nur der als Ersatz für den Umweltminister Peter Altmaier eingesprungene CDU-Mann Michael Fuchs. Mit nur knapp über 9 Prozent Zustimmung muss der auch als Erster die Segel streichen. Die CDU hat die Bedeutung des Raab-Talks offenkundig unterschätzt. Am Ende lag Kubicki, der stets am souveränsten den Volkstribun gab, klar vorne, die absolute Mehrheit und damit den 100.000 Euro-Gewinn aber erreichte er nicht. Auf Platz zwei kam Jan van Aken. Der parlamentarische Geschäftsfüher der SPD, Thomas Oppermann, konnte froh sein, es überhaupt ins Finale der besten drei geschafft zu haben. Dieses Übergewicht für FDP und Linke gab es bei Raab übrigens auch schon im September 2009 in seiner "TV total"-Sendung unmittelbar vor der Bundestagswahl.

Wie war er nun, der Talk?

Das Problem der meisten Talkshows ist, dass sie ein Gespräch nur simulieren, es im Ritual einer perfekten Dramaturgie ersticken. Das Problem bei Raabs "Absolute Mehrheit" war, dass ein Gespräch im Sinne eines Austauschs von Argumenten gar nicht erst zu Stande kam. Im Prinzip war alles nur ein Abfeuern pointierter Statements. Dabei kann man als "Diskutant" natürlich einen besseren Eindruck machen und einen schlechteren. Beim ersten Thema ("Steuergerechtigkeit") lief dies noch ganz munter und teilweise überraschend. Hier machte Punkte, wer klüger wirkte als die verbreiteten Vorurteile über seine Partei - also Kubicki und van Aken. Das zweite Thema ("Energiewende") wurde so konventionell abgehandelt wie in jeder anderen Talkshow auch und beim dritten Thema ("Internet") wurde es endgültig arg flach. Wer sich nur gelegentlich mit Politik befasst, mag das ein oder andere interessante Argument vernommen haben, für die meisten aber war es wohl aufschlussreicher zu beobachten, wie die Politiker agierten. Da machte der vielen unbekannte Herr Fuchs von der CDU natürlich am wenigsten her. Etwas unklar blieb auch, warum man im Konzert konkurrierender Parteivertreter für eine Unternehmerin abstimmen soll. Raab hat es Spaß gemacht, erklärte er zum Schluss und die Politiker hätten ja auch menschlich gewirkt. Stimmt. Sehr viel tiefer aber gingen die gewonnenen Erkenntnisse auch nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie sich Stefan Raab in Sachen Politik schlug und ob ProSieben die neue Heimat des politischen Diskurses werden wird.

Und wie machte sich Raab auf dem Terrain der Politik?

Worauf bei Raab normalerweise immer Verlass ist - das ist sein Timing und sein Gefühl für Stimmungen. In seiner neuen Sendung war davon noch zu wenig zu spüren. Zum Linken-Politiker van Aken überstrapaziert er Ossi-Witze, zu Philipp Rösler fällt ihm Essen mit Stäbchen ein und die einzige Frau stellt er als "attraktiv" vor. So weit, so gewöhnlich. Als Moderator der Polit-Runde aber hat Raab seine Rolle noch nicht gefunden. Einerseits will er vor allem beschleunigen, dann aber der "einfacher Bürger sein, der die da oben fragt", wie er betont. Gerade für die einfachen Fragen aber braucht es große journalistische Befähigung. Über die verfügt Raab nicht. Dennoch will er immer wieder zeigen, dass er etwas gelesen und sich vorbereitet hat. Mit einem Wort: seine Rolle ist nicht klar definiert. Daran muss er arbeiten. Oft war er zu aufgedreht. Lahm war die Sendung nicht, aber arg atemlos. Immer wieder muss Raab hinüberlaufen zum Pult von Peter Limbourg, dem die "Zwischenstände" und Resultate der Abstimmungen vorliegen. Eigentlich war er ja als "Politik-Experte" angekündigt, der ab und an strukturierend in die Debatte eingreift, tatsächlich ist Limbourgs Part völlig reduziert auf die Rolle des schnöden Notars.

Show und Politik - das Fazit

Vieles war reine Show - natürlich. Das Plakative und die Pointe spielen eine große Rolle. Riesige Angst vor überbordendem Populismus, gar vor "einer Politik auf Dschungelcamp-Niveau" muss man dennoch nicht haben. Aber einen Wechsel des Tempos, mal etwas Zeit zum Nachdenken, zur Ausdifferenzierung eines Gedanken gab es eben auch (noch) nicht. So öde wie manch andere Talkshow war Raabs "Absolute Mehrheit" nicht, aber auch längst nicht so inhaltsreich wie die besseren Ausgaben dieses Genres. Vor genau drei Jahren – nach der "TV total"-Sendung zur Bundestagswahl, damals übrigens mit Franz Müntefering (SPD), Guido Westerwelle (FDP), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Gregor Gysi (Linke) und Christian Wulff (für die CDU) als Gäste, hieß es an dieser Stelle: "Wenn es so weitergeht, muss Stefan Raab bald nicht nur den Grand Prix für die ARD retten, sondern auch die Politisierung der Jugend." So weit ist es nach dieser ersten Ausgabe von "Absolute Mehrheit" noch lange nicht.

Unbegründet ist die Angst, dass ProSieben nun die neue Heimat des politischen Diskurses wird. Es gab viel Hektik, manches wirkt noch arg unausgegoren, Raabs Polit-Talk aber kann ein neuer Farbtupfer auf der Palette der zahlreichen Sendungen sein, die Politik thematisieren. Das ist doch schon was.

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