Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Stern Logo Medienkolumne

Der Schutzengel der Schwachen

So eine wie die Frau von Karl Theodor zu Guttenberg hat uns gerade noch gefehlt. Sie geht dahin, wo es wehtut - an den "Tatort Internet" bei RTL2. Wahrhaft royal! Oder? Eine Abrechnung.

Von Bernd Gäbler

Hochverehrte Freifrau zu Guttenberg,
den ersten Merksatz der Mediengesellschaft haben Sie mit "Tatort Internet" geradezu mustergültig beherzigt: Nur Provokation schafft Aufmerksamkeit! Darum konnte die stellvertretende Chefredakteurin der "Bild"-Zeitung, Marion Horn, voller Anerkennung jubeln: "Sie geht da hin, wo es wehtut." Jawoll! Nämlich genau zwischen die Titten und Kumpelwitze der "Bild", zwischen "Big Brother" und die Geständnisse Sexsüchtiger auf RTL2. Sollen sich Kritiker doch darüber mokieren, Sie haben im Handumdrehen den Sumpf als Ort der Aufklärung wiederentdeckt. Stellen Sie sich vor, Sie hätten stattdessen auf dem "blauen Sofa" der Frankfurter Buchmesse in einem gepflegten Geplauder Ihr Werk "Schaut nicht weg" vorgestellt. Gähn! Kein Hahn hätte danach gekräht. Wen juckt es, wenn Frau Motschmann in einer Kirchenzeitung Pornos kritisiert? Also: alles richtig gemacht.

Selbstloser Einsatz für eine gute Sache

Auch den zweiten Merksatz der Personality-PR haben Sie sich geradezu vorbildhaft zu Herzen genommen: Im Vordergrund steht die gute Sache - gerade wenn es um die Person gehen soll. Für immer ist Ihr kostbarer Name jetzt mit dem selbstlosen Einsatz gegen Kindesmissbrauch verbunden. Nur weil es so sehr um die Sache geht, nehmen Sie persönliche Härten in Kauf. Wenn es denn der Aufklärung nutzt, würden Sie sogar ins Big-Brother-Haus ziehen, bei "Let's dance" mittanzen, einen Bungee-Sprung wagen oder sich mit Daniela Katzenberger treffen. Dieser Linie sollten Sie unbedingt treu bleiben: Persönlicher Aufstieg funktioniert nur über den selbstlosen Einsatz für eine gute Sache.

Und da ist Ihr Issue-Management einfach wunderbar. Sexueller Missbrauch von Kindern, das ist so abscheulich - da kann kein Mensch widersprechen. Ohne dass Sie es selbst je artikulieren müssten, gerät jeder Kritiker nahezu automatisch in den Verdacht, die Dimension des Verbrechens zu relativieren. Gehen wir die Argumente durch:
• Die RTL2-Sendung "Tatort Internet" sei inszeniert gewesen wie eine auf Krawall gebürstete Menschenjagd. Selbst wenn! Gegen diese Sextäter hilft doch kein Vorgehen mit Wattebäuschen.
• Die RTL2-Sendung "Tatort Internet" sei inszeniert gewesen wie ein mittelalterlicher Pranger. Allerdings! Soll man diese abscheulichen Verbrechen etwa nicht anprangern?
• Die RTL2-Sendung "Tatort Internet" schüre den Volkszorn. Ja, was denn sonst? Nur wer gefühllos ist, ist hier ohne Zorn.
• Die RTL2-Sendung "Tatort Internet" setze ohne Weiteres anzügliche Worte mit sexueller Handlung gleich. Wie sonst, wenn nicht mit Worten, werden Handlungen angebahnt? Lieber rechtzeitig warnen als zu spät kommen.
• Die RTL2-Sendung "Tatort Internet" missachte den Rechtsstaat. Eben nicht! Sie wollen ja schärfere Gesetze, damit der Rechtsstaat endlich wieder handlungsfähig wird.

Sie sehen: Was auch immer an Argumenten vorgebracht werden mag, Ihre Immunisierungsstrategie, verehrte Freifrau zu Guttenberg, geht voll auf.

Komplexe Sachverhalte komprimiert zusammengefasst

Mit schlanken Sätzen wie "Jede Minute am Computer macht ein Kind zum potenziellen Opfer" oder "Das Internet ist der größte Tatort der Welt" machen Sie Ihr Anliegen plastisch. Komplexität zu reduzieren - das ist die Mutter aller PR. Für die meisten Eltern ist es ohnehin ein Buch mit sieben Siegeln, was die Kinder da im Internet treiben. Sie können auf sicheren Rückhalt bauen.

Nur zwei ergänzende kleine Tipps darf ich geben: Dass sich etwa 80 Prozent aller Missbrauchsfälle im Kreis von Bekannten und Verwandten abspielen, sollten Sie höchstens am Rande streifen. Sonst fällt noch jemandem der Satz ein: "Die Familie ist der größte Tatort der Welt." Überlassen Sie dieses weite Feld ruhig Frau Bundesministerin Kristina Schröder. Ihnen geht es um das Grundsätzliche!

Die Sehnsucht nach royalistischem Glanz

"Innocence in danger" - ist wunderbar. Aber für die Zielgruppe sollten Sie das noch häufiger auf Deutsch sagen: "Unschuld in Gefahr". Ganz bescheiden rücken Sie da wie von selbst in die Rolle des Schutzengels.

Sie haben Sorge, verehrte Freifrau zu Guttenberg, dass Sie auf diese Weise zwar die einfachen Leute gewinnen, sich aber zunehmend der Kritik der Intellektuellen aussetzen würden? Nein! Spielen Sie weiter mit Widersprüchen! Das beschäftigt die Kleingeister! Attackieren Sie Lady Gaga als Beispiel für die furchtbare Pornografisierung des Pop, während Sie gleichzeitig davon schwärmen, wie Sie Ihren KT am Rande der Loveparade kennenlernten. Aber dann sind Sie zusammen in die Oper!

Im Zweifel liegt Ihnen das Feuilleton immer zu Füßen. Journalisten bewundern Leute, die es ganz ohne Benimmkurs schaffen, fehlerfrei mit Messer und Gabel zu essen. Ernsthaft wird dann erörtert, ob die große Zeit des Adels womöglich noch bevorsteht. Selbst die kitschigsten Fotos Ihres verehrten Gatten werden mit kraftvollen Unterzeilen geschmückt. Glauben Sie mir, die Sehnsucht nach royalistischem Glanz ist in der "Zeit" mindestens so heimisch wie in der "Bunten". Das ist Ihre gemeinsame Mission: Stephanie und Karl-Theodor schaffen eine eigene Guttenberg-Galaxis!

Jeder tut seinen Dienst

Wer soll Ihnen denn als hippes Powerpaar Paroli bieten? Die Wulffs? Bettina vielleicht, aber - mit Verlaub - er ist doch arg blass. Außerdem ist er jetzt auf einige Zeit durch das Einüben staatsmännischer Gesten ruhiggestellt. Da haben Sie einen ganz anderen Aktionsradius! Wer außergewöhnlich ist, kann sich auch Außergewöhnliches leisten!

"Immer an der Seite Ihres Gatten, aber nie im Schatten!" - diesem Motto sollten Sie auch weiterhin folgen. Darum war es für Ihre Mission keineswegs der falsche Zeitpunkt, dass KT - ausgerechnet am Tag Ihres RTL2-Auftritts - im Bundestag wieder einmal von Gefallenen in Afghanistan berichten musste. Jeder tut eben seinen Dienst. Aber es war wichtig, dass Sie zusammen zu "Wetten, dass ..?" und nach Bayreuth gegangen sind. Lassen Sie die Kinder vorläufig weiter nur von hinten fotografieren, zitieren aber ruhig auch auf Trauerfeiern deren artige Fragen: "Sind unsere Soldaten Helden?" - Natürlich!

Bringen Sie bitte rasch als Dementi in Umlauf, dass Sie nicht mit den Kennedys verglichen werden wollen. Schon nimmt das Thema Fahrt auf. Ansonsten: lieber Carla Bruni als Tipper Gore! By the way: Können Sie singen? Wie wäre es mit einem besinnlichen Lied zu Weihnachten? Da könnten Sie dann ausnahmsweise sogar einmal mit einem Familienfoto punkten - am besten mit den Kindern, spielend unter Papas Schreibtisch.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools