Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME
Interview

"Die Deutschen sind großartig!"

"Where to invade next?" heißt das neue Werk von Michael Moore. Der US-Regisseur, der professionell alle zehn Finger in gesellschaftspolitische Wunden legt, war in Europa vor allem von einem Land beeindruckt: Deutschland.   

Von Sophie Albers Ben Chamo

Michael Moore - Ein Mann gegen das Böse in der Welt

Michael Moore - Ein Mann gegen das Böse in der Welt

Sogenannte Mockumentarys haben ihn berühmt gemacht: Ironische Dokumentationen, in denen Michael Moore den Dingen anschaulich bis plakativ auf den Grund geht: In "Bowling for Columbine" waren es Amokläufe und Amerikas Waffengesetze, in "Fahrenheit 9/11" die Kriegstreiberei der Bush-Administration und in "Sicko" das desaströse Gesundheitssystem der USA. "Where to invade next?" ist der neueste Streich des 61-Jährigen Oscar-Gewinners. Und darin geht um das, was Amerika von Europa lernen kann. Und das ist einiges.


Mister Moore, ich hatte ja keine Ahnung, dass Sie so ein großer Optimist sind!
Das hätten Sie aber wissen können. Wenn ich nicht daran glauben würde, dass meine Filme etwas verändern können, hätte ich sie nicht gemacht. Bei meinen Themen braucht es Optimismus.
Vor allem Ihre Ansprache "Das Unmögliche ist möglich" vor den Resten der Berliner Mauer war beeindruckend und berührend.
Es verblüfft mich immer wieder, wie Menschen selbst in den dunkelsten Zeiten sich an den eigenen Haaren wieder herausziehen. Dass es immer wieder besser wird. Auch wenn es manchmal etwas dauert. Die Geschichte zeigt, dass wir uns immer vorwärts bewegen: In dem Augenblick, da wir die Sklaverei beendet haben, war die Sklaverei vorbei. Seitdem Frauen wählen können, kann ihnen das niemand nehmen. Jede Ära hat ihre schlimmen Momente und Menschen, aber ich habe immer daran geglaubt, dass es besser werden kann. Und dass wir dafür zuständig sind.
Im Iran waren Frauen bis zur islamischen Revolution ziemlich frei. Jetzt werden sie unterdrückt.
Aber bald, in naher Zukunft, wird diese Freiheit wieder da sein, und im Gesamtbild wird die Zeit zwischen 1979 und sagen wir 2017 ein Pieps sein.


Hoffentlich. Haben Sie eigentlich je darüber nachgedacht, nach Europa zu ziehen?
Nie! Ich mag es hier. Wann immer das Flugzeug in JFK landet, wenn ich nach Hause komme, bin ich aufgeregt. Das ist mein Leben, ich lebe gern in den USA. Wenn Sie schon mal hier waren, wissen Sie, dass die Menschen - nicht alle, aber die meisten - ziemlich anständig sind. Du kriegst, was du siehst. Keine Show. Nur wenn wir uns zusammentun als Gruppe oder Regierung, dann werden wir ein bisschen gefährlich. (lacht) Aber als Individuen sind wir nette Leute. Anstatt dass ich nach Europa ziehe, hätte ich lieber, dass Europa hierher zieht.

Eine Station in "Where to invade next?" ist Deutschland. Was hat Sie am meisten überrascht? 
Ich habe wirklich nicht gewusst, dass hier Mitarbeiter im Aufsichtsrat sitzen können. So etwas ist in den USA unvorstellbar. Wissen Sie, als 19-Jähriger bin ich mit dem Rucksack durch Europa getrampt. Da habe ich in einer Jugendherberge in Stockholm Hans und Anni aus Deutschland getroffen. Wir haben Zeit miteinander verbracht. Ich habe sie dann in München besucht, und wir waren auch auf der Hütte eines Verwandten in den Alpen. Das war 1974, 29 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Es war meine erste Erfahrung mit Deutschland, bis dahin kannte ich nur das Kriegs-Deutschland. Es hat mir echt die Augen geöffnet. Seitdem bin ich mehr und mehr beeindruckt und berührt von den Deutschen, die ich kennengelernt habe. Ich will jetzt kein pauschales Urteil fällen, aber viele Deutsche sind einfach großartig: ihr Glaube an den Frieden, daran, wie man mit anderen Menschen umgeht, wo sie selbst in der Welt stehen, wo wir alle in der Welt stehen und wie wir einander beeinflussen. Und dann die Tüchtigkeit, der Einfalls- und Erfindungsreichtum, der grundsätzlich gute Wille. Die Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen ist, in den 70er und 80er Jahren, diese jungen Deutschen waren die Leute, mit denen man Arm in Arm versuchen will, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.


Wow. Aber gerade fürchten viele Deutsche, dass die Stimmung im Land kippen könnte, dass der Rassismus gegen Flüchtlinge zunimmt.

Es gibt viele Probleme mit den Flüchtlingen, die die Deutschen lösen müssen. Aber ich möchte sagen, wie unfassbar überwältigt ich bin von der Großzügigkeit, so viele Menschen aufzunehmen aus einem Teil der Welt, dessen Zerstörung zumindest zum Teil wir, die Vereinigten Staaten, verschuldet haben. Der Rassismus in Deutschland war nie weg, der Rassismus in den USA war nie weg. Rassismus, Fanatismus und Hass sind etwas, mit dem wir leben und wohl immer leben müssen. Aber wir dürfen nie vergessen, dass es eine Minderheit unter den Deutschen ist, die so widerwärtig reagiert. So wie es auch eine Minderheit unter den Flüchtlingen ist, die das Gesetz bricht, die Menschen verletzt hat. Mir haben Amerikaner, die meinen Film gesehen haben, Artikel darüber geschickt, was in Deutschland passiert, mit den Worten "Siehst du, Deutschland ist doch nicht so toll." Und ich habe geantwortet: Bevor ihr mit dem Finger auf andere zeigt, solltet ihr euch selbst betrachten. Außerdem habe ich nie behauptet, dass Deutschland Utopia ist, wo alle wie Heidi angezogen sind und alles gut ist.

Was sagen Sie Menschen, die sich an 1933 erinnert fühlen. Wie schreibt man schlaue Artikel nicht nur für schlaue Menschen, sondern holt auch die ab, die fremdenfeindlich denken?

Es ist nicht falsch, dass Deutsche - oder jede andere Gruppe - sich bewusst ist, dass die Vergangenheit sich wiederholen könnte. Wir müssen alle aus unserer Vergangenheit lernen, zusammen, als Nation. Genau genommen lautet Ihre Frage "Wie erreichen wir Fanatiker und Rassisten?" Die einfache Antwort ist: Gar nicht. Eine Sache können Journalisten und in Verlängerung wir alle tun: darauf vertrauen, dass die Mehrheit der Menschen keine Fanatiker und Rassisten sind, und sie dazu bringen aufzustehen. Die Motivation von Mitläufern ist immer Angst, und aus Angst wird Hass. Es ist nie andersherum. Vor der Angst kommt die Ignoranz. Ignoranz ist der Kern des Ganzen. Bildung, Wissen und Aufklärung sind das Gegenmittel. So als hätten wir es mit einem kleinen Kind zu tun, das sich vor der Dunkelheit fürchtet, müssen wir reingehen, das Licht anmachen, es beruhigen und das Licht anlassen, um die Monster zu verbannen, die im Dunkeln warten. Dadurch, dass wir den Leuten zeigen, dass es in Wirklichkeit keine Monster gibt, können wir heilen und vorwärts gehen.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools