Startseite

Frau Petry, Michael Moore möchte Ihnen etwas sagen

Michael Moore kehrt mit einem fulminanten Werk über die Vorzüge Europas in die Kinos zurück. Und machen Sie sich auf etwas gefasst: "Where to invade next?" verblüfft nicht nur Amerikaner.

Von Sophie Albers Ben Chamo

Michael Moore an den Resten der Berliner Mauer: "Where to invade next"

Michael Moore an den Resten der Berliner Mauer: Deutschland hat den Filmemacher schwer beeindruckt

"Bowling for Columbine" über Schulmassaker und die Waffenlobby in den USA ist 14 Jahre her. "Fahrenheit 9/11" über die Anschläge und Amerikas Terror im eigenen Land sowie den Krieg draußen zwölf. Und irgendwie konnte man nach "Sicko" über das katastrophale Gesundheitssystem im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und "Capitalism - A Love Story" über die Schuldigen der Finanzkrise das Gefühl bekommen, dass Michael Moores Masche durch ist. Weit gefehlt!

Denn in genau diesem Augenblick brettert der laute Mann aus Flint mit "Where to invade next?" auf die Kinoleinwand. Und kein anderer Film ist so eine sozialpolitisch-aktuelle Punktlandung wie dieser Mockumentary. Vor allem für Deutschland. Sie werden sich vor Lachen am Kinosessel festhalten und augenblicklich in Europa verlieben. Wer hätte gedacht, dass so eine starke Waffe gegen Frauke Petrys antisolidarisches Gefasel aus Amerika kommt.


Und los geht's mit Moores "Einmarsch" in Europa: Weil Amerikas Kriege seit "dem Großen" nicht mehr gewonnen wurden, hätte das Pentagon sich entschieden, fortan nur noch einen Mann zu schicken, um zu erobern und "das Beste" der unterworfenen Nationen mit nach Hause zu nehmen: Moore. So die Prämisse.

In Italien stellt er fest, dass bezahlter Urlaub und ein 13. Monatsgehalt nicht nur hart erkämpft, sondern absolut normal und gut für den Profit der Unternehmen sind. Gesündere, glücklichere Arbeiter leisteten einfach mehr, erklären ihm der Fabrikchef von Ducati und die Besitzer von Lardini. In Frankreich nimmt er das Schulessen unter die Lupe, das gesund und abwechslungsreich sei und trotzdem nicht mehr koste als der Fraß, den amerikanische Kinder vorgesetzt bekommen. In Finnland muss er schockiert feststellen, dass Kinder hier weniger Unterrichtsstunden und keine Hausaufgaben haben, aber trotzdem die schlauesten Schüler sind. In Norwegen sorgt ein revolutionäres Strafsystem, das auf Rehabilitierung anstatt auf Rache baut, für weniger Verbrechen und vor allem weniger rückfällige Täter. Und wir sprechen von dem Land, in dem der Rassist Breivik 69 Jugendliche ermordet hat. Slowenien bis Portugal - überall, wo Moore hinkommt, gehen ihm - und uns - die Augen über ob der großartigen Errungenschaften der Zivilisation für ein besseres Zusammenleben, die wir angesichts der täglichen Nachrichten allzu leicht vergessen.

Extreme statt Schattierungen: Michael Moore eben

Und dann "erobert" Moore Deutschland. Es ist eine Übung in Demut, wenn er davon berichtet, wie dieses Land mit seiner Vergangenheit umgeht. Dass der Holocaust und das Dritte Reich nicht verschwiegen, sondern zum Thema gemacht werden: in der Schule wie auf der Straße, wo die Stolpersteine von vormaligen, von den Nazis vertriebenen und ermordeten Nachbarn erzählen. Nur wenn man sich zu seiner dunklen Seite bekenne, könne man sich bessern, so Moore und starrt auf alte und nagelneue Bilder der Geschichte des amerikanischen Rassismus.

Ja, das wird alles in Extremen erzählt. Schattierungen? Nein, danke. Es ist eben Michael Moore. Aber der staunende, bewundernde Blick auf das, was die Länder auf diesem Kontinent leisten, ist eine dringend notwendige Wiedervorlage. Und dann das Ende: Fast überschwänglich erklärt der Filmemacher vor den Resten der Berliner Mauer stehend das Unmögliche für möglich. Es ist beeindruckend, dass sich ausgerechnet der zynische Moore in diesen beunruhigenden Zeiten als weltgrößter Optimist entpuppt. Oder einfach nur konsequent.


(Dieser Artikel lief in leicht anderer Form zur Premiere während der Berlinale)

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools