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11. Oktober 2007, 06:10 Uhr

Auf dem Weg in die Wolfsgesellschaft

Oscar-Preisträger Michael Moore hat in seinem neuen Werk "Sicko" das amerikanische Gesundheitssystem im Visier. An den USA sehen wir, wohin die hemmungslose Privatisierung des Gesundheitswesens führt: Kranke Menschen werden dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Das droht ihnen auch bei uns. Von Markus Grill

Michael Moore recherchiert mal wieder hinter den Kulissen. In "Sicko" geht es ums amerikanische Gesundheitssystem© Senator

Nichts ist einfacher als Michael Moore zu kritisieren. Man kann seine Filme zu plump finden, zu populistisch, zu demagogisch, zu klamaukhaft. Doch mit Blick aufs Große und Ganze hat Moore Recht. Zum Beispiel mit seinem neuen Film "Sicko" über das US-Gesundheitssystem.

Moore zeigt darin ganz gewöhnliche Amerikaner und man empfindet mit allen Sympathie: ein kleines Mädchen kommt zu Tode, weil eine Krankenversicherung sich weigert, die Kosten im nächst gelegenen Krankenhaus zu übernehmen, und das Kind nach dem Weitertransport in eine andere Klinik stirbt. Ein Ehepaar mit vier Kindern verliert sein Haus und endet in Armut, nachdem die Mutter an Krebs erkrankt, der Vater einen Herzinfarkt erleidet, und die Eigenbeteiligung an den Behandlungskosten auf mehrere tausend Dollar wächst. Ein fast 80-jähriger Mann putzt weiter im Supermarkt, weil er nur so krankenversichert bleibt.

Im US-Gesundheitssystem herrscht Marktwirtschaft pur, gleichzeitig ist es das teuerste und ineffizienteste der Welt. Rund 200 Millionen Amerikaner, also der größte Teil der Bevölkerung, sind privat krankenversichert. Doch die Versicherungskonzerne gehen erbarmungslos mit ihren Versicherten um: Wer bestimmte Vorerkrankungen hat, wer zu dick oder zu dünn ist, wird erst gar nicht aufgenommen. Wer ernsthaft krank wird, bekommt von seiner Versicherung einen Brief, dass die Behandlungskosten leider nicht übernommen werden können, dazu fingieren Gutachter medizinische Begründungen.

Wer nicht zahlen kann, fliegt schon mal blutend aus der Klinik

Wer es dennoch in eine Klinik schafft wird trotz Versicherung zur Kasse gebeten (Wirtschaftsliberale nennen dies gern "Eigenverantwortung"). Und wer nicht zahlen kann, wird von der Klinik auch schon mal blutend in ein Taxi gesteckt und vor einer Obdachlosenunterkunft rausgeworfen. Es ist beschämend, wie wenig sich das reichste Land der Welt um seine Bürger kümmert, wenn sie krank werden. Beschämend, wie im 21. Jahrhundert die kranken Menschen dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden.

Kein Wunder, dass Michael Moore ein Trip nach Europa wie eine Reise ins Paradies vorkommt. Moore fährt nach England und Frankreich und kann es gar nicht fassen, dass hier jeder, unabhängig von seinen Vermögensverhältnissen, eine ordentliche medizinische Behandlung erfährt. Man kennt allerdings aus England auch Berichte von Patienten, die ewig lang auf Operationen warten müssen. Viele US-Amerikaner wären dennoch froh, sich überhaupt in eine solche Warteschlange einreihen zu dürfen.

Die oberen Zehntausend sind auch bei uns schlauer und schlanker

Hat das alles auch was mit Deutschland zu tun? Ja, vor allem wenn wir wissen wollen, wohin eine hemmungslose Privatisierung führt. Noch können die Privatversicherungen bei uns ihr Sonntagsgesicht aufsetzen, weil sie vom Gesetzgeber besonders geschützt werden. Denn Privatpatient darf in Deutschland nur werden, wer selbständig oder Beamter ist, oder wer mehr als 47.700 Euro pro Jahr verdient. Diese oberen zehn Prozent der Bevölkerung sind gesünder als der Durchschnitt, sie sind besser gebildet, treiben mehr Sport, ernähren sich besser, werden seltener krank. Selbst der dümmste Manager kann eine Privatversicherung erfolgreich führen. Würde es aber nicht die Gesetzliche Krankenkasse geben, müssten also die Privatversicherungen die ganze Bevölkerung versichern, würden sie sich uns gegenüber bald so verhalten wie in den USA.

Gier der Pharmamultis macht uns krank

Größere Profite als die Privatversicherungen machen nur noch die Pharmakonzerne. Für sie herrschen in Deutschland perfekte Zustände. Denn sie können, so unglaublich dies klingt, den Preis für ein neues Medikament so hoch festsetzen, wie sie wollen. Vor zehn Jahren mussten die Gesetzlichen Kassen noch 17 Milliarden Euro für Arzneimittel ausgeben, in diesem Jahr werden es 27 Milliarden sein. In den USA sterben Patienten, weil sie sich überteuere Medikamente nicht leisten können.

In Deutschland sorgt die Gier der Pharmamultis nur dafür, dass Kassenbeiträge steigen und weniger Geld für Ärzte und anderes zur Verfügung steht. Noch kann Europa stolz auf sein staatliches Gesundheitssystem sein. Doch je mehr wir den Phrasen der Privatisierungs-Ideologen erliegen, je weniger wir uns für Gesundheitspolitik interessieren, desto schneller werden wir am eigenen Leib erleben, was wir jetzt noch mit Schaudern im Kino sehen.

Die Macht der Pharmakonzerne

Die Macht der Pharmakonzerne Markus Grill, 39, arbeitet als Reporter im stern-Ressort Politik und Wirtschaft. Soeben ist sein Buch "Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert" erschienen, Rowohlt, 16.90 Euro.

Von Markus Grill
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
sportartmakler (11.10.2007, 16:54 Uhr)
@josshh
ich würde ihnen dringend anraten an ihre letzte krankenversicherungsgesellschaft wieder heranzutreten, denn seit april 2007 besteht eine generelle versicherungspflicht für alle deutschen staatsbürger ( und somit auch eine beitragspflicht die ebenfalls seit april besteht!! )
übrigens kompliment an halodri73, ein anonymer versicherungsmakler
Halodri73 (11.10.2007, 16:07 Uhr)
Zwickmühle
stimmt soweit. Allerdings halte ich es nicht für schlimm, wenn die Kassen mal ein Polster haben. Die Ausgaben werden deutlich steigen, da muss man kein Prophet sein.
Den Raffelhüschen hab ich angeführt, da er die Situation fundiert beschreibt. Seinen Lösungsvorschlag finde ich nicht optimal. Eine gesicherte Grundversorgung über eine gesetzliche KV ist ok für mich, die ließe sich besser finanzieren als den Wust der Kassen zur Zeit. Ich sehe da Sparpotential, das mal NICHT zu Lasten der VErsicherten geht. Oder zu Lasten der Ärzte. Nein, ich glaube auch nicht, daß eine Verelendung der Deutschen Ärzteschaft ansteht. Aber so manch ein Niedergelassener Arzt könnte ohne Privatpatienten seine Kassenpatienten nicht mehr behandeln. Das Budgetierungssystem der Kassenpatienten führt soweit, daß einige Ärzte ihre Praxen zum Jahresende hin schließen ( damit ist nicht Ende Dezember gemeint!), da sie sonst draufzahlen müssen für die Behandlung der Kassenpatienten. DAS finde ich dann doch schon bedenklich. Eine Reform muss daher umfassend sein !
Kiezzabel (11.10.2007, 15:35 Uhr)
oki
Na, du hattest immerhin empfohlen auf den Miegel und den Raffelhüschen zu hören. Und insbesondere Raffelhüschen befürwortet die privatisierung des Gesundheitssystems.
Von daher. Aber ich nehme gerne zurück, dass du privatisieren möchtest. Jetzt willst du eine Staats-KV ...
Nu aber wieder zur Sache: Ich stimme dir vollkommen zu, dass die Krankenkassen zu viel Geld verbrennen. Nur kann man sich ja überlegen, was passiert, wenn die bei einem Überschuß von 4 Mrd anfangen Stellen zu kürzen.
Blöde Zwickmühle :)
Halodri73 (11.10.2007, 15:06 Uhr)
@kitzzabel
Wie bitte? Ich will Privatisieren? Wo hab ich das denn bitte geschrieben? Was habe ich doch gleich nachgeplappert?
Daß wir uns die vielzahl der Krankenkassen bald nicht mehr leisten können, ohne die Beiträge zu erhöhen? ( Verwaltung kostet Geld!)? Daß ich es für sinnvoll halte, daß ALLE zumindest einen Grundbetrag in diese eine staatliche Kasse zahlen und sich über die Grundversorgung gehende Leistungen selbst versichern müssen? Daß wir noch eine böse Diskussion über eben diese Grundversorgung erleben werden, sobald die Kassen sich leeren? Bei welchem Lobbyisten soll ich das denn bitte aufgeschnappt haben????
Und dieser Weg ist ja wohl das genaue Gegentei von Privatisierung, oder?
Übrigens sind die Krankenkassen nicht arm, sie verbrennen nur zuviel Geld bei der Selbstverwaltung.
Zum Thema Lösungen: Außer kopierten Zitaten kam von dir leider nix. Was ist deine Lösung? Wie kompensierst du die Demographische Schrere? Womit sanierst du die katastrophal gescheiterte gesetzliche Pflegeversicherung?
Bin gespannt. Und bitte unterlass doch diese unterschwelligen "böse Lobby" Aussagen, das ist nicht sachlich.
JossHH (11.10.2007, 14:53 Uhr)
Macht der Pharmariesen & Politiker
Gut das es einen Menschen wie Michael Moore gibt, schlecht nur das es weder die Politiker noch die
Pharmaindustrie interessiert.
Mit meinen 47 jahren habe ich keine Krankenversicherung mehr, weil ich mir 420€ nicht leisten kann.
Es sollen ja so um die 420.000 Menschen sein denen es genau so geht. Nur wen kümmert das, unsere Politiker (egal welcher Partei) sorgen doch lieber dafür das die Millionen den Konzernen zufließen denn um ihre eigene medizinische Versorgung müssen sie nicht kümmern.
Na dann mal hoffentlich gesund ins Alter.
Kiezzabel (11.10.2007, 14:41 Uhr)
Lösungsvorschläge ?
kamen von dir aber auch nicht, aßer das nachzuplappern, was irgendwelche Lobbyisten vorbeten.
Ach ja, die ach so armen Krankenkassen.
"Der Überschuss, den die Krankenkassen nach der Gesundheitsreform im vergangenen Jahr erwirtschaftet haben, ist noch deutlich höher als bislang bekannt. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt bezifferte ihn auf 4,022 Milliarden Euro. Im gemeinsamen Morgenmagazin von ARD und ZDF nahm die SPD-Politikerin die Zahl erneut zum Anlass, die Krankenkassen zu einer Beitragssenkung aufzufordern."
Ist doch alles gut ;) Warum willst du das Gesundheitssystem privatisieren? Ich könnte dir verraten, warum einige von einer Privatisierung träumen, aber vielleicht kommst du ja selbst drauf, hallodri ...
Wie gesagt 4. Mrd Gewinn, nicht Umsatz.
Man kann sich auch fragen, warum Krankenkassen für Medikamente mehr bezahlen müssen, als wenn ich sie mir selbst ohne Rezept kaufe. Das ist aber nur ein Detail im Pharma-Lobbyismus.
Halodri73 (11.10.2007, 13:44 Uhr)
Allerdings hast du Recht,
wenn du schreibst, daß ein Titel nicht vor Unsinn schützt. Ich bin auch nicht der Meinung, daß jeder sogenannte ( oder selbsternannte) Sachverständiger wirklich Sachverstand hat. Aber man kann ja zumindest mal die Thesen besprechen, oder? Das demographische Dilemma haben die ja nicht erfunden, sondern nur Auswirkungen geschildert. Daher eiert Frau Schmidt ja auch so rum mit ihren Reförmchen. Sie kann es nicht lösen ohne auch mal einigen Lobbies auf den imaginären Schlips zu treten. Da müssen alle mitbezahlen und das macht sich nicht gut bei einer Wiederwahl...
;-)
Halodri73 (11.10.2007, 13:39 Uhr)
an den fünften 11
Gute Aussage bezüglich Zitaten. Gefällt mir. Genau wie damals, als ich lernte, in wissenschaftlichen Arbeiten zwischen Verweisen und Zitaten zu unterscheiden. Steht dir sicher auch noch bevor, denn wenn du das gelernt hast, wird dir auffallen, daß ich nicht zitiert habe. Ich vermisse übrigens Deinen Lösungsansatz für das Problem dermedizinischen Versorgung Deutschlands. Außer Kommentaren wie "Das Großkapital ist Schuld" und "private Krankenkassen gehören abgeschafft" Hab ich nicht viel konstruktives gelesen. Auch in deinem Beitrag nicht, Quintus ( Großfamilie??)
:-)
quintus11 (11.10.2007, 11:29 Uhr)
Der erste Satz des Berichts sagt alles
@Halodri73 "Ja nee ist klar." Mit solchen Kommentaren habe ich in der 5. Klasse gearbeitet. Andere Leute muss man nur zitieren, wenn man nicht in der Lage ist eigenes Wissen zu artikulieren. Ich arbeite an einer großen deutschen Universität und kann sagen, dass ein Prof.-Titel nicht davor schütz Mißt zu reden.
Halodri73 (11.10.2007, 11:20 Uhr)
Nix da CDU,
keine Bange. Nur dieses reflexartige Meckern gegen die böse Wirtschaft kann ich einfach nicht mehr lesen. "Gekaufte Experten"?? Albernes Totschlagargument um sich nicht mit Zahlen auseinandersetzen zu müssen ( auch wenn du so klingst, als hättest du das dennoch gemacht. Sonst würdest du die beiden Namen nicht kennen...).
Die sozialen Sicherungssysteme stecken in der shclimmsten Finanzklemme seit Bestehen. Beitragszahler und Kostenentwicklung scheren derart auseinander, daß wir in der Tat in wenigen Jahren 20-25% des Bruttos allein für die KV ausgeben werden müssen. Pflege aussen vor! Wie blauäugig muss man sein, um dies zu negieren? Ich denke, wir schlittern in eine entsetzlich amoralische Diskussion heinein: Was gehört zur Grundversorgung und was nicht? Und dann wird es bitter. Auch Menschenwürde muss bezahlt werden. Dagegen kann man gerne wettern, aber besser wäre es sich dem zu stellen (!) und den Sumpf der Krankenkassen trocken zu legen. EINE saatliche Krankenkasse. (Meinetwegen mit einem Mindestbeitrag für Selbständige und Beamte, etc) Und wer bessere Versorgung will: Privat versichern. Anders sehe ich keine Möglichkeit, Kosten zu sparen. Leider, leider kauft man mit Beamten ein teures Risiko ein: Die sind im Schnitt zu alt!!
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