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"Blow up" brachte ihm Weltruhm

Das europäische Autorenkino geht in die Knie: Nach Ingmar Bergman ist nun auch Michelangelo Antonioni gestorben. Der italienische Regisseur verschied im Alter von 94 Jahren in Rom.

Bei den Filmfestspielen von Venedig wurde Michelangelo Antonioni vor einigen Jahren noch einmal groß gefeiert, als Klassiker der Moderne und legendäre Figur der Kinokunst. Italiens Meisterregisseur wirkte damals schon hinfällig und von schwerer Krankheit gezeichnet, seit einem schweren Schlaganfall im Dezember 1984 hatte er einen langen Leidensweg hinter sich. Am Montagabend starb der große Filmemacher im Alter von 94 Jahren.

Seinen Ruf erwarb sich Antonioni mit seinen ästhetisch bahnbrechenden Filmen der sechziger Jahre, die Filmfreunde und Kritiker stets mehr begeisterten als profitorientierte Produzenten - mit einer Ausnahme: dem 1966 aufgeführten Welterfolg "Blow up". Der Film mit David Hemmings und Vanessa Redgrave erzählt eine mysteriös verschlüsselte Geschichte um Sein und Irrealität aus dem "Swinging London". Antonioni traf damit den Nerv jener Zeit, in der vieles im Umbruch schien, letztlich aber nur oberflächlich modernisiert und warenförmiger wurde.

Trilogie um die trostlose Leere des großstädtischen Menschen

"Blow up" ist allerdings nicht die bedeutendste Arbeit Antonionis. Denn mit der Trilogie "Das Abenteuer" (1960), "Die Nacht" (1961) und "Liebe 62" (1962) hatte er in kurzer Zeit drei Filme vorgelegt, die mit ihrer fragmentarischen Erzählweise und verstörenden Bilddramaturgie ganz neue Wege auf der Leinwand einschlugen. Bis heute gilt diese Trilogie um die trostlose Leere des großstädtischen Menschen als "Paradigmenwechsel in der Geschichte des Films, gleichsam als ästhetischer Modernisierungsschub".

Auch nach 40 Jahren ist die quälende Intensität unübertroffen, mit der in der Eröffnungsszene von "Liebe 62" die Entfremdung eines Paars gezeigt wird. Zu jener Zeit entbrannte eine heftige Kontroverse um diese Arbeiten, die Antonionis damalige Lebensgefährtin Monica Vitti zum Star des intellektuellen europäischen Kinos machten. Es waren natürlich keine Filme, die Millionen anzogen. Aber sie loteten so kreativ und wirkungsvoll die Möglichkeiten des Mediums aus, dass die künstlerische Ausnahmestellung des Zeitgenossen und Landsmanns von Federico Fellini außer Frage stand. Bereits 1957 hatte der Regisseur mit «Der Schrei», einer Geschichte um einen verlassenen, verzweifelten Mann, subtile Seelenanalyse mit melancholischen Landschaftsimpressionen höchst kunstvoll verknüpft.

In Hollywood gescheitert und geehrt

Antonioni wurde am 29. September 1912 in Ferrara geboren. Er begann seine Karriere bei Filmzeitschriften im faschistischen Italien. In den Kriegsjahren arbeitete er als Regie-Assistent und drehte einen Dokumentarfilm über "Die Leute vom Po". Der erste eigene Spielfilm stammt aus dem Jahr 1954: "Chronik einer Liebe" enthielt bereits die stilistische Handschrift Antonionis, ebenso wie seinen Verzicht auf eine formale Erzählstruktur. Nach dem Triumph mit "Blow up" öffnete sogar Hollywood seine Türen für den Filmkünstler. Doch der in den USA produzierte Streifen "Zabriskie Point" war kommerziell ein Flop. Und zu kritisch für den amerikanischen Geschmack war er ohnehin, zeigte er doch ein wüstes, seelenloses Konsum-"Paradies".

Jack Nicholson war 1973 Titelheld in Antonionis "Beruf: Reporter". Der Film hatte wiederum die Spannung zwischen Realität und Fiktion zum Thema, diesmal gespiegelt in einem Charakter. Lange Jahre musste der Regisseur warten, bis er 1982 sein Alterswerk "Identifikationen einer Frau" drehen konnte, in dem Antonioni noch einmal bekannte Motive und Methoden in seinem spezifischen gleitenden Rhythmus zum Ausdruck bringen konnte. Der Schlaganfall 1984 brachte nicht den schreibenden und malenden Künstler zum Verstummen, aber an Regieführen war nicht mehr zu denken.

Es war deshalb umso erstaunlicher, dass Antonioni 1995 mit Hilfe von Wim Wenders seine Erzählungen "Bowling am Tiber" unter dem Titel "Jenseits der Wolken" als endgültigen Abschied vom Film auf die Leinwand bringen konnte. Wenders hat über die Magie des Italieners gesagt: "Unter seinen Augen gerät wirklich jede Kopfbewegung, jede Geste, jede Kamerabewegung zu etwas Notwendigem, Unabänderlichem, Unverwechselbarem." Im gleichen Jahr erhielt Michelangelo Antonioni den Oscar für sein Lebenswerk. Es war der Tribut Hollywoods für einen Mann, der die Filmkunst mehr bereichert hat als die Kassen.

Wolfgang Hübner/AP

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