"Was bringt das, Blut für Blut?", fragt Hollywood-Regisseur Steven Spielberg mit seinem neuen Film "München". Der stern zeichnet nach, was damals wirklich geschah: Die monströse Tat und die blutige Antwort des Mossad. Von Claus Lutterbeck

Die komplette israelische Olympiamannschaft kam bei der Geiselnahme 1972 ums Leben© Bettmann/Corbis
In den ersten chaotischen Minuten schafft es der israelische Ringer-Trainer Moshe Weinberg fast, Issa auszuschalten, er verfehlt dessen Brust nur knapp mit einem Obstmesser. Einer der Terroristen schießt auf ihn, trifft nicht richtig und zerfetzt ihm den Mund. Trotzdem schafft Weinberg es noch, dem 19-jährigen Mohammed Safady ein paar Zähne auszuschlagen und den Kiefer zu brechen. Als er versucht, ihm auch die Kalaschnikow zu entreißen, wird Weinberg erschossen.
Um 5.25 Uhr erscheint der erste ahnungslose deutsche Polizist vor der Wohnung, weil irgendjemand Schüsse gemeldet hatte. Er will wissen, was los ist. Issa gibt ein Zeichen über die Schulter - und dem Polizisten wird die nackte, blutüberströmte Leiche von Weinberg vor die Füße geworfen.
An diesem blutigen Dienstag im September 1972 begann das TV-Zeitalter, in dem wir immer noch leben: Terror funktioniert am besten, wenn er auf allen Kanälen live übertragen wird. Heute ist es schon Routine, aber bei den XX. Olympischen Spielen, die so heiter hätten werden sollen, sind die Fernsehzuschauer live dabei, als der Schrecken zum ersten Mal die mediale Weltbühne betritt. Bis zum Abend verbarrikadieren sich die Terroristen mit neun Geiseln im Trakt der Israelis. Boden und Wände sind mit Blut beschmiert und von Einschusslöchern übersät, es stinkt, auf dem Boden liegt die blutige Leiche Yossef Romanos. Der Gewichtheber hatte schon einen Terroristen zu Boden geworfen, als er von einem anderen erschossen wurde. Die überlebenden Israelis sitzen, an Händen und Füßen gefesselt, auf ihren Betten.
München, Oberwiesenfeld, vier Uhr morgens: Acht Männer in roten Trainingsanzügen steigen bei Tor 25A über den zwei Meter hohen Zaun ins Olympische Dorf. Ein paar US-Athleten, die weit über den Zapfenstreich hinaus gefeiert haben, klettern auch über den Zaun. Sie helfen sich gegenseitig. Es ist der 5. September 1972, das Wetter ist schön und die Welt ziemlich heil. Acht junge Araber können mit plump gefälschten Pässen nach Deutschland einreisen, im Dunkeln über einen Zaun steigen - und niemand argwöhnt, in ihren Taschen könnten Kalaschnikows, Handgranaten und Patronengurte versteckt sein. Es ist ein anderes Zeitalter. Niemand argwöhnt irgendwas.
Kurz darauf, um 4.15 Uhr, öffnet ihr Anführer mit einem nachgemachten Schlüssel die Tür zum Apartment Nr. 1 der israelischen Olympiamannschaft. Niemand bewacht sie, weder deutsche noch israelische Behörden hielten das für notwendig. Issa (arabisch für Jesus), wie sich der Chef der Terroristen nennt, ist ein 35-jähriger Palästinenser mit eisernen Nerven, der in der Bundesrepublik studiert hat und gut Deutsch spricht. Im Olympischen Dorf kennt er sich aus, weil er sich dort einen Job geangelt hat. Er trägt einen Tropenanzug, einen weißen Hut, das Gesicht hat er sich mit schwarzer Schuhcreme eingeschmiert, damit man ihn nicht erkennt. Die sieben Terroristen, mit denen er die Schlafräume durchkämmt, sind erst wenige Stunden vor dem Attentat in die Pläne eingeweiht worden. Es sind junge Männer, die in Shatila, einem der furchtbarsten Flüchtlingslager im Libanon, rekrutiert und in einem libyschen Trainingslager ausgebildet wurden.
Alles wird gut, beruhigen die Terroristen und fordern ihre Opfer auf, Witze zu erzählen, wie der britische Reporter Simon Reeve in seinem Buch "One Day in September" schreibt. Im Austausch für die Geiseln verlangen die Palästinenser die Freilassung von 234 in Israel einsitzenden arabischen und zwei in Stammheim inhaftierten Gefangenen: Ulrike Meinhof und Andreas Baader. Israel lehnt sofort ab, Deutschland laviert.
Vor den Spielen war die Hoffnung in der Bundesrepublik groß. Mit Kanzler Brandt an der Spitze, der einst vor Hitler geflohen war, wollte man sich betont zivil und heiter präsentieren. Alle Welt sollte sehen, dass dies ein gewandeltes, demokratisches Land war, 36 Jahre nach den Olympischen Spielen der Nazis. "Deutschland war so bedacht darauf, seine Vergangenheit herunterzuspielen", schrieb die "New York Times" später, "dass es Sicherheitsfragen tragisch naiv behandelte."
Für die Sicherheitsmaßnahmen wurden damals rund zwei Millionen Dollar ausgegeben - bei den Olympischen Spielen von Athen 2004 kosteten sie eine Milliarde. Deutsche Uniformen waren aus dem Olympischen Dorf verbannt, die 2100 Polizisten trugen hellblaue Anzüge im Safari-Look, die ihnen der damals trendigste Pariser Schneider, Courrèges, angepasst hatte. Schick sahen sie aus, die psychologisch geschulten Gute-Laune-Hüter. Maoistische Demonstranten, die sich in die Bannmeile gewagt hatten, verdroschen sie nicht mit Knüppeln, wie sonst in Bayern üblich, sondern schenkten ihnen Bonbons. "Münchner Linie" hieß diese PR-Masche. Wer Streit anfing im Olympischen Dorf, dem drückten die unbewaffneten Polizisten einen Blumenstrauß in die Hand. Es waren Wächterlein, von denen Arafats geheime Terrortruppe, der "Schwarze September", nur träumen konnte.
Olympisches Dorf, 5. September, 22.03 Uhr: Weil ihre Erpressung nicht wie geplant funktioniert, wollen die Attentäter nach Kairo ausgeflogen werden. Dort würden sie die Geiseln freilassen. Die deutschen Unterhändler gehen zum Schein darauf ein und fliegen die Kidnapper mit ihren Geiseln in zwei Hubschraubern zum Flughafen Fürstenfeldbruck. Dort steht eine Boeing 727 bereit, doch abfliegen soll sie nicht. Scharfschützen sollen die Gangster auf dem Weg zum Flugzeug erschießen und die Geiseln befreien, so der Plan.
Doch es ist ein Desaster der Extraklasse, das die verantwortlichen Politiker und Polizisten auf dem Luftwaffenstützpunkt Fürstenfeldbruck anrichten. Auf die acht Terroristen zielen nur fünf Scharfschützen, die anderen stehen auf vier anderen Münchner Flughäfen herum. Die Scharfschützen verfehlen die Entführer, weil sie keine Präzisionsgewehre haben. Sie tragen auch keine Helme oder kugelsicheren Westen und werden von falsch aufgestellten Scheinwerfern so geblendet, dass sie ihre Ziele kaum erkennen können. Sie sind verwirrt, weil man vergessen hat, ihnen zu sagen, dass nicht fünf, sondern acht Terroristen auszuschalten sind.
Weil sie nicht mit Sprechfunk ausgerüstet sind, gibt es keinen Kontakt untereinander, man nimmt sich gegenseitig unter Beschuss. Einer der Scharfschützen gab später zu, er habe gar keine Ausbildung gehabt, Schießen sei nur sein Hobby gewesen. Die Panzerfahrzeuge, die Verstärkung bringen sollen, bleiben im Verkehrsstau nach Fürstenfeldbruck stecken - zu viele Neugierige wollen die Ballerei nicht nur im Fernsehen, sondern direkt am Flugplatzzaun erleben.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 2/2006