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Naomi Watts und die Rolle, in der sie endlich böse sein darf

In der Netflix-Serie "Gypsy" spielt Naomi Watts eine Psychologin auf Abwegen. Als Jean Holloway schreckt sie nicht mal davor zurück, sich an die Freundin ihres Patienten ranzumachen. Auf diese Rolle hat sie gewartet.

Wie sie einem da gegenübersitzt. Elegant übereinandergeschlagene Beine und ein Blick, der ebenso wach wie aufmunternd ist. So aufmunternd, dass man gleich eine Lebensbeichte ablegen möchte. nippt an ihrem dampfenden Ingwertee und wartet darauf, dass das Gespräch beginnt, ganz ruhig sitzt sie da, ganz gelassen – und es fühlt sich an, als sei man einer ihrer gequälten Patienten in der Netflix-Serie "Gypsy", in der sie brillant die Psychologin Jean Holloway spielt. "Darf ich Ihnen einen Tee anbieten?", fragt sie, und plötzlich ist da der Impuls, aufzustehen und zu gehen, nein, zu fliehen. Weil ja klar ist, wie es endet mit den Patienten dieser Frau.

Deren Leben wird auf den Kopf gestellt, weil Jean Holloway ein borderline-getriebenes Doppeldasein führt. Tagsüber gibt sie die einfühlsame Therapeutin in ihrer schicken New Yorker Praxis, nach Dienstschluss schlüpft sie in ihr zweites Leben. Da freundet sie sich mit Teenagertöchtern oder Expartnern ihrer Patienten an, um sich selbst den Adrenalinkick zu holen, der ihrem sterbenslangweiligen Bilderbuchleben fehlt. Sie habe lange auf solch eine Rolle gewartet, sagt Naomi Watts: endlich einmal eine Frau zu spielen, die selbst am Hebel der Macht sitzt und ihr Umfeld wie eine Marionettenspielerin steuert.

Schon mit fünf Jahren wusste Naomi Watts, dass sie auf die Bühne wollte

Weltweit bekannt wurde Watts als Leidensfrau. Mit dem Katastrophendrama "The Impossible", worin sie eine spielt, die ihre drei Kinder in einem Tsunami in Thailand verliert. Oder mit "21 Grams", worin sie eine Drogenabhängige darstellt, die verzweifelt versucht, ihre Existenz als Junkie gegen ein bürgerliches Leben zu tauschen. Für beide Rollen wurde Watts völlig zu Recht für einen Oscar nominiert.

Die 48-Jährige kam als australisch-britische Tochter einer Antiquitätenhändlerin und eines Tontechnikers zur Welt. Schon mit fünf Jahren wusste sie, dass sie auf die Bühne wollte. Doch ihre Kindheit war überschattet von Tragödien. Ihre Eltern ließen sich scheiden, als sie vier Jahre alt war. Ein paar Jahre später starb ihr Vater Peter Watts an einer Überdosis Heroin, er hatte für die legendäre Band Pink Floyd gearbeitet. "Das war ein Schicksalsschlag, ein grausamer Verlust und ist bis heute eine offene Wunde, die mein Leben geprägt hat", sagt Naomi Watts.

Sie brach die Highschool ab und schlug sich jahrelang mit unterirdischen Billigfilmen und schäbigen Werbespots für Lammfleisch durch. "Wir lebten zu dritt in einem Apartment in Los Angeles, konnten die Miete kaum bezahlen, aber irgendetwas ließ mich glauben, dass meine Zeit noch kommen würde." Einmal, sagt sie und lacht, einmal sei ein sehr bekannter Hollywoodregisseur, dessen Namen sie auf keinen Fall nennen will, bei ihrer Bewerbungsprobe eingenickt. "Mein Problem war einfach, dass ich damals nie den Mut besaß, ich selbst zu sein, sondern immer nur das, was die Castingleute forderten: das leicht dümmliche blonde Mädchen mit den großen Unschuldsaugen."

Ganz Hollywood verknallte sich in die junge Schauspielerin

Es ist dem Regisseur zu verdanken, dass Naomi Watts schließlich doch noch ihre Chance bekam. 2001 suchte Lynch verzweifelt nach einer Hauptdarstellerin für seinen Mystery-Thriller "Mulholland Drive – Straße der Finsternis". Dabei stieß er auf ein Porträtfoto von Naomi Watts. "Dieses Gesicht fesselte mich sofort. Es war schön und ängstlich zugleich, eine seltene Mischung" , sagte Lynch später. Ohne Casting, nur aufgrund eines Fotos, verpflichtete Lynch die damals noch völlig unbekannte Naomi Watts für seinen schließlich hochgelobten Film. Ganz Hollywood verknallte sich damals in die junge Schauspielerin. Es wurde ihr Durchbruch.

Heute muss sie niemandem mehr etwas beweisen, sie kann sich ihre Rollen aussuchen, aber ihre Selbstzweifel hat sie nie abgelegt. "Die Angst, dass es irgendwann vorbei sein könnte, die bleibt", sagt Naomi Watts. Der Erfolg vergrößere nicht das Ego, sondern er offenbare eher die eigenen Schwächen und Ängste. Vor allem dann, wenn – wie bei ihr – das Schicksal weitere Male zuschlägt. Ihr Exfreund, der Schauspieler Heath Ledger, starb 2008 an einer Überdosis Tabletten. Ihre Beziehung mit dem Schauspieler Liev Schreiber, aus der sie zwei Söhne hat, zerbrach im vergangenen Jahr.

"Ich habe meinen Vater früh verloren, deshalb wollte ich meinen eigenen Kindern gern die Erfahrung einer auseinanderbrechenden Familie ersparen", sagt Watts. Das habe nicht geklappt, aber ein Glück sei, dass sie sich nicht mit einer Schlammschlacht getrennt hätten, sondern immer noch freundschaftlich verbunden seien. So oft es eben gehe, würden ihre Söhne Samuel, 8, und Alexander, 9, sie bei den Dreharbeiten begleiten. Neulich durften die beiden ihrer Mutter – im Fernsehen – dabei zuschauen, wie sie von einem gigantischen Gorilla namens King Kong entführt wird. "Sie saßen da mit offenen Mündern", sagt Watts. Dass ihre Jungs davon träumen, eines Tages selbst vor der Kamera zu stehen, sieht sie gelassen. "Ich hoffe, dieser Wunsch wird mit der Zeit vergehen, denn ich weiß ja, wie viel Glück dazugehört, sich in durchzusetzen. Mir wäre es lieber, wenn sie etwas anderes tun, aber natürlich werde ich ihnen auch nicht im Weg stehen."

Naomi Watts muss jetzt los. Ihre Söhne, die gerade in New York sind, warten auf ihren Skype-Anruf. Die Therapiesitzung ist also beendet – und man selbst dann doch irgendwie froh über das glimpfliche Ende – ohne Holloway-Watts-Fragen.

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