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"Es ist keine leichte Entscheidung, zu Kickstarter zu gehen"

Viele gute Projekte könnten ohne Crowdfunding nicht zustande kommen. Cartoonist Joscha Sauer finanziert seine "Nichtlustig"-Trickfilmserie mit Hilfe von Unterstützern über Kickstarter. Das sorgt auch für Kritik, wie er im stern-Gespräch verrät.

  Der Cartoonist Joscha Sauer macht aus seinen "Nichtlustig"-Comics eine Trickfilmserie

Der Cartoonist Joscha Sauer macht aus seinen "Nichtlustig"-Comics eine Trickfilmserie

Wer eine gute Idee, aber kein Kapital hat, kann sein Projekt auf Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter vorstellen und um Unterstützung werben. Dass das durchaus funktionieren kann, zeigen prominente Projekte wie der erste eigene Film des US-Schauspielers Zach Braff (bekannt aus der Serie "Scrubs"), in Deutschland etwa der Kinofilm zur Serie "Stromberg" und auch die Trickfilmserie von "Nichtlustig"-Erfinder Joscha Sauer. Doch die öffentliche Frage nach Geld ist nicht einfach - und kann auch für Kritik sorgen. 

Der Cartoonist Joscha Sauer macht aus seinen "Nichtlustig"-Comics eine Trickfilmserie. Dafür hat er bereits knapp 10.000 Unterstützer gefunden, die rund 280.000 Euro gezahlt haben. "Es läuft sehr gut und wir sind wirklich zufrieden mit den Reaktionen der Fans", sagt er. Nur vereinzelt gibt es Stänkerer. "Wir wollen Geld, Geld, Geld, Geld. Ich habe mir bisher alle Nichtlustig-Bücher gekauft - damit ist jetzt Schluss", hatte ein Fan jüngst auf Facebook geäußert. Sauer reagierte mit einer Klarstellung - in einem für Fans ungewohnten Tonfall. "Ich find's ne dreiste Nummer, dass ihr euch beschwert. Weshalb denkt ihr, ihr hättet einen Anspruch darüber zu urteilen, was ich poste?", schrieb er. "Offensichtlich macht ihr euch keine Gedanken darüber, wie viel Arbeit, Energie und Liebe in die Produktion von Cartoons und Trickfilmen wandert."

Im Gespräch mit dem stern äußert Joscha Sauer sich zu seinem "Rant", wie er es nennt (Englisch für Schimpftirade) auf Facebook und zum Portal Kickstarter als Chance für Nachwuchskünstler.


Wie kam es zu dem Facebook-Post?

Ich habe mich da etwas in Rage geschrieben und dann auch mit mir gehadert, ob ich das wirklich posten soll. Oder ob das vielleicht doch zu viel Ernst in die Sache bringt. Ich will ja unterhalten und nicht predigen. Und ich muss mich da auch nicht mit dem Zeigefinger hinstellen und sagen: "Wisst ihr eigentlich, wie schwierig das ist!" Aber es fühlte sich richtig an und ich fand es dann auch legitim, das in dem Tonfall zu schreiben.

Und hattest du keine Angst, dass das nach hinten losgeht?

Nein, nicht wirklich. Es geht hier ja nicht um Leben und Tod. Ich wollte mich da gerne äußern. Und das Überraschende war: Nach dem Post hatten wir gestern dann den erfolgreichsten Kickstarter-Tag: Statt 2000 bis 3000 Euro pro Tag waren es gestern 20.000. Damit hätte ich nach diesem Kommentar wirklich nicht gerechnet. Das zeigt ja aber auch, dass sich die Leute gerne positionieren. Es hat sich schnell ein ganzer Mob formiert, der sich hinter mich gestellt hat.

Woher kommt die Missgunst einiger Menschen bei Crowdfunding-Projekten?

Häufig wird Bekanntheitsgrad mit Vermögen gleichgesetzt. Wer bekannt ist, ist in den Augen der Menschen auch reich. Gerade in meinem Bereich ist das ja Quatsch. Aber viele verstehen eben auch das Projekt nicht. "Trickfilm kann ja nicht so viel kosten", schreiben die dann unter meinen Aufruf zur Unterstützung

Dennoch hast du dich für Kickstarter entschieden.

Es ist keine leichte Entscheidung, zu Kickstarter zu gehen! Es ist nicht die erste Idee - eher die letzte. Da muss man sich eben nackig machen, so fühlt sich das an. Denn dort muss man plötzlich nicht nur vor einem Menschen sagen, dass man Geld braucht, sondern vor Zehntausenden. Und da verstehe ich die Kritik an den Großen dann auch, die Geld haben und trotzdem zu Kickstarter gehen.

Weshalb?

Die Idee an Crowdfunding war ursprünglich, dass man Künstler bei deren Ideen und Projekten unterstützt, die auf andere Weise eben nicht zustande kommen können. Es geht eben um diese Alternativlosigkeit. Der Kickstart soll die Aktivierungsenergie geben - und danach soll das Ding dann alleine rollen. Und es war eben eigentlich nicht für die gedacht, die schon selbst rollen.

Geben die Unterstützer ihr Geld, weil sie deine Fans sind, oder wollen sie schon genau wissen, wie das Projekt aussieht?

Es gab einen ersten Schub an Leuten, die mir offenbar einfach vertrauen. So kamen die ersten 80.000 Euro sehr schnell zusammen. Die anderen sind dann schon schwieriger zu erreichen. Das schafft man durch Transparenz und dadurch, dass man eben sein Projekt vorstellt. Jeder, der das Projekt unterstützt, soll Bescheid wissen. Ich erwarte ja nicht, dass jeder weiß, wie Trickfilm funktioniert. Aber sie sollen eben bitte keine vermeintlichen Fakten aus der Luft greifen und verbreiten, sondern lieber nachfragen.

Was sind das für Menschen, die negativ auf die Kickstarter-Kampagne reagieren? Fans? Außenstehende?

Na ja, was macht denn einen Fan aus? Es gibt einige, die behaupten, Fans zu sein. Die haben jetzt aber das Gefühl, das wächst mir alles über den Kopf und unterstellen mir Größenwahn. Die schreiben: "Ich habe all deine Bücher gekauft!" - Und trotzdem frage ich jetzt weiter nach Geld. Das erschließt sich mir nicht. Als hätte man mit dem Buch nicht einfach ein gutes Buch gekauft, sondern das Recht, künftig etwas von mir zu erwarten.

Dürfen Fans eine Erwartungshaltung haben?

Sie dürfen natürlich bitten und Anregungen geben. Aber sie haben nicht das Recht auf eine Erwartungshaltung. Da ist es mir lieber, wenn sie kritisch schreiben: "Erklär mir mal, wieso das so viel kosten soll". Dann erkläre ich gerne, dass 30 Menschen mit mir an dem Projekt arbeiten, die ich bezahlen muss. Und die zeichnen für eine einzige Sekunde Film zwölf bis 25 Bilder. Viele Arbeitsschritte zeige ich auch in Making-of-Filmen. Aber es ist auch immer die Frage, wie transparent alles sein darf, damit es die Leute nicht langweilt. Ich hatte sogar überlegt, ob ich die Excel-Tabellen mit meinen Ausgaben veröffentlichen soll. Aber das reine Aufsplitting der Kosten hat den Unterstützern schon gereicht.

Woran liegt es denn deiner Auffassung nach, ob die Fans positiv oder negativ reagieren? Bei Schauspieler Zach Braff gab es damals ja einen ordentlichen Shitstorm.

Ich glaube, es geht tatsächlich um die Glaubwürdigkeit des Initiators. Kann der glaubhaft vermitteln, wieso er das braucht und was er damit macht; wenn er nicht habgierig ist, dann sehen die Leute das auch. Wenn du selbst glaubst, dass das das Richtige ist und du die Leute nicht ausnutzt. Bei Zach Braff war das Problem, dass er, während sein Kickstarter-Projekt lief, einem Magazin seine Luxus-Wohnung zeigte und eben gleichzeitig von seinen Fans zwei Millionen Dollar haben wollte.

Was rätst du anderen Kickstartern? 

Macht euer Projekt transparent, habt auf alles eine Antwort. Erklärt, warum das jetzt der Zeitpunkt ist, weswegen ihr Geld sammelt. Bleibt in Kontakt mit den Unterstützern und richtet euch auch nach den Wünschen der Leute. Aber eben nicht nach einzelnen Schreihälsen, an die ich mich in meinem Kommentar gerichtet habe.


jen
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