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16. Februar 2008, 12:53 Uhr
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Lüge als Stilmittel

In Stuttgart steht der Nazi-Propagandafilm "Jud Süß" auf dem Programm, die Vorstellungen sind restlos ausgebucht. Grund zur Sorge? Nein. Ein Museum bemüht sich, das antisemitische Hetzwerk von 1940 zu enttarnen und den Missbrauch des Mediums Film in der NS-Zeit zu erklären. Von Jörg Isert

Eine Ausstellungs-Besucherin vor einem historischen "Jud Süß"-Kinoplakat© Bernd Weißbrod/DPA

Es ist ein ungewöhnlicher Film, der seit Ende Januar in Stuttgart gezeigt wird. Gespielt wird eine der erfolgreichsten deutschen Filmproduktionen. Ein echter Blockbuster. Mehr als 20 Millionen Deutsche haben ihn gesehen, deutlich mehr als "Der Schuh des Manitu". Noch einmal so viele Menschen in Europa. Dennoch taucht der Film in keiner Hitliste auf. Es ist der klassische Kampf zwischen Gut und Böse. Auf der einen Seite stehen aufrechte Bürger. Auf der anderen Seite ein aalglatter Typ und sein schmuddelbärtiger Helfershelfer. Gemeinsam manipulieren sie einen Staatschef und hebeln Recht und Ordnung aus. Das Schlimme an dem Film ist, am Anfang wird darauf hingewiesen: Die "geschilderten Ereignisse beruhen auf geschichtlichen Tatsachen".

Noch schlimmer ist, dass dieser Satz nicht stimmt. Der Film ist "Jud Süß". Die deutsche Produktion von 1940 der bekannteste aller Propaganda-Streifen. Ein Werk, das es der treibenden Kraft, die dahinter steckte, äußerst angetan hatte: "Der Film hat einen stürmischen Erfolg. Der Saal rast. So hatte ich es mir vorgestellt", schrieb Joseph Goebbels über die Uraufführung in sein Tagebuch. So hatte es sich Hitlers Propagandaminister vorgestellt. Er hatte die Machart des Films maßgeblich beeinflusst.

"Extreme politische Propaganda ist ein aktuelles Problem"

75 Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland findet im baden-württembergischen Haus der Geschichte die Ausstellung "Jud Süß - Propagandafilm im NS-Staat" statt. Der Termin der Ausstellung sei Zufall, erläutert Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger. Die Intention hinter der Schau: "Extreme politische Propaganda ist ein aktuelles Problem, und ihre Wirkungsweise ist noch längst nicht abschließend geklärt. Schon aus diesem Grund gilt es, die Menschen auf die Wirkungsweise von politischer Hasspropaganda aufmerksam zu machen."

Die aufwändig gestaltete Ausstellung will den Missbrauch des Mediums Film zeigen. Den Umgang der Nationalsozialisten mit der deutschen Geschichte. Wie eine reale Person zum Feindbild schlechthin wurde: Dem des bösen Juden. Sechs Szenen des Films werden im Halbdunkel gezeigt. Sie sollen die propagandistische Machart des Films von Regisseur Veit Harlan verdeutlichen. Zudem werden auf rund 600 Quadratmetern historische Materialien rund um das Hetzwerk gezeigt. Filmplakate, Drehbücher und propagandistische Pamphlete. Die Dokumente stammen zum größten Teil aus den Archiven der Babelsberger Filmstudios, wo "Jud Süß" gedreht wurde.

Die historischen Fakten: Joseph Süß Oppenheimer war ein Finanzberater, der im 18. Jahrhundert in den Diensten des württembergischen Herzogs Karl Alexander stand. Oppenheimer war, zumindest nach Meinung des gemeinen Volkes seiner Zeit, ein geldgieriger Intrigant. Er führte diverse Steuern ein, ohne die protestantischen Landstände um ihre Meinung zu fragen. Er verkaufte Handelsrechte für Salz oder Leder zu teuren Preisen. Er veranstaltete Glücksspiele. Kurz: Süß galt als verabscheuungswürdig.

Sechs Jahre lang hing die Leiche vor dem Tor

Dass Oppenheimer all dies ersann, um die überhöhten Regierungs- und Lebenshaltungskosten seines Herzogs zu decken, der im riesigen Barockschloss von Ludwigsburg residierte, war 1737 ohne Bedeutung. Da starb der Herzog an einem Schlaganfall. Sofort wurde sein vom Volk verhasster Finanzrat verhaftet. Wegen Amtshandels, Bestechlichkeit, Hochverrats, Majestätsbeleidigung wurde Oppenheimer angeklagt. Dass der machtbewusste Finanzberater kein Unschuldslamm, aber dennoch nicht schuldig war, spielte keine Rolle bei dem Schauprozess. Am 4. Februar 1738 wurde Oppenheimer hingerichtet: Tod durch den Strang, vor den Augen von 12.000 Bürgern. Sechs Jahre lang ließ man den Leichnam vor den Toren Stuttgarts hängen.

"Der erste wirklich antisemitische Film"

Dass 1738 keiner der Anklagepunkte plausibel nachgewiesen werden konnte, interessierte auch Joseph Goebbels wenig. Hitlers wichtigster Mann hatte das perfekte Ausgangsmaterial für ein Hetzwerk, das direkt vom Propagandaministerium in Auftrag gegeben wurde. Und das Goebbels später so bezeichnete: "Der erste wirklich antisemitische Film".

Aus einem schlimmen Stück deutscher Geschichte gelang es dem Propagandaminister, eine noch viel schlimmere Geschichte zu spinnen. Deren Vertrieb, Verkauf und Vorführung 1963 vom deutschen Bundesgerichtshof verboten wurde, wegen Volksverhetzung und Verfassungswidrigkeit. Und so darf der Film in Stuttgart nur gezeigt werden, weil es ein Rahmenprogramm gibt. Fachleute weisen vorab auf die propagandistischen Mittel hin, die in "Jud Süß" zum Einsatz kommen. "Sie werden es schwer haben, den Film zu begreifen", meint Gerd Albrecht, der mehrere Bücher über die Bedeutung des Films im Dritten Reich veröffentlicht hat. "Achten Sie darauf, wie ein Film mit uns spielen kann."

Prozesse gegen die Filmmacher Die Sonderausstellung "Jud Süß - Propagandafilm im NS-Staat" läuft bis zum 3. August 2008 im Haus der Geschichte Baden-Württemberg in Stuttgart. Im Begleitprogramm präsentiert und bespricht das Museum auch den antisemitischen Propagandafilm von 1940. Gezeigt wird auch, was nach Kriegsende aus den Machern des Films wurde: Dem Regisseur Veit Harlan wurde zweifach der Prozess gemacht. Beide Male wurde er frei gesprochen. Auch Werner Krauß, der neben dem Sekretär Levi die fünf weiteren "jüdischen" Sprechrollen im Film spielte, kam vor Gericht. Er wurde als "minderbelastet" eingestuft, 1954 erhielt er das Bundesverdienstkreuz. Ferdinand Marian, der den Jud Süß spielte, wurde nach 1945 die Schauspieltätigkeit untersagt, wegen seiner Mitwirkung am Film. Er starb bei einem Autounfall, vermutlich einem Suizid.

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