Jeden Sonntag live im dritten Programm: Dittsche - und wie er uns in einem Imbiss die Welt erklärt. Ein Gespräch mit dem Darsteller über seinen arbeitslosen Protagonisten und dessen Erfolgsprinzip.

"Dittsche behauptet nicht, lustig zu sein": Olli Dittrich, 48, hat sich von der Krawallkomik verabschiedet© Enver Hirsch
Ja, aber den ziehe ich nie an.
Das war ein Werbegeschenk von einer Plattenfirma, ich weiß nicht mal mehr, wie der aussieht. Zu Hause in so einem drittklassigen Kaufhof-Frottee-Mantel rumzulaufen - das ist doch eher so ein Gefühl wie: Zieh dich endlich mal an!
Im Grunde alles: Dittsche ist neben den "Blind-Date"-Figuren sicher der authentischste Charakter, der mir je eingefallen ist. Auf sonderbare Weise habe ich ihn schon Anfang der 90er Jahre erfunden, bevor es diese Comedy-Welle gab und ich bei "Samstag Nacht" war. Ich habe immer eine große Nähe gehabt zu den einfachen Menschen, die übrigens gar nicht dumm sein müssen, nur weil sie Verlierer sind; das ist ein großer Irrtum, der aber in der Comedy häufig vorkommt: dass der Proll-Typ dumpfbackig daherzukommen hat, damit er auch lustig ist. Ich weiß nicht, wie viele Supermarkt-Kassiererinnen, Kfz-Schrauber, Putzfrauen oder Hausmeister dafür herhalten mussten. Aber Verzeihung, jetzt bin ich etwas vom Thema abgekommen.
Ach ja. Der hat insofern viel von mir, weil ich zwar nicht gerade aus verarmten Verhältnissen stamme, aber doch frühzeitig auf eigenen Beinen gestanden und viele Jahre mit zu wenig Geld in der Tasche gelebt habe. Ende der Siebziger war ich hier in Hamburg bei einem Kumpel in Eimsbüttel untergekommen. Wir haben im Sommer zusammen Fußball geguckt, draußen klingelte der Eiswagen, ich bin raus und vor mir in der Schlange stand ein Typ in Jogginghose und T-Shirt, und darüber trug er einen Bademantel - faszinierend!
Weil das für ihn ganz normal zu sein schien. Und von dieser Selbstverständlichkeit schwingt auch was bei Dittsche mit. Später wohnte ich in einem anderen Teil Eimsbüttels, und dort saß immer ein Mann auf dem Balkon, auch im Winter. Der war natürlich arbeitslos, möglicherweise auch Trinker. Er hatte so nach hinten gegelte Haare und einen irrsinnig angestrengten Gesichtsausdruck. Wenn ich genau darüber nachdenke, hat sich in diesem Gesicht alles gesammelt, was an Alltagselend passieren kann. Der Mann ist auch in Dittsche eingeflossen.
Weil Dittsche nichts behauptet. Er behauptet nicht, lustig zu sein oder besonders gute Unterhaltung zu liefern. Viele Fernsehformate leben nämlich auf der Jagd nach Quote von der Behauptung: noch nie dagewesen!, noch toller!, noch mehr Film-Film! - und am Ende ist man enttäuscht, weil doch keine so große Sensation zu sehen war. Dittsche verstellt sich nicht - weder das Format, noch die Figur. Ich zeige ihn so, wie er ist. Und Dittsche kann einem nur deshalb sympathisch sein, weil er in seiner armseligen Situation alles Mögliche erfindet, um von seinem Schicksal abzulenken. Aber man lacht nicht über seinen sozialen Stand.
Dittsche ist Weltmeister darin, Dinge miteinander zu kombinieren! Wenn Michael Schumacher in Bahrein beim ersten Rennen in der Wüste viel besser ist als alle anderen, dann weiß Dittsche, warum.
Und warum halten Kamele in der Wüste wochenlang ohne Wasser durch? Weil sie Fettreserven in ihren Höckern tragen, die irgendeine biologische Aufgabe haben, die Dittsche natürlich nicht kennt. Aber er denkt dann wie ein Kind darüber nach und sagt: Da ist Fett drin, Fett schmiert die Gelenke. Was schon mal eine sehr, sehr lustige Idee ist. Und wenn Fett die Gelenke schmiert, schmiert Fett auch einen Motor. Und wenn Dittsche darüber redet und sein Gegenüber...
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 08/2005