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Viola Davis könnte Trump das Fürchten lehren

Im vergangenen Jahr waren ausschließlich Weiße für den Oscar nominiert. Diesmal wird bei der Verleihung einiges anders laufen - auch dank der Schauspielerin Viola Davis.

Von Christine Kruttschnitt

Viola Davis

Den Screen Actors Guild Award für "Fences" hat sie bereits, am Sonntag kann Viola Davis auch auf einen Oscar hoffen. 

Das Kind braucht Hilfe. "Ein Pflaster", wispert Genesis und hält das Fingerchen hoch. "Kein Blut", sagt sanft, aber bestimmt ihre Mutter und schiebt die Sechsjährige aus dem Zimmer, "geh noch mal spielen." Sie schließt die Tür hinter der Nanny, und gleich darauf erklingt im Flur das Geräusch von Kinderbeinen im Galopp. lächelt. "Ich nehme meine Tochter immer mit zu Interviews", sagt sie. "Am liebsten würde ich sowieso zu Hause bleiben und weniger arbeiten."

Sie nimmt Platz auf dem Sofa, ihr schwarzes Lederjäckchen knautscht behaglich. Viola Davis ist mit ihren 51 Jahren eine späte und begeisterte Mutter, aber anders als viele ihrer Kolleginnen in keinesfalls um ewige Mädchenhaftigkeit bemüht. Sie ist freundlich, aber nicht flatterhaft, und wenn sie zuhört, richtet sie ihre großen dunklen Augen abwartend auf ihr Gegenüber wie eine Lehrerin, die schon alle schlechten Ausreden gehört hat. Ihre Stimme ist tief, im Ton bedächtig, so als setze sie bei ihrer Umwelt Begriffsstutzigkeit voraus.

Viola Davis so gefragt wie nie

Ob sie ihren Beruf etwa satt hat? Da bricht sie in lautes Gelächter aus, unterm Lederjäckchen bebt die Brust, und sie ruft, den Kopf in den Nacken geworfen: "Nein, nein, ich bin nur so müde! sind anstrengend! Ich will ausschlafen! Ich brenne nicht mehr so wie früher. Ich will einfach mal faul sein." Da hat sie den denkbar schlechtesten Zeitpunkt gewählt. Viola Davis ist gefragt wie nie: Seit mehr als 20 Jahren steht sie auf der Bühne, dreht Kunst und Action fürs Kino, kommt mit eigener TV-Serie ("How to Get Away with Murder") überall ins Wohnzimmer und sammelt derzeit einen Schauspielpreis nach dem anderen ein.

Wenn am 26. Februar in Los Angeles die Oscars verliehen werden, fällt Violas Name zum dritten Mal; nie zuvor war eine schwarze Schauspielerin so häufig nominiert. Und nach Ansicht von Kritikern und Kollegen wird sie diesmal gewinnen für ihre Darstellung als leidgeprüfte Gattin eines Hinterhof-Patriarchen im Familiendrama "Fences" . Der Film basiert auf einem Bühnenstück des Pulitzer-Preisträgers August Wilson, bedeutendstem schwarzen Dramatiker, und hat ihr am Broadway schon einen "Tony" beschert; in der Kinoversion von Denzel Washington sieht man in Großaufnahme, wie ergreifend Viola Davis leiden kann.

Nicht exotisch, sondern real

"Sie meinen den Rotz, der mir da aus der Nase läuft?", sagt sie und wirft dieses prächtige Lachen an. "Alles echt. Wir wollen eben echte Menschen zeigen, mit denen sich jeder identifizieren kann, nicht nur Zuschauer mit dunkler Hautfarbe."

Es ärgert sie, dass "Fences" mit seiner durchweg afroamerikanischen Besetzung wie zur Warnung als "Black Movie" beschrieben wird, als wäre der Alltag von nicht weißen Familien unzumutbare Kost fürs Mainstreampublikum. Dabei würden sich der Müllmann Troy () und seine Frau Rose auch als weißes Pärchen ein packendes Gefecht liefern, und ihre Geschichte im Pittsburgh der 50er Jahre ist nicht exotisch, sondern einfach ein Stück Amerika.

Meryl Streep und Viola Davis

Viola Davis verteidigte Meryl Streep gegen die Vorwürfe von Donald Trump, sie sei eine schlechte Schauspielerin.

Ein Amerika, das Hollywood gewiss nicht verschwiegen hat - und das so doch nie zuvor auf der Leinwand zu sehen war. Weder so selbstverständlich noch so facettenreich. "Fences" setzt sich, wie gerade eine ganze Reihe von Filmen, mit dem Thema Rassismus auseinander, doch sieht man nicht weiße Ku-Klux-Klan-Kutten und brennende Kreuze, sondern bekommt ein Gefühl für den Alltag von Menschen, für die "Zäune" und soziale Barrieren zwischen Schwarz und Weiß normal waren und sind.

Im Drama "Loving" landen noch Ende der 50er Jahre ein weißer Mann und seine schwarze Frau im Gefängnis, weil sie im US-Staat Virginia mit ihrer Heirat gegen ein Rassengesetz verstoßen haben. Eine wahre Geschichte; die bildschöne Hauptdarstellerin Ruth Negga ist für den Oscar nominiert. Und "Hidden Figures" erzählt von schwarzen Mathematikerinnen in einem NASA-Rechenzentrum, die als "menschliche Computer" maßgeblich daran beteiligt waren, weiße Astronauten ins All zu schießen. Die erhebende Frauen-Power-Saga spielte in den USA 100 Millionen Dollar ein und ist ebenfalls oscarnominiert.

Mag sein, dass der Boom direkte Folge von "OscarsSoWhite" ist, jenem griffigen Slogan, mit dem im vergangenen Jahr Filmemacher und Publikum eine Verleihung abwatschten, bei der sich alle 20 nominierten Schauspieler als Bleichgesichter entpuppten. Der Oscar-Academy, einem Verband der Filmwirtschaft zur Förderung technischen, aber eben auch kulturellen Fortschritts, wurde darauf "mangelnde Vielfalt" vorgeworfen - ein nettes Wort für Rassismus. Der Hieb saß, im Juni berief die Organisation 683 neue Mitglieder aus aller Herren Länder in ihren Klub, 46 Prozent davon weiblich, 41 Prozent "farbig".

Der Regisseur Barry Jenkins, dessen filmischer Bildungsroman "Moonlight" über einen schwarzen Jungen im Drogenmilieu von Miami als Meisterwerk gepriesen wird, erklärt sich die schwarze Erfolgswelle so: "Schon lange vor #OscarsSoWhite haben wir Filmemacher uns gefragt, warum wir uns im Kino nicht wiedererkennen, warum niemand unsere Geschichten erzählt. So sind Drehbücher entstanden, die unsere Empfindungen wiedergeben. Das sollte so weitergehen."

Auch Cheryl Boone Isaacs, die - schwarze - Präsidentin der Academy, ist optimistisch: "Ich bin lange dabei, ich habe Türen auf- und zugehen sehen. Was hier rumort, hört so schnell nicht wieder auf."

"Das Filmgeschäft", sagt der "Loving"-Produzent Peter Saraf, "hat ein Jahrhundert lang die Perspektive von weißen Männern wiedergegeben. Wir fangen gerade an, uns anderen Sichtweisen zu öffnen."

Wie schwer es diese anderen Stimmen haben, sieht man an August Wilson: Der 2005 verstorbene Schriftsteller hat "Fences" bereits 1983 veröffentlicht, und obwohl das Stück mit großem Erfolg gespielt wurde, bissen keine Produzenten an. Wilson war fürs Kino zu "schwarz". Das ist es, was Viola Davis so mag an seinen Arbeiten. In ihrer "Fences"-Filmküche hängen Bilder von Jesus und Kennedy - "wie bei uns zu Hause", sagt sie, "und dazu noch der Papst. Diese drei Bilder fehlten in keinem Haushalt, man nannte es die schwarze Dreifaltigkeit!"

Wie sieht's in ihrer eigenen Küche aus? Die großen dunklen Augen werden schmal. "Ich hänge mir nicht Trump an die Wand, oh nein."

Als Kind wurde sie von weißen Mitschülern auf der Straße als "Nigger" beschimpft, erfuhr eine weit subtilere Form von Rassismus später vor der Kamera: "Ich hatte auf der Leinwand nie ein Sexualleben." Das änderte erst ihre Rolle als Jura-Professorin in "How to Get Away with Murder": Da ist sie eine moralisch schillernde Powerfrau mit einem Liebesleben, das dem Charme von Vogelspinnen ähnelt.

Als sie 2015 für ebendiese Rolle den Emmy gewann, Amerikas höchsten Fernsehpreis, klang sie kämpferisch: "Das Einzige", sagte sie in ihrer Dankesrede, "was farbige Frauen von allen anderen unterscheidet, ist, dass sie keine Chance bekommen." Sie weiß, dass sie zu den Pionieren zählt in ihrem Beruf, sie empfindet gar "Verantwortung als sogenannte Berühmtheit. In meinem Privatleben und in meinem Herzen fühle ich mich frei, aber ich weiß, dass mich die Gesellschaft als Frau und besonders als schwarze Frau beschränkt."

Wäre es ihr nicht manchmal lieber, einfach die Lorbeeren einzusacken und ab nach Hause, statt noble Reden zu halten? Sie seufzt. "Manchmal fühle ich mich wie die Sprecherin für alle schwarzen Frauen. Aber ich darf sie nicht enttäuschen."

Die Produzenten der Oscar-Gala werden auf die aufrechte und kämpferische Davis ein waches Auge haben. Mit politischen Reden in der Show ist das nämlich so eine Sache. Im Grunde sind sie ein No-Go - spätestens seit 1973 Marlon Brando eine junge Indianerin vorbeischickte, die an seiner statt das Goldmännchen ablehnte und für die Rechte ihres Volkes plädierte. So etwas schätzt die Academy so wenig wie das Fernsehpublikum, das sich von der Show Ablenkung vom nervigen Alltag erhofft, nicht etwa Nachhilfeunterricht.

Dieses Jahr gibt es Zoff

In dieser Woche treffen sich die Oscar-Nominierten traditionell zum Mittagessen, um sich zu beschnuppern - und auch, damit die Organisatoren Verhaltenstipps für glückliche Gewinner loswerden. Es ist jedes Jahr das Gleiche: Der Regisseur bittet darum, dass keine ellenlangen Zettel entfaltet und nicht Gott und den Friseuren gedankt wird. Kurz und persönlich sollen die Reden sein, und lieber nett als politisch relevant. Aber: "Nett sein" , sagt Viola Davis, "wird überschätzt."

Seit der Mann im Weißen Haus nahezu an jedem einzelnen Tag seiner Regierungszeit die halbe Nation - und den Rest der Welt - gegen sich aufbringt, sieht es so aus, als würden auf Hollywoods größter Feier Preise und Danksagungen Nebensache. Die ganze Branche orakelt: Dieses Jahr gibt es Zoff. Hollywood wird Flagge zeigen wie sonst nur Dekolleté.

"Wir müssen Krach machen", hatte die "La La Land"-Aktrice Emma Stone schon hinter der Bühne bei den SAG-Awards gerufen, der Preisverleihung der Schauspielergewerkschaft. Die findet immer vier Wochen vor den Oscars statt. Und da an jenem Wochenende die Trump-Regierung gerade die neuen Einreisebestimmungen verkündet hatte, geriet die normalerweise auf schiere Selbstbeweihräucherung konzentrierte Veranstaltung zur Protestaktion - und zur Generalprobe für den großen Aufstand.

Bitten um Zurückhaltung auf der Bühne könnten da leicht nach hinten losgehen. Für die Oscar-Produzenten wird das Ganze ein Eiertanz: Einerseits schaden Trumps Immigrationsgesetze der gesamten Entertainmentbranche, und nicht nur liberale Stars wie Meryl Streep legen sich mit dem Präsidentenklüngel an, auch die Geschäftsführer von Netflix und Apple, sogar die Söhne von Medienmogul Rupert Murdoch, einem großen Trump-Unterstützer, äußerten Besorgnis über die Zukunft des US-amerikanischen Filmmarkts.

Andererseits fürchten die Showmacher um die Quoten: Trumps Anhängern hängt nichts so sehr zum Hals raus wie Brandreden der Hollywood-Elite. In beiden Lagern gibt es Tumulte: Die Linken rufen zum Oscar-Boykott auf aus Solidarität mit dem iranischen Filmemacher Asghar Farhadi und seiner Hauptdarstellerin, die der Gala trotz Nominierung fernbleiben. Die Rechten wollen sich nicht anhören, dass sie rassistisch, sexistisch und verbohrt sind, und schalten womöglich nicht ein. Obwohl mit "La La Land" ein sozusagen farbloser Publikumsliebling mit 14 Nominierungen zur Wahl steht, was die Nation normalerweise vor die Glotze bannt - und eint.

"2016 war ein selten gutes Jahr", jubelte noch vor Kurzem der Sprecher des Verbands afroamerikanischer Filmkritiker, "nicht nur für schwarze, für alle Filme!"

Na, das sind doch mal gute Nachrichten. Was immer also am 26. Februar in Hollywood abgeht: Es wird ganz großes Kino.

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