Jackman moderiert die perfekte Show

23. Februar 2009, 10:31 Uhr

Bescheidenheit ist eine neue Tugend in Hollywood: Ein Sozialmärchen aus Indien räumt die meisten Preise ab, Hugh Jackman liefert mit Witzchen über die Rezession eine perfekte Show. Sogar an Tränen wird im Kodak Theatre gespart - was der 81. Verleihung der Academy-Awards gut bekommt. Von Ulrike von Bülow

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Legte eine Flotte Sohle auf die Bretter des Kodak Theatre: Gastgeber Hugh Jackman©

Es ist 19.09 Uhr Ortszeit in Los Angeles, als Matilda Rose Ledger, drei Jahre alt, ein kleines, goldenes Männchen erbt: Im "Kodak Theatre" findet die 81. Oscar-Verleihung statt, und der Preis in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" geht an Heath Ledger, Matildas Vater, der im Januar 2008 gestorben ist und posthum für seine Rolle als Joker in "The Dark Knight" geehrt wird. Ledgers Eltern und seine Schwester betreten die Bühne, sie haben Zettelchen dabei, von denen sie ein paar Worte ablesen.

"Das ist sehr aufwühlend", sagt sein Vater Kim, ein Herr mit Glatze und Brille. "Wir sind heute hier, um zu feiern, was Heath in seinem Leben erreicht hat", sagt seine Mutter Sally, eine brünette Dame in einem hautfarbenen Kleid. "Heath", sagt seine blonde Schwester Kate, "wir nehmen den Preis für Deine geliebte Tochter Matilda entgegen." Und im Publikum haben sie Tränen in den Augen, Angelina Jolie, Brad Pitt, Kate Winslet, Sean Pean, alle. Es ist der Moment, den die 81. Oscar-Verleihung gebraucht hat: Ein Moment, der die Menschen ehrlich bewegt.

Die Zuschauer waren zuletzt offenbar ein bisschen gelangweilt von der Oscar-Verleihung: Die Quoten gingen zurück, im vergangenen Jahr waren sie auf dem Tiefstand, da schalteten in den USA nur 32 Millionen Leute ein, ein Fünftel weniger als 2007. Darum war diesmal der Schauspieler Hugh Jackman als "Host" engagiert worden, als Gastgeber: Der Mann, der kürzlich zum "Sexiest Man Alive" gekürt wurde, sollte das Publikum zurückgewinnen, besonders das Weibliche, und "aus den Oscars eine Party machen", das hatten ihm die Produzenten mit auf den Weg gegeben. Aber nun befindet sich die Welt in einer Wirtschaftskrise, und wie viel Party gehört sich da?

Nur Heidi Klum kommt in Quietschbunt

Auf dem roten Teppich geht es erstmal nur halb so bunt zu wie sonst: Die Damen tragen eierschalenfarbene Roben wie Jessica Biel oder Marisa Tomei; Kate Winslet, die zum sechsten Mal für einen Oscar nominiert ist, aber noch nie einen bekommen hat, ist in dezentem taubenblau unterwegs; Angelina Jolie kommt mit ihrem Gatten Brad Pitt, sie im schwarzen Kleid mit Schleppe und ohne Träger, er im schwarzen Smoking; beide sind für einen Oscar nominiert, was Pitt "very nice" findet, wie er sagt. Quietschfarben sucht man vergeblich - bis Heidi Klum erscheint, die aussieht, als habe sie sich ein Stück vom roten Teppich abgeschnitten und umgewickelt: irgendwie seltsam.

Um 20.30 Uhr betritt Hugh Jackman die Bühne im Kodak Theatre und beginnt die Oscar-Verleihung mit einem Rezessionsscherzchen: "Die Academy hatte kein Geld für eine Eröffnungsnummer", sagt Jackman, "aber ich singe euch trotzdem etwas." Die Krise weglachen, das ist heute die Devise, also singt Jackman ein unterhaltsames Liedchen über die nominierten Filme. "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist dabei, in dem Brad Pitt einen Mann spielt, der alt geboren und immer jünger wird.

Penélope Cruz nahe an der Ohnmacht

Der erste Oscar geht an die "Beste Nebendarstellerin", und den bekommt Penélope Cruz für ihre Rolle in "Vicky Cristina Barcelona". Cruz jauchzt und keucht, sie bekommt kaum Luft, als sie ihren Oscar entgegen nimmt: "Ist hier jemals auf der Bühne jemand ohnmächtig geworden", fragt sie. "oder bin ich die erste?" Aber dann fällt sie doch nicht um und dankt ihren Eltern und ihrer Heimat Spanien.

Sozialmärchen trifft den Zeitgeist

Und dann beginnt ein kleiner Goldregen für "Slumdog Millionaire" - bester Schnitt, bester Ton, bestes adaptiertes Drehbuch, bestes Szenenbild, bester Filmsong, beste Filmmusik, beste Regie: Danny Boyles märchenhafter Film über einen Jungen aus einem Slum in Mumbai, der bei der indischen Version von "Wer wird Millionär?" auftritt und reich wird, räumt richtig ab. Dabei hat der Film gerade einmal 15 Millionen Dollar gekostet, für Hollywood-Verhältnisse ein Witz, er ist der perfekte Film für Zeiten wie diese: "Slumdog Millionaire" lässt die Zuschauer die Tristesse außerhalb des Kinos vergessen und schickt sie selig lächelnd nach Hause. All die Oscars gehen also an Danny Boyle und Co. Die Leute von "Benjamin Button" gucken ein bisschen sparsam, werden aber immerhin in drei Kategorien ausgezeichnet, zum Beispiel für das beste Make-up.

Zwischendrin geht ein Oscar nach Germany: Der Regisseur Jochen Alexander Freydank wird für seinen Kurzfilm "Spielzeugland" geehrt und ist ganz gerührt. Er sei in Ostdeutschland aufgewachsen, sagt Freydank, "da war Westdeutschland schon weit weg - und Hollywood ganz weit". Der "Baader Meinhof Komplex" hingegen, nominiert als bester ausländischer Film, geht leer aus: Den Preis erhält "Departures" aus Japan.

Dann ist es Zeit für die Königskategorien, die besten Schauspieler und den besten Film. Und endlich bekommt Kate Winslet ihren Oscar, wohl verdient, auch wenn die Kritiker nölten, dass Winslet für den falschen Film nominiert sei: Nicht für "Zeiten des Aufruhrs", in dem sie brillant eine Frau mimt, die in einer amerikanischen Vorstadt gefangen ist - sondern für "Der Vorleser". Darin spielt sie eine ehemalige KZ-Aufseherin, die nach dem Krieg eine Affäre mit einem Jungen eingeht, der nicht mal halb so alt ist wie sie. Doch egal: Winslet ballt die Fäuste, als ihr Name genannt wird, knutscht kurz ihren Gatten, den Regisseur Sam Mendes, dann steht sie schon auf der Bühne und japst nach Luft: "Wie war das mit der Ohnmacht, Penélope?", ruft sie in Richtung der Kollegin Cruz, dann sagt sie: "Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte diese Situation noch nie geprobt", sagt Winslet, ihren Oscar im Arm. "Schon mit acht Jahren stand ich im Badezimmer und hatte als Preis die Shampoo-Flasche in der Hand."

Sean Penn fordert "gleiche Rechte für alle"

Ihr männlicher Gegenpart, der beste Schauspieler, stand schon einmal auf der Bühne im Kodak Theatre und nahm einen echten Preis entgegen: Sean Penn, 2003 für "Mystic River" ausgezeichnet, gewinnt an diesem Abend seinen zweiten Oscar, diesmal für "Milk", in dem er den homosexuellen Politiker Harvey Milk gibt, der sich in den Siebziger Jahren in San Francisco für die Rechte der Schwulen einsetzte. Penn ist so grandios in dieser Rolle, dass Robert de Niro sich in seiner Laudatio fragt: "Wie hat er das gemacht, wie hat Sean Penn in all den Jahren zuvor heterosexuelle Männer spielen können?"

Nun wurde in Kalifornien die Homo-Ehe gerade wieder abgeschafft, und darum fordert Penn in seiner Dankesrede denn auch "gleiche Rechte für alle". Viel politischer wird Hollywood an diesem Abend nicht, warum auch? George W. Bush, über den bei den vergangenen Oscar-Verleihungen gern und völlig zu Recht gelacht wurde, ist nicht mehr Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Mit Barack Obama ist hier ein Mann an der Macht, den sie in Hollywood, das traditionell demokratisch wählt, alle lieb haben.

Die 81. Oscar-Verleihung ist dennoch eine unterhaltsame, und sie endet mit dem achten und tollsten Preis für "Slumdog Millionaire", der zum besten Film des Jahres gekürt wird. Auf der Bühne steht die halbe Crew, bestimmt zwei Dutzend Leute, um den Preis entgegenzunehmen. "Als wir am Anfang standen, hatten wir keine Stars, keine Macht und keine Muskeln", sagt der Produzent Christian Colson, "alles, was wir hatten, war ein inspirierendes Skript, Leidenschaft und unseren Glauben an die Produktion." Worte, die sie in Hollywood vielleicht so schnell nicht vergessen werden: Man muss keine 150 Millionen Dollar heraus blasen, um einen großen Film zu machen.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
Dewerth (23.02.2009, 15:58 Uhr)
An sich ist die Oscar-Verleihung …
… eine aufgeblasene Veranstaltung wegen der Möglichkeit, auch noch in der Kategorie Klofrau einen Preis zu erwischen. Aber eins muss man den Amis lassen: Die Show war diesmal wirklich klasse und originell, auch dank der Leistung eines überragenden Hugh Jackman. Hut ab! Wenn ich mir dann die Katrin Bauerfeind mit Merkzettelchen auf der Berlinale in vergleichbarer Funktion vorstelle: Erbarmen!!!!
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