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Krieg ohne Helden

Die andere Seite des Komplementärdramas: Nach "Flags of Our Fathers" inszeniert Clint Eastwood mit "Letters from Iwo Jima" die Pazifikschlacht um die japanische Insel im Jahr 1945 bereits zum zweiten Mal - nun aus der Perspektive des einstigen Feindes.

Von Bianca Kopsch

  • Bianca Kopsch

Einöde. Tristesse. Nichts als Vulkangestein, Schwefel und Salzwasser. Das ist die japanische Insel Iwo Jima heute. Mit diesen Bildern stimmt Clint Eastwoods aktuellster Film langsam auf das Antikriegsgefühl ein, das den Zuschauer dann über die fast zweieinhalb Stunden Filmlänge hinweg nicht mehr loslässt: absolute Sinnlosigkeit. Schwer vorzustellen, dass für dieses karge Stück Erde vor gut sechzig Jahren tausende Soldaten ihr Leben geopfert haben - Amerikaner wie Japaner.

Rückblende ins Jahr 1944: "Meinetwegen können die Amerikaner die Insel haben", sagt der einfache Soldat Saigo, während er am Strand der Insel Schützengräben aushebt gegen die bevorstehende amerikanische Invasion. Der junge, sympathisch-tollpatschige Saigo wird für seine naive Ehrlichkeit ausgepeitscht. Der einstige Bäcker, der sich kurz zuvor noch zu Hause mit seiner schwangeren Frau auf ihr erstes Kind freute, ist nun abkommandiert, das japanische Kaiserreich zu verteidigen. Sein Einsatzort, Iwo Jima, kommt gewissermaßen einem Todesurteil gleich.

Tunnelsystem bot den Japaner Deckung

Die Schlacht um diese unscheinbare, jedoch von beiden Kriegsgegnern als strategisch wichtig erachtete Pazifikinsel rund 1000 Kilometer südlich von Tokio gilt als eine der blutigsten des Zweiten Weltkrieges. Rund 20.000 japanische Soldaten hatten den Auftrag, etwa 70.000 amerikanischen Marines auf deren Vormarsch zum japanischen Festland erbitterten Widerstand zu leisten. Ein japanischer Sieg gegen die übermächtigen Amerikaner war aussichtslos. Aber ein weitverzweigtes Tunnelsystem, mit dem die Japaner die Berge ihrer Insel durchzogen hatten, bot ihnen Deckung. So konnten sie wochenlang aushalten, womit die Amerikaner nicht gerechnet hatten. Es wurde eine reine Opferschlacht, die letztendlich annähernd 30.000 Soldaten das Leben kostete. Etwa 7.000 Amerikaner starben, von den Japanern verließen nur wenige lebend die Insel.

Japanisch mit englischen Untertiteln

Clint Eastwood, damals ein Teenager, hat dieses wahnsinnige Blutvergießen nun Jahrzehnte später zu einem in der Filmgeschichte bislang einzigartigen Projekt inspiriert: Er drehte gleich zwei Filme darüber. In "Flags of our Fathers" schildert er das Geschehen aus amerikanischer Sicht, in "Letters from Iwo Jima" nimmt er die Perspektive der Japaner ein. Konsequent hat er diesen zweiten Film mit japanischen Darstellern und ausschließlich in japanischer Sprache gedreht. So etwas hat bisher noch nie ein amerikanischer Regisseur gewagt. Auch in den USA läuft der Film nur auf Japanisch mit englischen Untertiteln. Jetzt ist er für die Oscar-Verleihung nominiert, als bester nicht englischsprachiger Film.

"Natürlich war es eine Herausforderung, einen Film in einer anderen Sprache und einer anderen Kultur zu drehen", sagt der mittlerweile 76jährige Hollywoodstar Clint Eastwood, als er vergangene Woche bei den Berliner Filmfestspielen sein neuestes Regiewerk vorstellt. "Bei meinen Recherchen zu ‘Flags of Our Fathers' hat mich immer mehr auch die andere Seite interessiert. Mich haben die Persönlichkeiten und Geschichten der Verteidiger fasziniert." Er habe viel über diese andere Seite gelesen, vor allem die Briefe der auf Iwo Jima stationierten japanischen Soldaten an ihre Familien.

Hauptrolle spielt Japans berühmtester Schauspieler Ken Watanabe

Die Geschichte, die Eastwood in "Letters from Iwo Jima" erzählt, ist keine von Helden oder Märtyrern. Es ist die von Menschen und ihren persönlichen Schicksalen. Meist junge Männer, gefangen in einer manipulativen Kriegsmaschinerie, hin- und hergerissen zwischen der (zweifelhaften) Ehre, für ihr Vaterland zu sterben, und dem Wunsch, ihre Familien lebend wieder zu sehen. Als Oberbefehlshaber leitet General Kuribayashi den japanischen Widerstand. Er ist ein besonnener, kultivierter, integerer Mann - eindrucksvoll nah dargestellt von Japans Leinwandstar Ken Watanabe ("Last Samurai").

Der General weiß, dass er seine Männer in den Tod schickt. Er hat selbst als Gesandter seines Landes einige Jahre in den USA gelebt, woran er sich immer wieder gerne erinnert, und kennt die materielle und personelle Überlegenheit seines jetzigen Feindes. Als treuer Diener seines Staates hat er aber keine Wahl. Doch auch er schreibt sehnsüchtig vertraute Briefe nach Hause an seine Frau und seine Kinder. Genau wie so viele seiner Untergebenen, so auch der Soldat Saigo (einfühlsam gespielt von dem japanischen Popmusiker Kazunari Ninomiya), mit dem ihn eine gewisse Vertrautheit verbindet. "Wir opfern unser Leben, um unsere Familien in der Heimat zu schützen. Aber gerade wegen unserer Familien fällt es uns so schwer zu sterben..." Der General bringt das Paradox des Krieges auf den Punkt. Saigo jedoch will die Zwangsläufigkeit dieser ehrlichen Worte nicht akzeptieren. Er will nur eins: überleben und nach Hause zurückkehren.

Hilfloser Fanatismus und die Angst vor dem Tod

Auch wenn er ein Feigling ist, in den Augen seiner Kameraden, die sich lieber selbst mit einer Handgranate ihre Leiber zerfetzen - auf der Suche nach dem ehrenvollen Tod für das japanische Kaiserreich. Doch in ihren Blicken, kurz bevor die Selbstmordbomben explodieren, sieht Saigo nichts Heroisches. Er sieht in erster Linie Verzweiflung. Hilflosen Fanatismus und die Angst, dem Feind in die Hände zu fallen. Da kann er nicht folgen.

Innere Drama der Japaner wird spürbar

In seiner stilistischen Umsetzung ist "Letters from Iwo Jima" nicht neu. Er ist formal klassisch erzählt und orientiert sich, in ausgewaschenen, fast schwarz-weiß anmutenden Bildern, an der Chronologie des Kriegsgeschehens. Die langen, blutigen Kampfsequenzen ähneln denen anderer Kriegsfilme, die die Sinnlosigkeit des Tötens beschwören. Über Rückblenden in das Privatleben ausgewählter Protagonisten (in erster Linie des Soldaten Saigo und des Generals Kuribayashi) gelingt es dem Film jedoch, eine persönliche Ebene aufzubauen und einen eigenen, intimen Blick zu entwickeln. Er schafft es, die inneren Dramen der verlorenen japanischen Verteidiger spürbar zu machen, in dem er ihnen Gesichter, Geschichten und Würde verleiht. So will Eastwood die unpersönlichen Feindbilder aus Kriegszeiten dekonstruieren und dem einstigen Gegner seines Heimatlandes Respekt zollen. Der Feind ist Spiegel der eigenen, um Würde ringenden Existenz. Das ist die Botschaft, die "Letters from Iwo Jima" und sein Komplementärfilm "Flags of Our Fathers" zur gleichen Schlacht aus gegensätzlicher Perspektive teilen.

"Letters from Iwo Jima" endet, wo er begonnen hat, im Heute: Eine Gruppe Männer gräbt in einer Höhle ein Loch in die Erde und findet einen weißen Sack. Einer der Männer öffnet ihn - die Vergangenheit kommt ans Licht: stapelweise Briefe. Nie abgeschickte Lebenszeichen von Soldaten an ihre Familien. Letzte persönliche Worte aus einer dem Tod geweihten Einöde, einer Insel, die kaum einer von ihnen lebend verließ - "Briefe aus Iwo Jima".

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