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Analyse

Die Gewinner, die Verlierer und wie schwarzer Humor die weißen Oscars rettete

Die Oscars hatten sogar weiße Schrift im Abspann. Bei den Preisen gab es nicht wirklich Überraschungen. Allerdings hätte "Mad Max: Fury Road" verdammt noch mal den Oscar für den besten Film verdient!

Von Sophie "Mad Maxine" Albers Ben Chamo

Die Stars des Abends: Chris Rock, Alicia Vikander und Leonardo DiCaprio

Der Abend gehörte ihnen: Chris Rock, Alicia Vikander und Leonardo DiCaprio

Chris Rock war der Gastgeber des 88. Oscar-Abends, und die Academy of Motion Picture Arts and Sciences hat den Comedian offensichtlich völlig von der Leine gelassen. Angriff war die beste Verteidigung gegen den Rassismus-Vorwurf gegen Hollywoods Glamour-Nacht. Der 51-Jährige hat von Anfang klar gemacht, um was es geht - und damit die weltberühmte Show gerettet.

Mit "Wenn sie Hosts nominieren würden, wäre ich nicht hier", eröffnete Rock den Abend, und der Hinweis auf die fehlende Vielfalt bei den Nominierungen war in regelmäßigen Abständen - mal mehr, mal weniger witzig - Programm. Das Publikum traute sich auch bald zu lachen, sogar über sich selbst. Ohne die Chris-Rock-Show wären die Oscars 2016 ein Fiasko geworden. Spannend wäre es, die Show-Planung vor und nach der lautstarken Diskussion im Januar zu vergleichen. Aber die wird wahrscheinlich mindestens so gut geschützt, wie die Gewinner-Umschläge vor dem Galaabend. 


Nachdem der Skandal aus dem Weg, beziehungsweise Teil der Unterhaltung war, konnte sich das "weiße Kino" dann doch noch feiern. Dabei gab es kaum Überraschungen: Leonardo DiCaprio hat endlich seinen Oscar - für den nicht unumstrittenen "Schmerz-Porno" "The Revenant" bekommen. So auch die schwedische Nachwuchs-Leinwandgöttin Alicia Vikander - für ihren herzzerreißenden Auftritt in "Danish Girl". Und - da hat die Academy ein Auge mehr für hohe Schauspielkunst, denn für Nostalgie bewiesen - der Brite Mark Rylance für seinen unvergesslichen russischen Spion in Steven Spielbergs "Bridge of Spies - Der Unterhändler" - anstatt Sylvester Stallone für "Creed". 

Warum nicht "Mad Max: Fury Road"?

Der Oscar für den besten Film ging an den Journalisten-Thriller "Spotlight" über Reporter, die einem US-weiten Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche auf die Spur kommen. Das zollt diesem soliden Kino der alten Schule Respekt. Wäre es aber wirklich darum gegangen, neue Kinowelten, neue Bildsprache und die Kunst, das Publikum in andere Welten zu entführen, auszuzeichnen, hätte definitiv George Millers fulminantes Meisterwerk "Mad Max: Fury Road" den Königs-Oscar verdient.


Das optische Spektakel war mit zehn Nominierungen einer der Favoriten - "The Revenant" hatte zwölf. Und hat, was die Trophäen-Anzahl angeht, haushoch gewonnen: Sechs Oscar sind es. Die gab es allerdings nur in den technischen Kategorien wie Schnitt, Ton und Kostüme.

Leonardo DiCaprios Sieg

"The Revenant", der insgesamt drei Preise abholen konnte, gewann dagegen in den renommiertesten Kategorien: bester Darsteller (DiCaprio), beste Regie (Alejandro González Iñárritu) und beste Kamera (Emmanuel Lubezki). Die Oscars für "Amy" als beste Dokumentation und "Ex Machina" für die besten Spezialeffekte sind Volltreffer. Matt Damons "Der Marsianer" und das Cate-Blanchett-Vehikel "Carol" sind trotz mehrerer Nominierungen - sieben und sechs - leer ausgegangen. So erging es auch den deutschen Hoffnungen: Filmemacher Patrick Vollrath für den Kurzfilm "Alles wird gut" und Bernard Henrich für das Produktionsdesign in Spielbergs "Bridge of Spies"). 


Womit wir bei den Übergangenen wären: Dazu gehören das geniale Finanzkrisen-Abenteuer "The Big Short" (es gab eine Trophäe für die Drehbuchadaptation) und auch Bryan "Breaking Bad" Cranston für den großartigen "Trumbo" - über die Schwarze Liste in der McCarthy-Ära. Und eigentlich hätte auch der brillante Drogenthriller "Sicario" einen Preis verdient. Wenigstens einen!

Sam Smiths Bond-Song? Wirklich?

Ein ärgerliches Stöhnen ging durch die sozialen Netzwerke und den Redaktionsraum, als allen Ernstes Sam Smiths Bond-Versuch "Writing's on the Wall" als bester Filmsong ausgezeichnet wurde. Die Entscheidung schien sogar Smith selbst nicht geheuer. Spätestens nach dem Gänsehaut-Auftritt von Lady Gaga mit "Til it happens to you" aus der Anti-Vergewaltigungs-Doku "The Hunting Ground" war wirklich allen klar, wie sehr die Academy hier falsch gelegen hat. Niemand Geringeres als Vize-Präsident Joe Biden kündigte Gaga an, die sich Herz und Seele aus dem Leib sang, während Überlebende sexueller Gewalt zu ihr auf die Bühne kamen.


Aus welchen Gründen auch immer nicht im Dolby Theatre waren die Clooneys, Angelina Jolie und Brad Pitt. Auch Tom Hanks fehlte und auch Meryl Streep. Sie mussten eben nicht auf die Bühne. 

Der schönste Aufruf des Abends kam übrigens - völlig zeit- und skandallos - von Disneys Superhirn Pete Docter ("Toy Story", "Monster AG", "Wall-E", "Oben"), der sich den Oscar für die beste Animation für "Alles steht Kopf" abholen konnte: Für alle Kinder da draußen, die wie die Heldin seines Films "mal wütend, mal traurig und mal fröhlich" seien: "Daran könnt ihr nichts ändern. Aber es gibt etwas, das ihr tun könnt: Macht Filme, zeichnet, malt und schreibt!"

Damit die Oscars auch in zehn Jahren sehenswert sind. 

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