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stern-Gespräch

Eine Porno-Regisseurin spricht über ihre Arbeit: "Ich will echte Menschen zeigen"

Mann steif, Frau schreit – so läuft das nicht, findet die Regisseurin Erika Lust. Sie dreht deshalb feministische Sexfilme. Was genau das sein soll, verrät sie hier.

Von Silke Wichert und Christine Zerwes

Porno-Regisseurin Erika Lust im Interview

Porno? Ja bitte. Die Schwedin Erika Lust dreht Sexfilme, die Frauen gefallen

Frau Lust, einer Ihrer Filme spielt in einer Frühstückspension, die Besitzerin verführt mit ihrem Mann ein Pärchen, das zu Gast ist. Sie ergreift die Initiative – und macht später auch deutlich, welche Positionen sie bevorzugt.

Natürlich. Meine weiblichen Charaktere mögen Sex und sind selbstbewusst genug, ihre Vorlieben auszuleben.

Inklusive Blowjob.

Ein Blowjob ist nicht automatisch frauenfeindlich.

Sie drehen, wie Sie es nennen, feministische . Wie passt das zusammen – Pornografie und Frauenrechte?

Sehr gut sogar. Viele Feministinnen merken, dass Sexualität ein wichtiger Teil von uns ist. Und dass wir das Recht haben, unsere eigene zu machen, etwas, das wir sehen wollen, das uns gefällt.

Erika Lust, die mit bürgerlichem Nachnamen Hallqvist heißt, lebt in Barcelona

Erika Lust, die mit bürgerlichem Nachnamen Hallqvist heißt, lebt in Barcelona

Was gefällt Frauen denn?

Weichzeichner, Seidenbettwäsche und Rosenblätter – genau das natürlich nicht! Ich habe schon Hardcoreszenen, Analsex und SM-Sachen gefilmt, weil das Vorlieben sind, die wie Frauen mögen. Ein Porno ist feministisch, wenn er von jemandem mit feministischen Werten gemacht ist, für den also beide Geschlechter auch beim Sex dieselben Rechte haben. Frauen sind in meinen Filmen keine passiven Objekte, die nur dazu da sind, den Männern Freude zu bereiten.


Ein anderes Vorurteil lautet: Frauen können visuell gar nicht stimuliert werden.

Bullshit. Aber natürlich erregt es uns nicht, wenn wir in einem Standard-Porno einen Mann sehen, der eine Frau ordentlich rannimmt, und sie vor Schmerzen schreit, als würde sie gleich den Löffel abgeben. Für mich ist das komplett antierotisch. Und hässlich. Es gibt keine Charaktere, keine Story. Frauen wollen die weibliche Lust sehen, sie wollen mit ihren Emotionen vorkommen.

In Ihrem Kurzfilm "Handschellen" beobachtet eine Frau ein Pärchen beim Blowjob. Die andere Frau trägt dabei Handschellen. Die Voyeurin wird entdeckt, weil ihr klingelt. In der Schlussszene hängt sie dann mit an den Handschellen. Diese Pornografie hilft dem Feminismus?

Auf jeden Fall! Ich glaube, dass Pornografie uns Glück und Freude bescheren kann. Wir sind unsicher, wenn es um unsere Sexualität geht. Wir fühlen uns ängstlich und beschämt, denken, wir hätten schräge Fantasien, die niemand teilt. Indem wir miteinander sprechen, uns zuhören und auch, indem wir zusehen, wie andere Leute Sex haben, verstehen wir, was wir tatsächlich wollen.

Was ihr gefällt: Lust (r., am Set eines ihrer Filme) wurde 1977 in Stockholm geboren, studierte Politikwissenschaft und produziert seit 2004 Pornos. Ihre Filme erreichen bis zu 7,5 Millionen Zuschauer im Monat. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter

Was ihr gefällt: Lust (r., am Set eines ihrer Filme) wurde 1977 in Stockholm geboren, studierte Politikwissenschaft und produziert seit 2004 Pornos. Ihre Filme erreichen bis zu 7,5 Millionen Zuschauer im Monat. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter

Wie landet eine Politikwissenschaftlerin in der Pornobranche?

Ich dachte nie: Mensch, ich gehe in die Pornoindustrie. Ich hatte konventionelle Pornos gesehen und das als sehr frustrierend empfunden – weil es mich körperlich angetörnt hat, aber emotional extrem abgestoßen. Allein schon diese 90er-Jahre-Pamela-Anderson-Plastik-Frauen! Gruselig. Ich sagte mir: Ich will es anders machen. Ich will expliziten Sex zeigen, echte Menschen, die eine Verbindung haben, für die man ein Gefühl bekommt. Und ich möchte, dass es schön aussieht, professionell gefilmt, ästhetisch.


Im Mainstream-Porno hat das Mädchen kein Geld und muss den Pizzaboten mit Sex entlohnen. In Ihrem Film "The Good Girl" zahlt die Frau die Pizza – und vernascht den Boten zum Nachtisch. "The Good Girl" wurde mehr als eine Million Mal heruntergeladen. Wie hat das Porno-Establishment auf Ihren Erfolg reagiert?

Oh, die Porn-Dudes haben mir gesagt: "Da kommt der Femi-Nazi, hohoho, warum gehst du nicht zurück nach Schweden und melkst ein paar Kühe?" Und natürlich gab es viele sexistische Sprüche: "Wie kommst du darauf, dass du kleines Mädchen Regie führen kannst, zeig lieber deine Titten. Wenn du dabei sein willst, dann vor der Kamera."

War es für Sie am Anfang komisch, Regieanweisungen zu geben? Leute beim Sex zu dirigieren?

Das war sehr seltsam. Ich versuchte vorher immer so genau wie möglich zu besprechen, wie ich es haben wollte, um bloß nicht mittendrin eingreifen zu müssen. Jetzt fällt es mir überhaupt nicht mehr schwer, das Bein eines Schauspielers beim Sex von der einen in die andere Position zu bringen. Oder wenn die Darsteller mich nach dem Shoot umarmen, obwohl sie gerade gekommen sind. Ganz ehrlich: Es ist fantastisch, Leuten dabei zuzusehen, wie sie richtig guten Sex haben.

Raum für Fantasien: Auf Lusts Website xconfessions.com können Nutzer ihre erotischen Vorlieben schildern. Zwei davon setzt Lust jeden Monat in Filme um

Raum für Fantasien: Auf Lusts Website xconfessions.com können Nutzer ihre erotischen Vorlieben schildern. Zwei davon setzt Lust jeden Monat in Filme um

Ein Hoch auf den Voyeurismus?

Jeder von uns ist hier, weil zwei Menschen Sex hatten. Wir sind sexuelle Wesen. Wir wollen Sex, und wir wollen anderen dabei zusehen. Das ist die Basis der Menschheit, es zieht uns zum Sex! Schon in den Höhlen gab es Zeichnungen von Menschen beim Liebesakt. In der Geschichte wurde Pornografie mal gefeiert, dann wieder verbannt. Meistens war es eine kleine Gruppe privilegierter weißer Männer, die Zugang zu Pornos hatte. In den Sechzigern und Siebzigern entstand ein eigener Filmzweig. Die Filme der Siebziger waren viel mehr auf Augenhöhe zwischen Männern und Frauen als die seit den Neunzigern. "Deep Throat" mit Linda Lovelace etwa, das waren weiblichere Körper, die hatten noch Haare, und es ging mehr um die sexuelle Befreiung.


Was lief danach schief?

Erst kam die Video-Revolution, man hörte auf, Pornos auf Film zu drehen. Es gab billige Kameras, einen VHS-Spieler in jedem Haus. Da konnte man Pornos auf der Couch konsumieren. Die Menschen wollten mehr, die Pornoindustrie lieferte mehr – und achtete immer weniger auf Qualität. Dann kam das Internet, die Menschen kauften online mit ihren Kreditkarten. Das kurbelte das Geschäft weiter an, wie bei einer Wurstfabrik. Inzwischen kann jeder Filme machen. Oft sind es Strip-Club-Besitzer, die sagen: Hey, wir haben hier die Mädchen, lasst uns eine Kamera kaufen und einen Porno drehen, ihn im Netz hochladen und Kohle machen. Da geht es um Titten. Ärsche, Autos, Drinks.

Was schätzen die Männer an Ihrem feministischen Porno? Dass sie darin nicht immer nur als Deckhengste präsentiert werden?

Auf Events kommen oft Männer zu mir und sagen: "Danke, ich habe zum ersten Mal einen Film mit meiner Frau zusammen gucken können – und sie mochte es!" Frauen schauen häufig allein, aber Männer teilen die Erfahrung gern, und einige suchen dabei auch nach einer Art sexueller Erweckung.

Klingt nach Sexualunterricht.

Zumindest können Männer in meinen Filmen eine Menge über die Lust der Frauen lernen. Ein konventioneller Porno verrät ihnen rein gar nichts über Frauen. Höchstens, dass sie nichts weiter machen müssen, als steif zu werden, dann wird die Frau automatisch auf sie draufspringen und unter größtem Geschrei zum Höhepunkt kommen. Entspricht nicht ganz der Realität, oder? In meinen Filmen werden sie Frauen sehen, die sich auch selbst berühren, weil es das Normalste der Welt ist. Die wenigsten kommen durch Penetration zum Orgasmus, sondern durch Stimulation. Männer können lernen, dass es um viel mehr geht als um stumpfe Performance.

Darauf kommen sie sonst nicht?

Wenn heute ein Jugendlicher über Sex Bescheid wissen will, aber niemand mit ihm über die Dinge spricht, die er wirklich wissen will, weder die Eltern noch die Schule – was macht er? Er geht ins Internet. Dort sind die meisten Filme chauvinistisch, einige rassistisch oder homophob. So übernimmt Standard-Pornografie unsere sexuelle Erziehung – beängstigend.

Sie reden von Seiten wie Youporn.

Natürlich. Die meisten Menschen denken übrigens, dass Kinder erst mit 14 oder älter mit Pornografie in Kontakt kommen. Doch viele sind elf oder jünger. Wenn meine neunjährige Tochter nach Shakira-Videos suchen kann, kann sie auch nach "Großer Penis" googeln, wenn sie in der Schule vielleicht mit Freunden darüber gesprochen hat oder warum auch immer. Sie landet schnell auf Pornoseiten und bekommt Riesenpenisse im Video. Das ist ein gruseliger Gedanke, aber wir können das nicht verhindern. Wir können nur erziehen. Ich kann meine Tochter auf diese Situation vorbereiten. Genauso wie ich mit ihr über Alkohol sprechen möchte, bevor sie das erste Mal in eine Diskothek geht.

Wissen Ihre Töchter, sechs und neun Jahre alt, was Sie beruflich machen?

Sie kennen die Fotos in meinem Büro, das schockt sie nicht. Aber sie wissen nicht genau, was in den Filmen passiert. Wie alle Kinder in ihrem Alter finden sie es blöd und eklig, wenn ihre Eltern sich küssen. Wie reagieren Lehrer und Eltern? Ich glaube, die, die es nicht gut finden, meiden mich einfach. Aber viele kommen zu mir und sagen: "Hey, ich liebe deine Filme."

In der Schule heißen Sie aber nicht Lust, oder? Ihr bürgerlicher Name lautet Erika Hallqvist.

Erika Lust ist mein Alter Ego. Aber sie ist ein Teil von mir, wir kennen uns seit 2004. Sie ist eine Art Superwoman, wahnsinnig stark, sie redet auch gern in der Öffentlichkeit, während ich eigentlich zurückhaltender bin. Ich wollte einen Namen, der für das steht, was ich tue. Und etwas ausdrückt, das im Porno bisher fehlte: die Lust.

Bekommen Sie häufig Anfragen von Leuten, die einmal in einem Ihrer Filme mitspielen wollen?

Oh ja, aber die meisten überlegen es sich dann glücklicherweise doch anders. Am Ende ist es eben ein Job – und den kann nicht jeder machen. Deshalb arbeite ich fast ausschließlich mit professionellen Darstellern. Eine Freundin sagte kürzlich, sie würde es so gern einmal ausprobieren, aber das könnte sie ihren Eltern nicht antun. Es gibt immer noch dieses soziale Stigma. Aber ich sage Ihnen, dieses Bild "Armes Mädchen/ armer Junge endet in der schmutzigen Pornowelt ..." – das stimmt in den meisten Fällen nicht.

Sondern?

Die meisten meiner Darsteller sind smarte, intelligente Personen, die sehr auf sich aufpassen. Sie sind keineswegs promisk, drogenabhängig oder partygeil. Viele von ihnen haben einen klaren Lebensplan: Sie arbeiten viel, verdienen viel Geld, investieren in Apartments und setzen sich mit 35 zur Ruhe.

Das heißt, sie verdienen in jungen Jahren sehr viel Geld.

Wenn es gut läuft, bekommen sie eine Tagesgage zwischen 500 und 1000 Euro. Richtig Geld kommt rein, wenn es dir gelingt, deinen Namen zu einer Marke zu machen. Dann hast du einen eigenen Webcam-Kanal, für den die Nutzer extra Geld zahlen, trittst live auf, etwa bei Erotikmessen. Je mehr Einkommensquellen jemand hat, desto besser kann er für die Zukunft sparen.

Stimmt es, dass die Deutschen zu Ihren fleißigsten Abonnenten gehören?

Deutschland ist generell der größte Markt für Pornografie, und für uns dementsprechend auch. Für einen Deutschen ist ein Film zum Preis von 10 bis 20 Euro vergleichsweise günstiger als für einen Spanier. Wir beobachten allerdings auch, dass die Deutschen ein bisschen schrägere Vorlieben haben, sie interessieren sich mehr für Fetisch-Fantasien, Bondage, Domina, Sadomaso. Das haben sie mit den Engländern gemein. Die Amerikaner stehen mehr auf komödiantische Sachen, komische Orte, seltsame Begebenheiten.

Wie feministisch ist eigentlich der Mega-Erfolg "Fifty Shades of Grey"?

Sorry, aber stereotyper geht es nicht, das ist ein klassischer Porno. Dieses jungfräuliche Mädchen, das in dieses dunkle Geheimnis gezogen wird. Es geht null um ihre Sexualität, nur darum, was ihm gefällt. Ein trauriges Porträt.

Aber sehr erfolgreich.

Weil Sex die Leute eben fasziniert.

Das Interview mit Erika Lust ist dem aktuellen stern entnommen:





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