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"Ich war deprimiert, als ich das Drehbuch geschrieben habe"

"The Hateful Eight" ist der achte Film in Quentins Tarantino einzigartiger Hollywood-Karriere. Das blutig-brillante Hass-Epos hat einen zutiefst ernsten Unterton. stern hat den Kultregisseur gefragt, warum. Spoiler Alert!

Von Sophie "Mia" Albers Ben Chamo

Quentin Tarantino: "Ich erwarte von Ihnen, dass Sie viel von mir erwarten"

Quentin Tarantino: "Ich erwarte von Ihnen, dass Sie viel von mir erwarten"

Quentin Tarantino war 29, als er mit seinem Film "Reservoir Dogs" Hollywood auf sich aufmerksam machte. Seine Drehbücher wurden zur hochgehandelten Superdroge ("True Romance", "Natural Born Killers", "From Dusk Till Dawn"). Zwei Jahre später wurde der Geek aus einem Videoladen In Los Angeles mit "Pulp Piction" zum blutverschmierten Liebling der Traumfabrik und Filmfans in der ganzen Welt. Seitdem haben Tarantinos Filme Kultstatus: "Jackie Brown", "Kill Bill" 1 und 2, "Death Proof", "Inglourious Basterds" und "Django Unchained" stehen für brillante Dialoge, aberwitzige Geschichten, cineastischen Mut und geniale Spielfreude. Nichts von all dem hat der mittlerweile 52-Jährige verloren. Ganz im Gegenteil: Sein neues Werk "The Hateful Eight" ist das alles in Perfektion. Nur so richtig witzig ist dieses Epos über den Hass nichts. Kaum ein Lachen schafft es aus dem Hals. Warum ist das so, Mister Tarantino?


"Ich habe das Drehbuch in einer Zeit geschrieben, als ich sehr deprimiert war, deprimiert und wütend", sagt Quentin Tarantino, der Hustenbonbons lutschend am Tisch sitzt, um in Berlin "The Hateful Eight" zu promoten und am Abend Premiere zu feiern. Wie immer trägt er Schwarz, ein Crew-T-Shirt von "Grindhouse" und eine Hoodie-Jacke. Warum waren Sie unglücklich? "Darüber will ich nicht reden", sagt der Kultregisseur und guckt auf den Tisch, aber dann fuchtelt er auch schon wieder mit den Händen: "Und wie bin ich damit umgegangen? Ich habe es ins Drehbuch geschrieben! Es ging mir wirklich nicht gut, und ich habe es in die Figuren gepackt."

Kein einziger Held

Wenn "The Hateful Eight" Tarantinos Reflexion auf die Welt ist, in der wir leben, dann gute Nacht. In diesem epischen Western gibt es keine Helden. Die Frau ist so schlecht wie der Mann, der Schwarze so mies wie der Weiße und der so gnadenlos wie der Mexikaner. Jung ist genauso blind vor Hass wie Alt. Und wer zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort ist, stirbt ebenso brutal wie die, die es der tradierten Erzählweise gemäß "verdient" haben. Hass regiert in "The Hateful Eight", und keiner kann entkommen.


"Mir hat die Idee gefallen, dass in einem Film alle 'Schurken' sind", sagt Tarantino, und die Bitternis weicht glücklicherweise ein wenig der Spielfreude. "Es gibt keinen eigentlichen Helden in dieser Geschichte. Vor allem nicht in dieser Situation: Menschen, denen man nicht trauen kann, sind gefangen in einem Raum. Wegen des Schneesturms können sie nicht entkommen. Du kannst nichts von dem, was sie sagen, glauben. Oder du glaubst es doch. Es ist deine Entscheidung, ihnen zu glauben oder auch nicht. Der Autor sagt dir nicht, was du tun sollst. Am Ende addieren sich all deine Entscheidungen auf, was du glaubst und was nicht, und so ist der Film, den du gesehen hast, ein ganz anderer als der, den der neben dir gesehen hat." Tarantinos Augen leuchten. "Das hat mir wirklich Spaß gemacht!"

Aber gibt es denn kein Mittel gegen den Hass? Tarantino hat seine Bonbons auf den Tisch gelegt und presst die sowieso schon schmalen Lippen aufeinander. Dann sagt er: "Ich glaube nicht, dass es einen Weg gibt, mit dem Hass umzugehen, außer die Zeit, Generationen." Er sagt das ganz ruhig.

Quentin Tarantino: Das ist meine Zeit!

Wenn auch ein Tarantino, dieses kreative Über-Talent, schlechte Tage hat, wie bleibt er motiviert? "Wissen Sie, Richard Kelly, der Regisseur von 'Donnie Darko', ist ein Freund von mir. Nach 'Inglourious Basterds' waren wir zusammen auf einer Party. Als wir in der Küche standen, hat er mich an die Wand gedrückt und gesagt: Quentin, ich weiß, wie du tickst, du denkst 'Ich habe diesen Film gemacht, auf den ich sehr stolz bin, und jetzt will ich für eine Weile abtauchen.' Ich sage dir, tu' das nicht! Du bist auf eine Goldader gestoßen, die musst du jetzt bis zum Ende abbauen. Du kannst jetzt keine Pause machen. Du musst jetzt dein nächstes Projekt finden, und es mit dem gleichen Esprit aufschreiben wie 'Inglourious Basterds'." Tarantino legt die Hände auf den Tisch und lächelt ein wenig: "Tja, und er hatte Recht. Jetzt ist meine Zeit."


Mister Tarantino, vermissen Sie eigentlich manchmal die Zeiten im Videostore, als niemand etwas von Ihnen erwartet hat? "Oh, ich mag es, dass Sie hohe Erwartungen an mich haben! Ich mag es, eine solide Filmografie zu haben, in die jeder neue Film reinpassen muss, in der es kein schwaches Glied gibt. Es ist eine starke Kette, diese Kette nehme ich mit ins Grab. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie viel von mir erwarten."


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