Seit der Veröffentlichung seines Reportageromans "Gomorrha" über die Machenschaften der Camorra steht Roberto Saviano auf deren Todesliste. Im Kino läuft nun die Verfilmung seines Bestsellers, an der er als Drehbuchautor mitwirkte. Ein konspiratives Treffen in Neapel. Von Stephan Maus

Der Autor Roberto Saviano, 29, stammt aus dem Reich der Camorra. Seine Mission: Zeugnis ablegen© Salvatore Laporta/AP
Eine enge Einbahnstraße in Neapel. Wie wütende Wespen knattern Motorroller vorüber. Kurzes Hupen an jeder Ecke. An diesem heißen Augustmorgen herrscht unübersichtliches Treiben. Langsam schiebt sich die silberne Kühlerhaube eines Jaguars aus einer Seitenstraße ins Bild. Verdunkelte Scheiben. Eine zweite Limousine folgt. Ebenfalls verdunkelte Scheiben. Auf den Autodächern abnehmbare Blaulichter. Mit geschmeidigen Bewegungen gleiten Bodyguards auf die Straße. Ein korpulenter Zwei-Meter-Mann, Jeans, offenes Hawaiihemd, Muschelkettchen über behaarter Brust, zurückgegelte Silbermähne, Raubtiergang; ein drahtiger Al-Pacino-Kläffer - wahrscheinlich nennen sie ihn in seiner Carabinieri-Spezialeinheit "Die Ratte"; zuletzt ein Gentleman-Cop, dessen brutale Gesichtszüge nicht zu seinem eleganten Anzug passen. Aufmerksam suchen sie die Umgebung ab. So sieht das also aus, wenn jemand in Italien die höchste Sicherheitsstufe hat.
Aus der hinteren Limousine steigt jetzt ein schmächtiger Mann. Der Schriftsteller Roberto Saviano. Die Bodyguards nehmen den 29-Jährigen in ihre Mitte. Die Gruppe eilt in Richtung Hotel, wo unser konspiratives Gespräch stattfinden soll. Schon Stunden vorher haben die Bodyguards den Palazzo unter die Lupe genommen: Wie viele Fenster hat der Interviewraum? Gibt es Hintereingänge? Welche Gäste haben noch eingecheckt? Sie nennen diese Sicherheitsmaßnahme "ein Gebiet trockenlegen".
Die, die ihn im Visier haben, sind mächtig. Sie tragen Namen wie "Sandokan", "Der Wolf " oder "Das Tier". Ihren Gegnern trennen sie mit dem Trennschleifer den Kopf ab, lösen sie in Salzsäure auf oder werfen sie in einen vertrockneten Brunnen und schicken eine Handgranate hinterher. Seit der Veröffentlichung seines investigativen Reportageromans über die Camorra, die neapolitanische Mafia*, steht Saviano auf der Todesliste. Er hat die Geschäfte der Camorra durchkreuzt. Hat publik gemacht, wie sie Fälschungen italienischer Mode verkaufen. Wie sie an Junkies ihre neuen Drogenmischungen testen. Wie sie Giftmüll aus dem Norden importieren und im neapolitanischen Tuffstein vergraben, der so porös ist, dass der Dreck ins Grundwasser sickert. All diese Geschäfte sind lukrativ. Ein einziger Clan kann hier 500.000 Euro am Tag umsetzen.
Saviano schildert diese Machenschaften mit Tempo und viel Wut im Bauch. Er nimmt seinen Kampf gegen die Camorra sehr persönlich. Er spricht ihre Sprache, nutzt ihre Symbole. Als er die verlassene Villa des 1996 verhafteten Mafiabosses Walter Schiavone betrat, war er erschlagen von dem Pomp. Schiavone hat sein Haus originalgetreu nach der Villa der Hauptfigur aus Brian De Palmas Mafiafilm "Scarface" bauen lassen. Genüsslich schildert Saviano in seinem Buch, wie er vor Empörung in die riesige Badewanne des Mafiabosses pinkelte. Seitdem hat er ein Problem mit Schiavone. Musste diese Provokation sein? "Ich gebe zu, dass es eine kindische Geste war. Aber ich habe in diesem Moment alles zurückgegeben, was sie mir genommen haben. Ich bin Ende der 90er Jahre in einer Gegend aufgewachsen, wo es täglich Tote gab. Wenn Kameraden zum Lernen kamen, musste meine Mutter den Camorra-Wachen im Dorf Bescheid geben, dass sie sie durchlassen. Das hat mir meine Jugend genommen. Mit dieser Geste habe ich das alles zurückgegeben."
Saviano stammt aus Casal di Principe, einer Kleinstadt 40 Kilometer nördlich von Neapel. Hier hat fast jeder Zweite eine Vorstrafe wegen Paragraf 416: Bildung einer mafiösen Vereinigung. Auf 20.000 Einwohner kommen gut 500 Bauunternehmen. Zement ist das Fundament, auf dem das Imperium der Camorra steht. Die Casalesi, der Clan aus Casal di Principe, setzen jedes Jahr 30 Milliarden Euro um. Nur gnadenlose Brutalität ermöglicht solche Gewinne: Mit zwölf Jahren sah Saviano seinen ersten Toten. Seit seiner Geburt wurden in Kampanien mehr als 3600 Menschen ermordet. 1994, Saviano war kaum 16, wurde in Casal di Principe sogar ein Priester in einer Kirche erschossen. Don Peppino Diana hatte der Camorra von der Kanzel aus den Kampf angesagt.
Saviano nimmt sich den Priester zum Vorbild. Obwohl die Camorra ihn fasziniert, wählt er die Seite ihrer Gegner. Er schreibt Artikel in der Lokalpresse, beginnt auf ausgedehnten Vespa-Touren im Camorra- Gebiet zu recherchieren. In seiner Heimatstadt hat er gelernt, wie man sich unter Verbrechern bewegt.
Für sein Buch sprach Saviano mit vielen Camorra-Mitgliedern. Er interviewte Kinder, die ihm erklärten, wie sie sterben wollen: am liebsten durch Kopfschuss, das tut weniger weh als ins Herz. Er erfuhr, dass man schon den Kindern Schusswesten anzieht und auf sie schießt, damit sie die Angst vor dem Tod verlieren. Saviano jobbte für chinesische Kriminelle, die Konkurrenten der Camorra. Er arbeitete auf dem Bau, einem Gewerbe, das in Kampanien vollständig von der Camorra regiert wird. Er begleitete einen Müllverschieber auf seinen Touren. Hörte den Polizeifunk ab und fuhr mit seiner Vespa zu den Tatorten, wo das Blut noch im Staub versickerte. Seine Obsession: Zeugnis ablegen. Sein Reportageroman illustriert Fakten aus den Akten der Anti-Mafia-Behörden mit Szenen voller Lokalkolorit und Atmosphäre. Noch nie wurde so viel Aufklärungsmaterial über die Camorra so lebendig aufbereitet. In jeder Zeile vibriert die Empörung darüber, dass in der Mitte Europas der Mob regiert. Der letzte Satz von "Gomorrha" ist wie ein trotziger Schrei: "Ihr verfluchten Dreckskerle, ich lebe noch!" In italienischen Gefängnissen ist "Gomorrha" das meistgefragte Buch.
Saviano ist herzlich und entgegenkommend. Unter den wachsamen Augen seines Bodyguards schenkt er dem Gast Mineralwasser ein. Wer behielte in seiner Situation eine so ruhige Hand? Kann man die ständige Bedrohung verdrängen? "Ich habe nicht wirklich Angst davor, umgebracht zu werden. Ich glaube nicht, dass sie mich so schnell ermorden werden. Sie werden erst einmal mein Bild demolieren. Sie werden alles daran setzen, mir Glaubwürdigkeit zu entziehen. Was mich schmerzt, ist, dass sie mein Leben schon zerstört haben. Ich kann kein normales Leben mehr haben. Das ist nicht nur der Polizeischutz. Ich kann kein Haus haben, keine Wohnung, kann keine zwei Tage am selben Ort sein." Die Frage, ob er jemals wieder ein normales Leben wird führen können, erwidert er mit einem düsteren Nein.
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Stern
Ausgabe 39/2008