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Robin Williams - schon vergessen?

Vor eineinhalb Jahren ist Robin Williams gestorben. Die Trauer war unermesslich. Für seinen letzten Film interessiert sich trotzdem niemand. Dabei ist "Boulevard" ein großer, kleiner Film.

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Boulevard": Robin Williams' letztes Lächeln

"Boulevard": Robin Williams' letztes Lächeln

Wer hätte gedacht, dass das alte Sprichwort "Aus den Augen, aus dem Sinn" eines Tages auf Robin Williams zutreffen würde. Dessen Tod hat vor eineinhalb Jahren Schockwellen durch die Fanbase geschickt - egal ob Filmkritiker, Kinofan oder Fernseh-Zuschauer, tagelang wurde getrauert: mit großen Abhandlungen im Feuilleton und kleinen Gifs auf Facebook, mit Filmlisten oder einfachen Statusmeldungen der Trauer. Das alles scheint heute vergessen. Robin Williams scheint tatsächlich vergessen! Oder wussten Sie, dass gerade sein letzter Leinwandauftritt im Kino zu sehen ist?

"Boulevard" schenkt uns Williams' letztes schiefes Lächeln. Alles Weitere ist Wiederholung. Trotzdem hat nicht einmal in Berlin eines der großen Kinos Williams' Abschied im Programm. Werbung? Fehlanzeige.

"Boulevard" ist ein kleiner Film, der eine große Geschichte erzählt: Ein 60-jähriger Bankangestellter hält nachts vor einer roten Ampel, starrt hinter seinem Lenkrad auf das grelle Rot - und plötzlich dreht er um. Es ist der Augenblick, in dem Nolan Mack erkennt, dass er sich sein Leben lang selbst belogen hat. Der unauffällige Mann mit der netten Frau, dem netten Haus, dem netten Job hat mehr als 45 Jahre lang seine Homosexualität unterdrückt. "Sind Sie glücklich, mein Lieber?", hat ihn sein Chef am Morgen gefragt. "So wie jeder andere auch", hat Mack geantwortet.

Williams'sche Gutherzigigkeit 

Wie immer spielt Williams auch diesen Mack mit einer herzzerreißenden Zurückhaltung. Der Mann ist immer höflich, zutiefst gutherzig, Ego-frei. Deshalb tropft die Entscheidung für die Freiheit nur sehr langsam auf die verdorrte Seele. Alles andere wäre zu viel. Als der junge Stricher, den Mack im Auto mitnimmt, seinen Job machen will - "Willst du mich nicht anfassen?" -, ist Mack völlig überfordert: "Ich weiß nicht mal, wie Sie heißen". Lieber erzählt er, dass er als Kind gern woanders war als zuhause oder dass er Western geliebt habe. Und plötzlich wird klar, dass Mack dieses Kind geblieben ist, stehengeblieben in der Entwicklung. Und er hat sich all die Jahrzehnte vor dem Leben versteckt, das einfach weiterging. Es war ja nicht seins.    

Der Stricher, der Leo heißt, wird zum Objekt der Sehnsucht, ob er will oder nicht. An ihm brechen sich Macks Emotionen, die zum ersten Mal raus dürfen. Leo ist das Leben, das Mack nicht hatte, doch Mack übersieht dabei auf tragische Weise die Bedürfnisse des Jungen. Das erinnert immer wieder an einen anderen kleinen, großen Film eines viel zu früh gestorbenen Leinwandhelden: "Welcome to the Rileys" mit James Gandolfini.

Auch einer, den wir offensichtlich schon vergessen haben.

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