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6. September 2007, 11:42 Uhr

Wandern wider Willen

Drei Geschwister erben ein Vermögen - vorausgesetzt, sie machen zusammen eine Pilgerreise. Santiago de Compostela heißt das Ziel, der Weg dahin ist beschwerlich. Klingt nett, doch "Saint Jacques... Pilgern auf Französisch" kommt über oberflächliches Geplänkel nicht hinaus. Von Eva-Maria Senftleben

Zu Fuß durch Frankreich und Spanien - für die Pilger in "Saint Jacques" körperlich und menschlich eine Herausforderung© Schwarz-Weiss Filmverleih

Spätestens seit Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" über seine Wanderung auf dem Jakobsweg zum Bestseller wurde, scheint auch das Pilgern wieder "in" zu sein. Zumindest verbindet man mit den Erkenntnis suchenden Fußgängern nicht mehr notgedrungen ältere, ultra-religiöse Spießer - und auch der Spielfilm "Saint Jacques... Pilgern auf Französisch" dreht sich um junge, unkonventionelle Pilgerreisende. Der Film aus dem Jahr 2005, der nun auch in den deutschen Kinos anläuft, passt damit genau in dieses "Pilger-Revival" - und bietet dennoch nur mittelmäßige Unterhaltung.

Halbherzige Reisegruppe

Drei erwachsene, zerstrittene Geschwister erben das beachtliche Vermögen ihrer verstorbenen Mutter - allerdings nur, wenn sie sich zu dritt und zu Fuß auf den Weg nach Santiago de Compostela machen. Die frustrierte Lehrerin Clara, der tablettensüchtige Workaholic Pierre und der nichtsnutzige Alkoholiker Claude sind sauer. Weil sie das Geld brauchen, befolgen sie jedoch, was die Mutter ihnen per Testament zur Bedingung gemacht hat: Mit weiteren fünf Pilgern und ihrem Reiseleiter begeben sie sich auf den langen Fußmarsch durch Frankreich und Spanien.

Auch ihre Gefährten pilgern nicht aus religiösen Gründen: Der junge Araber Said läuft nur mit, um seiner großen Liebe Camille nahe zu sein. Sie hat die Reise zum Abitur geschenkt bekommen. Sein analphabetischer Freund Ramzi wähnt sich gar auf dem Weg nach Mekka und Mathilde pilgert, weil sie ihre Krebserkrankung überstanden hat und die körperliche Herausforderung sucht. Der Reiseleiter Guy führt eine zum Scheitern verurteilte Fernbeziehung und ist genervt von seiner halbherzigen Reisegruppe, die sich ständig untereinander anfeindet.

Naive Lösungen für große Probleme

Trotz der viel versprechenden Konstellation von Figuren bleibt der Film oberflächlich. Die Probleme der Einzelnen und die Konflikte innerhalb der Gruppe werden nur angerissen, die Lösungen sind zu einfach, um realistisch zu sein. Clara bringt Ramzi Lesen und Schreiben bei, Claude und Mathilde kommen sich näher und auch Said scheint bei Camille Erfolg zu haben. Einem Analphabeten auf einer anstrengenden Reise abends in kurzer Zeit das Lesen beibringen zu wollen, ist jedoch reichlich naiv. Ganz nebenbei besiegt Pierre auch noch seine Tablettensucht.

In die Szenen der Wanderung sind kryptische Bilder eingeschoben, die die Alpträume und Ängste der Reisenden zeigen. Da wird Ramzi von einem riesigen Buchstaben angegriffen. Mathilde hat Angst, ohne Kopftuch gesehen zu werden, weil sie durch die Krebsbehandlung ihre Haare verloren hat. Und Pierre sieht seine Ehefrau, die sich mit ihrer Alkoholsucht langsam umbringt. Die Sequenzen entbehren jeder Erklärung - nicht immer ist ganz klar, was sie bedeuten und zu wem sie gehören. Sie zerreißen die Erzählung und wirken wie ein krampfhafter Versuch, der leichtfüßig daherkommenden Geschichte etwas mehr Tiefgang zu geben.

Spagat zwischen Tiefgang und Komödie misslingt

"Saint Jacques" zeigt, dass das "Modethema" Pilgern allein keinen guten Film ausmacht. Sicherlich ist der Spagat zwischen Tiefgründigkeit und leichter Unterhaltung machbar. Der Regisseurin und Drehbuchautorin Coline Serreau, die mit "Drei Männer und ein Baby" große Erfolge feierte, gerät er jedoch sehr ungelenk. Komische Szenen wie die, in der Pierre beim nächtlichen Telefonat barfuß in frische Kuhfladen tritt, prallen auf so bitterernste, wie die, in der er seine Frau anruft, die im Krankenhaus liegt, weil sie sich ins Koma gesoffen hat.

Für einen Film, der wirklich bewegt und im Gedächtnis bleibt, hätte Serreau es wagen sollen, die angeschnittenen Probleme weiter auszuführen. Für eine kurzlebige Komödie hätte sich die Konsequenz gelohnt, auf die Traumszenen und Andeutungen zu verzichten. So sind die halbherzigen Reisenden aber vor allem eines: ein Spiegelbild der Umsetzung.

Von Eva-Maria Senftleben
 
 
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