HOME

Polanskis Opfer

Im März 1977 trifft die 13-jährige Samatha Geimer auf den Regisseur Roman Polanski. Sie will von ihm fotografiert werden. Er wird sie vergewaltigen.

Von Christine Kruttschnitt

Roman Polanski fotografierte 1977 die damals 13-jährige Samantha Greimer. Anschließend vergewaltigte er sie .

Roman Polanski fotografierte 1977 die damals 13-jährige Samantha Greimer. Anschließend vergewaltigte er sie .

Hast du einen Freund?, fragt er sie im Auto. Sie lügt. "Ja", sagt sie sofort und schaut aus dem Fenster. Der Junge, an den sie denkt, ist schon 17 und hat mit ihr Schluss gemacht, weil sie erst 13 ist. "Und hast du schon mal Sex gehabt?"

Seltsame Frage, denkt sie. Geht es ihn etwas an? Trotzdem sagt sie Ja. Es ist die Wahrheit. Mit dem 17-Jährigen, einmal. Zum Ausprobieren. "Wie oft?", hakt er nach. "Zwei Mal", antwortet sie trotzig. Sie will nicht, dass er sie für ein Kind hält. Oder schlimmer noch, für prüde.

Es ist der 10. März 1977, und der Mann, den sie in Gedanken ihr "Ticket zum Ruhm" nennt, will mit ihr Fotos machen. Er fährt sie zu Jack Nicholsons Villa auf dem Mulholland Drive, hoch über Los Angeles. Sie findet, dass der kleine Mann am Steuer aussieht wie ein Frettchen. Aber er ist so berühmt! Er kann ihr Leben von einem Tag auf den anderen ändern. Und das wird er auch tun.

Rund 24 Stunden später tritt die Schülerin ihre verhasste Karriere als "Sex-Skandal-Girl" an. In einem ohren- wie vernunftbetäubenden Mediengetöse wird sie wahlweise zum Flittchen oder zum Opfer gestempelt und fortan verfolgt vom Vorwurf, den brillanten Roman Polanski zerstört zu haben. Der damals 43-Jährige landet wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen kurzzeitig hinter Gittern, setzt sich vor dem Urteil jedoch ab nach Europa und gilt bis zur Staffelübergabe an Edward Snowden als berühmtester Flüchtling Amerikas.

Samantha Geimer, 50, lebt heute in Hawaii. Sie hat drei Söhne im Alter zwischen 31 und 20 Jahren und ist in zweiter Ehe mit einem Tischler verheiratet. Sie hat Sekretärin gelernt, kein Wort mehr von Berühmtheit und Hollywood-Träumen. Sie sagt, sie sei froh über jeden Tag, an dem sie nicht an das Spektakel vor 30 Jahren erinnert wird. Und doch hat sie nun ein Buch über ihre verhängnisvolle Begegnung mit Polanski geschrieben.

Samantha Geimer im Mai 2008 in New York bei der Premiere des Dokumentarfilms "Roman Polanski: Wanted and Desired"

Samantha Geimer im Mai 2008 in New York bei der Premiere des Dokumentarfilms "Roman Polanski: Wanted and Desired"

"Es wurde so viel über den Fall veröffentlicht, aber kein Wort von mir, der Person im Mittelpunkt", verteidigt sie ihren PR-Feldzug. Geimer ist eine rundliche Blondine mit Grübchen im Kinn und offenen hellen Augen. Sie ein Opfer zu nennen käme einem nicht in den Sinn. Und doch wird sie es wohl niemals schaffen, sich von dem Drama zu befreien, das ihre Kindheit harsch beendete. Das Buch als Therapie? Als Flucht vor dem Fluch?

Schluss mit den Gerüchten

"Es wurde einfach Zeit", sagt sie, mit den Gerüchten ein für alle Mal aufzuräumen - etwa dass sie ein frühreifes Luder war, das sich von Polanski nur zu gern "verführen" ließ. Dass ihre Mutter, eine erfolglose Schauspielerin, sie ebenjenem ausgeliefert habe aus dem brennenden Ehrgeiz heraus, selbst im Hollywood-Gefüge aufzusteigen. Samanthas Geschichte, in allen Einzelheiten ausgebreitet, ist simpel erzählt - und beweist doch nur, dass keine Geschichte, in der es um Sex und Macht geht, einfach ist.

"Von allen Katastrophen, die ich mir vorstellen kann", so blickt Polanski 1984 in seiner Autobiografie "Roman" zurück in jene Zeit, "kam mir dies nie in den Sinn: dass ich im Gefängnis landen würde, meine Karriere und mein Leben zerstört, weil ich mit jemandem geschlafen hatte." Geschlafen! "Auf welchem Planeten", seufzt Geimer, "nennt man das so?"

Erst kürzlich gab er der Illustrierten "Vanity Fair" ein Interview: Wie sehr er doch darunter leide, dass die alte Geschichte immer wieder hervorgezerrt werde. Als die Schweizer Polizei vor vier Jahren in einer ebenso überraschenden wie weltweit Empörung und Genugtuung auslösenden Strafaktion den Justizflüchtling Polanski erst im Gefängnis, dann unter Hausarrest in seinem Chalet in Gstaad festsetzte, habe der nunmehr 80-Jährige wahnsinnige Angst gehabt vor einer Auslieferung an die US-Behörden. Wieder Gefängnis! Nach so langer Zeit! Er hat weiß Gott genug durchgemacht in seinem Leben. Die halbe Familie von den Nazis ermordet, seine Jugend im Krakauer Ghetto, 1969 die bestialische Ermordung seiner schwangeren Frau in Los Angeles.

Auch dieses Foto stammt von Roman Polanski

Auch dieses Foto stammt von Roman Polanski

Ein Hollywood-Hengst im Pony-Format

"Immerzu war er von Tragödie umhüllt", schreibt Samantha Geimer, das Opfer des Opfers, in "The Girl". Als ihre Familie ihn Anfang 1977 über einen gemeinsamen Bekannten kennenlernt, ist Polanskis Vergangenheit zu rabenschwarzem Glamour geronnen, sein Leid Teil seines Charmes. Er ist von bildschönen Frauen umgeben, auf alle Partys eingeladen, ein Hollywood-Hengst im Pony-Format.

"Ich habe keine Albträume wegen Roman", beteuert Geimer. Sie sei nicht geschlagen oder in den Wald verschleppt worden - was man sich gemeinhin unter einer Vergewaltigung vorstellt, zumal als 13-jähriges Mädchen. Auch habe sie keine Angst um ihr Leben gehabt oder sich geschämt, als die Kriminologen später ihren Körper und ihre Unterwäsche nach Sperma untersuchte. Die anschließende Medienhysterie jedoch, sagt Geimer, habe sie mehr beschädigt als der erzwungene Akt.

Sie beschreibt sich selbst als aufgewecktes Kind auf der Überholspur in Richtung Frau. Seit zwei Jahren lebt die in einem Ostküstenkaff Geborene in Kalifornien - es sind die wilden Siebziger, die Eltern schmauchen Marihuana und reden viel von Freiheit. Im Bücherregal steht "The Joy of Sex", Samantha hat es von vorn bis hinten gelesen. Sie und ihre ältere Schwester kennen kaum Regeln. "Glücklich" nennt sie ihre frühe Jugend, "aber chaotisch". Längst sieht sie sich nicht mehr als Kind, "und meine Familie auch nicht".

Sexy Posen und Nacktfotos

Sie will Schauspielerin werden, wie alle ihre Freundinnen in Los Angeles. Und wie ihre Mutter: Susan Gailey schickt die hübsche Tochter zu Vorstellungsterminen und Fotoaufnahmen. Samantha ist stolz auf ihre Ähnlichkeit mit dem Jungstar Tatum O'Neal, und sie prahlt, dass sie einmal fast die Hauptrolle in einem Kinofilm bekommen hätte - wäre Jodie Foster ihr nicht zuvorgekommen. Als der berühmte Regisseur im Februar 1977 zum ersten Mal vor der Tür steht, erhofft sich die ganze Familie eine glanzvolle Zukunft: Er wolle für eine französische Zeitschrift amerikanische Teenager fotografieren und zeigt als Beispiel ein Bild von Nastassja Kinski, auf dem sie 14 ist und schön wie der junge Morgen (er wird später die Kostümromanze "Tess" mit ihr drehen).

Samantha bemerkt, wie glücklich ihre Mutter aussieht, als sie dem kleinen Mann mit der Kamera folgt. Es wird in den Hügeln am Ende der Straße geknipst. Samantha versucht sexy Posen ("Wie die süßen Mäuse in 'Cosmopolitan'!"), aber sie spürt, dass da kein Funke überspringt. Nur als sie das Oberteil wechselt zwischen den Motiven, klickt es wie verrückt. Zu Hause verliert sie kein Wort über die Nacktfotos - obwohl und weil ihr nicht wohl dabei ist.

Und dann knapp drei Wochen später der zweite Anmarsch des Künstlers. Er trägt ein Hemd mit modischem Kragen und stinkt mörderisch nach Rasierwasser. Wieder fühlt Samantha sich unbehaglich in seiner Gegenwart, "aber das ist wohl der Preis des Ruhms". Und sie will "professionell" erscheinen. Daher beantwortet sie all seine Fragen. Daher trinkt sie den Champagner, den er aus Nicholsons Kühlschrank holt; ihr Glas ist niemals leer. Ein guter Gastgeber, redet sie sich ein.

Heute sagt sie: Mein Gott, er war eben geil. Und high. Denn Polanski reicht Drogen, um sie locker zu machen. Es sind Quaaludes, Mode-Dröhnstoff der Siebziger, die Pillen entspannen und turnen gleichzeitig ein bisschen an. Im Buch schreibt sie, ihr Körper sei ganz weich und nachgiebig geworden.

"Gefällt dir das?"

Polanski will wieder Oben-ohne-Fotos machen. Als er sie in den Jacuzzi im Garten bittet, dunkelt es bereits. Im Pool schimmert trübes Licht. Polanski fordert Samantha auf, alles auszuziehen. BH trägt sie ohnehin keinen. Lohnt sich nicht, sagt sie flapsig. Beim Slip zögert sie. Und dann wieder der Gedanke: Du musst Profi sein. Wahrscheinlich ist es besser für die Fotos.

Samantha ist zu dem Zeitpunkt ziemlich beschwipst. Ihre Augen werden glasig. Sie würde sich am liebsten irgendwo auf den Boden legen, damit das Kreiseln in ihrem Kopf aufhört, aber Polanski bittet sie auf seine Seite des Whirlpools. Er ist nackt; sie hat vermieden, "dorthin" zu gucken, als er seine Hosen ablegte und zu ihr ins warme Wasser stieg. Das Wasser, lenkt sie sich ab, riecht sauber nach Chlor. Und doch irgendwie schmutzig.

Dann hält er sie über eine Düse, das Wasser sprudelt zwischen ihren Beinen. "Gefällt dir das?", fragt er sie. Er sei sehr höflich gewesen die ganze Zeit, betont sie. Sie spürt nun, worauf das alles hinausläuft. Eigentlich nicht so schlimm, denkt sie, Sex halt. Aber mit diesem alten Mann und seinen nassen Lippen? Sie sagt gar nichts mehr auf seine so fürsorglich klingenden Fragen, "schließlich macht er Filme, er kann meinen Text allein einfügen".

"Gefällt dir das?"

Schließlich gehen sie ins Haus, Samantha bittet darum, dass er sie heimfährt. Später, sagt er. Er schiebt sie auf ein rotes Samtsofa und beginnt, sie zu küssen - erst im Gesicht, dann ihr Geschlecht. "Gefällt dir das?", murmelt er unablässig. Samantha wehrt ihn ab, doch nur mit Worten. Sie schreit nicht, beißt nicht, kratzt nicht, haut nicht. In der Dunkelheit dieses fremden Schlafzimmers beschließt sie aufzugeben. Es ist doch nur ein Orgasmus, den er haben will, denkt sie. Dieses kleine Gezappel, um das sich alles dreht. Lass ihn machen.

Sie blendet sich aus. Bei der Frage, ob sie es vorziehe, "wenn er von hinten komme", amüsiert sie sich beinahe. Sie hat keine Ahnung, wovon er redet.

In dem psychiatrischen Gutachten, das während Polanskis 42 Gefängnistagen in Kalifornien entstanden ist, wird dem Täter ein "vorübergehend beeinträchtigtes Urteilsvermögen" attestiert. Auch erwähnt der Bericht "die körperliche Reife und Bereitschaft des Opfers". Und lobt "den Angeklagten" gar für "die fehlende Ausübung von Zwang und seine Fürsorge, was eine mögliche Schwangerschaft betrifft". Ein interessanter Euphemismus für Analverkehr, kommentiert heute sarkastisch "das Opfer".

"Sag nichts zu deiner Mutter", schärft Polanski der 13-Jährigen ein, als er sie endlich nach Hause fährt. "Das bleibt unser Geheimnis."

Sie hat ihm längst verziehen

Doch Susan Gailey ruft am selben Abend die Polizei. Polanskis tiefer Sturz füllt jeden Abend die Nachrichten, seine Agentin lässt ihn fallen, Hollywood deklariert den Oscar-nominierten Hit-Regisseur von "Rosemaries Baby" und "Chinatown" zum Kassengift. Im Prozess übernimmt ein Richter den Vorsitz, der nur auf seine eigene Prominenz aus ist, das Verfahren gilt aus heutiger Sicht als Farce. Und Samantha kann Susan bis heute nicht verzeihen, dass sie Polanski angezeigt hat.

Heute, sagt Geimer, sei sie eine glückliche Frau: "Polanski ist ein Fremder für mich." Was lässig klingt, ist hart erarbeitet. Im Zuge des Spektakels schmiss sie die Schule. Nahm Drogen, geriet völlig aus der Bahn. Mit 18 war sie schwanger, mit 19 verheiratet und, ehe das Kind den ersten Geburtstag feierte, schon wieder getrennt. Sobald Polanski mit der Wimper zuckt, spürt sie im fernen Hawaii die Auswirkungen wie einen Tsunami. Dann lagern wieder Paparazzi vor der Tür, klagt sie, und alle wollen wissen: Wie sieht das Vergewaltigungsmädchen jetzt aus? Ist sie fett geworden? Alt?

Und doch habe sie ihm längst verziehen. "Wer Hass im Herzen trägt, tut nur sich selber weh." So lautet die Botschaft, die "The Girl" nun in die Welt tragen muss. Der Buchtitel zeigt die Autorin als Teenager, mit neugierigen Kinderaugen. An jenem Tag des Jahres 1977 liegt die Welt noch wie ein großes Versprechen vor ihr. Roman Polanski hat den Auslöser gedrückt. Er wird es brechen.

print
täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools