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"Schrotten!" - Metall ist mehr

Klassenkampf auf dem Schrottplatz: Dem Oscar-nominierten Regisseur Max Zähle ist eine wunderbar perfekte Mischung aus Schurkenstück, Gefühl und Tiefe gelungen. "Schrotten!" ist Norddeutschlands Antwort auf die Ruhrgebietsfilme mit Westernhagen.

Von Wigbert Löer

Schrotten

Mirko (Lucas Gregorowicz, l.) und sein Bruder Letscho (Frederick Lau) in dem neuen Kinofilm "Schrotten"

Kultfilm, klar, großes Wort. Das schuf welche, die mit Westernhagen, der damals noch sau cool war. "Theo gegen den Rest der Welt", "Der Schneemann", frühe 80er Jahre. Dann 1999 "Bang Boom Bang - ein todsicheres Ding", auch als Kultfilm. Mit Dieter Krebs aus "Sketchup" und Benny Beimer aus der "Lindenstraße". Mit Semmelrogge.

Jetzt "Schrotten!" aus . Der Film läuft diesen Donnerstag an, in viel zu wenigen Kinos, wie das so ist bei deutschen Filmen ohne Schweiger/Schweighöfer. Filme vergleichen, klar, schwierig. Und natürlich sind die Schrottplätzer aus "Schrotten!" und ihr verlorener Sohn einmalig. Trotzdem ist diese Geschichte "Bang Boom Bangs" legitimer Nachfolger, mit Faust und Gefühl und ein paar grundsätzlichen Gedanken.

Die ehrlichen Handwerker vom Schrottplatz

Die Konstellation: Die gaaanz ehrlichen Handwerker vom Schrottplatz hier und dort einer der Ihren, der ihnen aber entkommen ist - der smarte Mirko Talheimer (stark: Lucas Gregorowicz). Mirko hat es geschafft. Er wohnt in der großen Stadt, trägt Krawatte, fährt Oldtimer. Ein Leben auf Statussymbolen. In Wirklichkeit ist er aber einer jener Finanzvertriebssklaven, wie sie einst für Carsten Maschmeyers AWD und heute noch immer für viele Konzerne losrennen: abhängig, verschuldet, unter Dauerdruck. Zurück auf den Schrottplatz seiner Familie will Mirko trotzdem nicht. Er denkt nicht mal dran.


Doch da, wo er her kommt, ist ein kleiner Kassenkampf zu führen. Der unabhängige soll nach dem Tod des Vaters geschluckt werden. Mirko wird sozusagen eingezogen. Er will nicht, aber bald kämpft er trotzdem mit, zwischen kaputten Autos, in der Celler Innenstadt, im Wald, an Bahngleisen. Erstmal noch im hellen Anzug des Finanzverkäufers. 

Mirko kann sich nicht dem entziehen, was sich Familie nennt, Freundschaft, Zusammenhalt und Heimat auch. Herrlich pathetisch ist "!". Der Regisseur Max Zähle spielt damit. "Hör doch mal auf mit diesem Lieber-Tod-als-Sklave-Pathosscheiß", bittet Mirko seinen Bruder Letscho. Der stutzt kurz. Dann ballt er mit schiefem Mund die Faust, wie sie seit "Land and freedom" von Ken Loach nicht mehr geballt worden ist.

Bei "Schrotten!" siegt die analoge Welt

Ein Feel-Good-Movie, weil der Zuschauer sich gut fühlt zu sehen, wie Mirko dem Guten in ihm nachgibt. Geht aber auch nicht anders, weil die Nebendarsteller toll ausgesucht, weil vor allem die beiden anderen Hauptdarsteller unwiderstehlich sind: Anna Bederke ("Soul Kitchen") als Luzi, die Schönheit vom Schrottplatz. Und Frederick Lau ("Victoria") als Mirkos Bruder Letscho. Letscho führt die Schrotter an, obwohl er zu dumm zum Anführen ist. Letscho egal, er will mit seinem großen Herzen (und seinen Fäusten) alles und jeden niederringen. Die Rolle ist dankbar, aber Frederik Lau mischt ihr manchmal einen Hauch Zurückhaltung unter. Großartig. 

Die analoge siegt über die digitale Welt in diesem Film, die handfeste Arbeit über die Tätigkeit der Finanzdrücker. Metall ist mehr. Und "Schrotten!" in Momenten melancholisch, wunderbar altmodisch, lustig. Jan-Gregor Kremp, das noch: als böser Schrottplatzschlucker ein würdiger Nachfolger für Dieter Krebs in "Bang Boom Bang". Wir geben fünf Sterne, drei Eisenstangen und einen Waggon Kupfer.

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