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12. Februar 2007, 13:40 Uhr

"Keine Kollektivschuld - bringt Beweise!"

Der berühmte "Nazijäger" Simon Wiesenthal hat Jahrzehnte gegen das Vergessen gekämpft und maßgeblich zur Aufklärung des millionenfachen Mordes an den Juden beigetragen. Am Sonntag wurde der Porträt-Film "Ich habe euch nicht vergessen" auf der Berlinale vorgestellt. Von Gerda-Marie Schönfeld

Der britische Schauspieler Ben Kingsley war zur Weltpremiere der Dokumentation "I Have Never Forgotten You - The Life And Legacy Of Simon Wiesenthal" über den Holocaust-Überlebenden und "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal nach Berlin gekommen© Sebastian Willnow/DDP

Eines Tages klingelte im Londoner Appartement des britischen Schauspieler Ben Kingsley das Telefon, und am anderen Ende der Leitung sagte ein Mann:"Machen Sie bitte keinen Helden aus mir". Es war Simon Wiesenthal.

Das ist natürlich schwierig, wenn es sich um eine lebende Legende handelt. Und dennoch gelang es Ben Kingsley , den "Nazi-Jäger" Simon Wiesenthal in all seiner Unbedingtheit, aber auch in all seiner Zerrissenheit so überzeugend darzustellen, dass er dafür eine Goldene Kamera bekam. Das war 1990. Gestern stand Ben Kingsley, ("Gandhi", "Schindlers Liste") inzwischen von der Queen geadelt zum Sir Ben, auf der Bühne des Berliner Kinos "International", und erinnerte sich an seine Gespräche mit Wiesenthal: "Er war wie ein Vater zu mir". Vorgestellt wurde im Rahmen der Berlinale der amerikanische Dokumentarfilm "I have never forgotten you - The Life and Legacy of Simon Wiesenthal". (Ich habe euch niemals vergessen - Leben und Vermächtnis des Simon Wiesenthal; Sprecherin: Nicole Kidman).

Redliche Hommage

Der Film, finanziert vom Wiesenthal-Center in Los Angeles, ist eine solide, redliche Hommage an den 2005 verstorbenen Titelhelden. Und eine sehenswerte. Regisseur Richard Trank, geboren 1954 in der Filmhauptstadt, hat keine Distanz- Probleme. "Schon als ich klein war", so Trank zu stern.de, "war Wiesenthal ein Held für mich. Er war der einzige Mann, den ich kannte, der sich für Gerechtigkeit für die Holocaust-Opfer einsetzte, auch für meine Grossmutter und meinen Onkel, die in den Todeslagern ermordet wurden".

"I have never forgotten you" zeichnet noch einmal die Stationen eines außergewöhnlichen Lebens nach: Wiesenthal, geboren 1908 in Galizien, gelernter Architekt, jüdischer Überlebender mehrerer Konzentrations- und Arbeitslager, findet nach dem Krieg seine Frau Cyla wieder, die mit falschen Papieren in Polen überlebte. Beide haben sie 89 Angehörige im Holocaust verloren. Gefragt, warum er nicht wieder als Architekt arbeite, sagte Wiesenthal: "Nach unserem Tod werden uns Millionen Opfer der Lager fragen, was aus uns geworden ist. Einer wird vielleicht 'Juwelier' antworten, der andere 'Architekt'. Ich werde sagen: Ich habe euch nicht vergessen". Und so wurde aus ihm der Nazijäger. "Viele Juden," sagt seine Frau im Film, "haben ihr Leben nach dem Krieg normalisieren können. Er nicht. Ich bin nicht mit einem Mann, ich bin mit Millionen Toten verheiratet." Sie hat ihn nie verlassen.

Erinnerung an eine Kindheit voller Angst

Als Tochter Paulina, geboren 1946, fragte, was sie denn für eine komische Familie wären, keine Onkel, keine Tanten, keine Cousins, telefonierte der Vater eilig Freunde herbei, die an den jüdischen Feiertagen Familie spielen mussten - Onkel, Tanten und Cousins. Als das Mädchen verstört aus der Schule kam und sagte, die Kinder behaupten, Anne Frank hätte es nie gegeben, alles in dem berühmten Tagebuch sei gelogen, versprach der Vater: "Ich finde den Mann , der Anne Frank verhaftet hat. Dann werden es alle glauben". Und er fand ihn. Der österreichische Polizist Karl Silberbauer gestand und wurde vom Dienst suspendiert. Tochter Paulina, die heute in Israel lebt und sich zum ersten Mal öffentlich zu ihrem Vater äußert, erinnert sich an eine Wiener Kindheit voller Angst, denn der Vater wurde häufig bedroht.

Zur Legende und zum weltweit bekannten Nazi-Jäger wurde Simon Wiesenthal, als er 1960 zur Verhaftung von Adolf Eichmann in Argentinien beitrug. Nach Eichmanns Flucht aus Österreich hatte Wiesenthal einen jungen polnisch-jüdischen KZ-Überlebenden, Manus Diamant, als Romeo auf Eichmanns hübsche Frau Veronika angesetzt, um an ein Foto des flüchtigen Kriegsverbrechers zu kommen. Als Wiesenthal dann hörte, dass sein Romeo mit den Eichmann-Söhnen Boot fahren ging in Bad Aussee, entzog er ihm sofort den Auftrag, aus Angst, er könne die Kinder ersäufen. "Wir führen keinen Krieg gegen Kinder. Verantwortlich ist der Herr Papa", sagte Wiesenthal streng.

Er spürte Franz Stangl auf, den Kommandanten des Konzentrationslagers Treblinka, Eduard Roschmann, den "Schlächter von Riga", und Hermine Ryan-Braunsteiner, die im KZ Majdanek grausam gewütet hatte und nach dem Krieg einem US-Soldaten nach New York gefolgt war. Sie wurde 1981 in Düsseldorf zu 20 Jahren Haft verurteilt.

Die Wiener hassten ihn

1100 NS-Täter wurden mit seiner Hilfe festgenommen. Unumstritten war Wiesenthal nie. Auch das deutet der Film an. Vor allem die Kontroverse mit dem damaligen österreichisch-jüdischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, der Wiesenthal unterstellte, er habe womöglich in Kriegszeiten mit der Gestapo zusammengearbeitet. Das hat den in Wien lebenden Wiesenthal am meisten geschmerzt. Die Wiener hassten ihn, aber er blieb. Seine Sekretärinnen schildern einen workaholic, dessen Credo war: "Keine Kollektivschuld - wir brauchen Beweise". Zwischendurch konnte er mächtig lachen und Witze loswerden, die nicht immer für Damen bestimmt waren. Die Verschleppung von NS-Prozessen in der Bundesrepublik kommt nicht vor in diesem Film. Dass es aber überhaupt einen Simon Wiesenthal gegeben hat, war schon immer eine Bankrott-Erklärung der westdeutschen Nachkriegsjustiz. Hätte diese NS-Täter nicht so zögerlich und unlustig verfolgt, wäre ein Nazi-Jäger Wiesenthal gar nicht denkbar gewesen. Das zeigt der Film nicht. Trotzdem - eine gelungene Dokumentation über eine Jahrhundert-Biografie.

Von Gerda-Marie Schönfeld
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
Alter_Ego (13.02.2007, 01:53 Uhr)
"Die Wiener hassten ihn ..."
Sehr geehrte Frau Gerda-Marie Schönfeld,
da haben Sie es sich ein bisschen zu leicht gemacht. "Die Wiener", die ihn hassten, ist genauso eine Pauschalierung wie "die Ostdeutschen", die alle mit der NPD sympathisieren. Ich erwarte mir von einer Stern-Journalistin eine differenziertere Herangehensweise.
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