Ein Jahrmarkt der Perversionen, absurd, ultrabrutal - und wunderschön. Robert Rodriguez' und Frank Millers episodenhafte Comicverfilmung "Sin City" ist ein visuelles Meisterwerk mit Starbesetzung. Von Ralf Sander

Marv (Mickey Rourke, li.) plauscht mit einem auf ihn angesetzten Killer, dessen Leben sich bereits dem Ende zuneigt© Buena Vista
Wenn Großstädte kotzen könnten, wäre das, was sich in der Kloake sammelt, "Sin City". In dieser Stadt lebt der Abschaum, leben die Schlimmsten der Schlimmen - und solche, die es nicht schaffen, aus der Stadt herauszukommen. Irre Killer, pädophile Politikersöhne, korrupte Cops, ebenso verführerische wie tödliche Frauen und der eine oder andere Kannibale: Es ist Personal dieses Schlages, das Frank Millers Sündenstadtstorys seit dem Erscheinen des ersten Comics im Jahr 1991 bevölkert. "Sin City" ist ein Jahrmarkt der Perversionen, am laufenden Band wird geschlachtet und geschändet, und dann zeichnet Miller auch noch in einem streng stilisierten, schwarz-weißen Stil, in dem Farbe nur selten und punktuell eingesetzt wird. Zwischen Superman, Spiderman und Co. steht dieser schmutzige Bastard mit einem Schild um den Hals: "Ich bin unverfilmbar". "Das werden wir ja sehen", sagte sich Robert Rodriguez, zerrte den zuerst völlig desinteressierten Miller sogar neben sich auf den Regiestuhl, übernahm gleich noch Kamera, Schnitt, Musik und die Aufsicht über die Spezialeffekte und schuf die kompromissloseste Realverfilmung eines Comics.
Rodriguez, der im Wechsel harten Stoff wie "Form Dusk till Dawn" und "Desperado" und Kinderfilme wie "Spy Kids" dreht, hat nicht versucht, die gezeichnete Welt in eine Realität zu transportieren, wie es zum Beispiel bei "Spiderman" geschehen ist. Der Texaner erkannte früh, dass "Sin City" nicht von Millers speziellem Zeichenstil, den starken Kontrasten und dem ausgefeilten Spiel von Licht und Schatten zu trennen ist. Das alles musste mit auf die Leinwand. Miller selbst ließ sich erst durch eine Testsequenz von dem Projekt überzeugen, die Rodriguez in seinem eigenen Studio gedreht und mit dem ihm vorschwebenden Look versehen hatte. Dieser Köder für Miller befindet sich auch im fertigen Film: Es handelt sich um die erste Szene, in der Josh Hartnett als Auftragsmörder eine junge Dame äußerst charmant aus dem Leben holt.

Co-Regisseure bei der Arbeit: Robert Rodriguez und "Sin City"-Schöpfer Frank Miller (re.)© Buena Vista
Mit grenzenlosem Enthusiasmus, konsequenter Ignoranz gegenüber den Regeln Hollywoods (zwei Regisseure, Schwarzweiß, extreme Gewalt) und einer Menge Computerpower haben Rodriguez und Miller auf Atem raubende Weise die Zeichnungen zu einem Film gemacht. Die Optik ist unvergleichlich: Wunderschöne Schwarzweißbilder, in perfekter Dosis unterbrochen von einem roten Kleid, blauen Frauenaugen oder auch mal gelbem oder weißem Blut. Dafür agierten die Schauspieler die gesamte Zeit vor einer grünen Leinwand, die Hintergründe und Farbgebungen wurden nachträglich am Rechner hinzugefügt. Es ist, als hätte man bewährte Charakterköpfe wie Bruce Willis, Benicio Del Toro und Mickey Rourke und sexy Jungstars wie Jessica Alba, Rosario Dawson und Brittany Murphy zwischen die Seiten der Comics gesteckt und ihnen zugerufen "Und jetzt spielt!". Oder: "Bewegt euch, ihr Schlampen", um in "Sin City" verstanden zu werden. Denn wie die Comics ist der Film eine Hommage an die pulp fiction der 40er und 50er Jahre, Räuber- und Gendarm-Geschichten mit nihilistischen Helden, gefährlichen Frauen und fiesen Bösewichtern. Auch in "Sin City" sind die Figuren stark überzeichnet, fast schon holzschnittartig. Die Frauen kriegen ihre Rundungen mit ihren Outfits kaum gebändigt. Die Männer tragen Narben, harte Gesichtszüge, quellende Muskeln und haben Stimmen, als sprächen sie aus dem Inneren des Whiskeyfasses, das sie gerade geleert haben. Und sie reden viel, diese Kerle, eigentlich die ganze Zeit. Zu sich selbst, beschreiben zynisch die Misere, in der sie stecken. Nur manchmal hauen sie staubtrockene Kommentare raus wie: "Ich mag Auftragskiller. Egal was man ihnen antut, man fühlt sich immer gut dabei."