Mich laust der Affe

10. Mai 2013, 13:51 Uhr

Disney bringt ein Menschenaffenmärchen ins Kino, das die Naivität des Publikums hart auf die Probe stellt. Der Skandal um "Schimpansen" basiert allerdings auf einer lange unausgesprochenen Wahrheit. Von Sophie Albers

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Da war die Welt noch in Ordnung: Der kleine Schimpanse Oscar im Arm seiner Mutter.©

Die Menschheit will betrogen sein, hat mein Großvater immer gesagt. Der Unterhaltungsriese Disney muss gerade lernen, wie man damit umgehen sollte. "Schimpansen" heißt der neue Tierfilm aus dem Hause Disneynature, und er sorgt für einen Skandal. Einen Skandal, der vor allem die Naivität des Pubikums veranschaulicht. Aber auch die Not der Tierschützer.

Der "Naturfilm" erzählt die Geschichte von Oscar, einem dreijährigen Affenkind im westafrikanischen Urwald, das seine Mutter verliert und an dem Verlust - grausame Natur - zu Grunde zu gehen droht. Doch dann wird Oscar völlig überraschend - gütige Natur - ausgerechnet von einem Alpha-Männchen-Schimpansen adoptiert. Am Ende sitzen der kleine und der große Affe da, knacken zusammen Nüsse, dem Zuschauer scheint die Sonne ins Herz, und die Familie kann mit der Wildnis versöhnt nach Hause gehen.

Wenn der kleine Oscar Nüsse knackt

Die Vermenschlichung von Tieren - Anthropomorphismus genannt - und das zwanghafte Happy-End gehören zu dieser Kinogattung wie Jennifer Aniston in die romantische Komödie. Das war im Disney-Klassiker "Die Wüste lebt" von 1953 schon so, in "Im Reich der Raubkatzen" von 2011 oder auch im südafrikanischen Tierspaß "Animals are beautiful people" von 1974 (nicht von Disney). "Schimpansen" ist da keine Ausnahme. Das Erstaunliche ist allerdings, dass offensichtlich viele geglaubt haben, in diesen Kinoabenteuern die reine, unverfälschte Wahrheit zu sehen.

Die letzten Schimpansen retten

Für die Glaubwürdigkeit stellt Disneynature seinen Tierdokus gern namhafte Wissenschaftler zur Seite, die anlässlich der Pressepräsentationen mit den Journalisten sprechen. Also fragt man den Schimpansen-Experten Christophe Boesch, wie es Oscar heute denn gehe. Und der Experte vom Max-Planck-Institut, der seit 30 Jahren verzweifelt versucht, die dem Menschen ähnlichste Spezies vor dem Aussterben zu bewahren, sagt: "Es geht ihm gut. Er ist fast acht Jahre alt und bekommt die Nüsse jetzt allein auf."

Und mal ehrlich, Herr Boesch, wie kriegt man wilde Menschenaffen dazu, mit sich vor laufender Kamera solch eine Geschichte erzählen zu lassen? "Sie handeln definitiv nicht nach Drehbuch", sagt der Wissenschaftler, der sieben volle Jahre gebraucht hat, um die Schimpansen im Tai-Urwald an seine Anwesenheit zu gewöhnen, so dass sie sich trotzdem ganz natürlich verhalten. Sieben Jahre. "Aber alle wissenschaftlichen Fakten im Film sind korrekt. Das ist alles wirklich passiert." Nach Boesch sagt noch die große Dame des Schimpansen-Schutzes, Jane Goodall, ein paar Worte über das alles andere als friedliche Zusammenleben von Mensch und Natur.

Man hat das gute Gefühl, das die gefährdete Kreatur und diese Menschen, die ihr Leben der gefährdeten Kreatur widmen, dank des Unterhaltungsriesen Disney mehr Aufmerksamkeit bekommen, was hoffentlich zu größerem Schutz führt. Zumal Disneynature verspricht, "einen Teil der Einnahmen aus dem Ticketverkauf der ersten Startwoche" (also eher ein Bruchteil, aber für den Schimpansenschutz sicher ein Batzen Geld) der Wild Chimpanzee Foundation zur Verfügung stellen. Die sorgt gerade dafür, dass nicht auch noch die letzten zehn Prozent der urspünglichen Schimpansen-Population ausgerottet werden.

Sind wir Zuschauer wirklich so bekloppt?

Doch dann setzte der "Spiegel"-Artikel (im Heft deutlich länger) mit dem Titel "Disneys Menschenaffenmärchen" einen medialen Dominoeffekt in Gang, und plötzlich war Oscars Dschungel ein Lügensumpf: Im Film sind fünf verschiedene Oscars zu sehen, ein Affe heißt auch so, anders als das Original, das höchstwahrscheinlich tot ist, Affenbanden-Szenen aus verschiedenen Urwäldern wurden zusammengeschnitten, so und so ähnlich hieß es in den vergangenen Tagen. Diese Offenlegung feiert die Empörung über Disneys traditionelles Verständnis des Dokumentationsbegriffs. Eine tatsächlich unglückliche Wortwahl.

Aber Moment mal: Wer - nach auch nur fünf Sekunden Nachdenken - hält diese Filme eigentlich für ein wahres Abbild der Natur? Gibt es wirklich Menschen, die diese "Happy Feet"-Vision für bare Münze nehmen, für die Raubkatzen und Killerwale ganz liebreizende, friedliebende Kreaturen sind, die ihre Reißzähne am liebsten ablegen würden? Entschuldigung, aber sind wir Zuschauer wirklich so bekloppt?

Zu 100 Prozent wissenschaftlich akkurat

Also nochmal Christophe Boesch anrufen, der die Aufregung nicht wirklich versteht, da die Fakten stimmen und es eben ein Disney-Film ist. "Das emotionale Herz des Films ist die Adoption", und die habe es zur großen Überraschung und Begeisterung des Forschungsteams tatsächlich gegeben. Regisseur Alastair Fothergill ist etwas ungehaltener: Natürlich sei das "mehr als eine Dokumentation. Die Leute gehen für eine Dokumentation nicht ins Kino. Wir konkurrieren mit 'Iron Man 3'", sagte der Schüler von Tierfilm-Altmeister Sir David Attenborough im Gespräch mit stern.de. Auch er insistiert, dass die Geschichte zu 100 Prozent wissenschaftlich akkurat erzählt sei. "Das einzige, was mich unglücklich machen würde, wäre, wenn der Film den Leuten nicht gefällt."

Bleibt Disneynature-Chef Jean-François Camillieri. Der sagte jüngst der britischen Zeitung "The Guardian": "Wie in jedem anderen Film auch ist das Fundament entscheidend, und das ist die Geschichte. Eine gute Geschichte muss Gefühl haben, zuweilen Humor, man muss einem Charakter folgen, und dieser Charakter muss sich entwicklen. Aber unser einziges Ziel ist, auf der Leinwand die Geschichten zu zeigen, die die Natur uns gegeben hat."

Am Ende der ganzen Aufregung kann nur stehen, dass jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden muss, ob er mit dieser "verbesserten Natur-Erzählung" klar kommt oder nicht. Und Disney sollte noch mal über den Begriff Dokumentation nachdenken.

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