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1. Oktober 2008, 10:20 Uhr

Hier wurde Wall-E geboren

Ein Fernglas, zu viel Müll und Buster Keaton. Fünf Jahre lang hat Regisseur Andrew Stanton an seinem neuen Animationsabenteuer "Wall-E" gearbeitet. Und nun verzaubert ein kleiner Müllräumroboter die Welt. Ein Besuch in den Pixar-Studios. Von Giuseppe Di Grazia

© Pixar

Andrew Stanton denkt am liebsten über Dinge nach, auf die andere Leute nicht mal sturzbetrunken oder total zugekifft kommen. Er fragt sich zum Beispiel, wie eine Tischlampe schaut, wenn sie traurig ist, und wie, wenn sie glücklich ist. Er überlegt, ob sich ein Rennauto mit einem Abschleppwagen anfreunden kann. Oder warum eine kleine Ratte in Paris davon träumt, Koch in einem Fünf-Sterne-Restaurant zu werden, oder ob sich ein gekidnappter Clownfisch im Aquarium einer Arztpraxis langweilt. Und auch warum Spielzeuge eifersüchtig aufeinander sind und deshalb im Kinderzimmer einen Kleinkrieg anzetteln.

Er kann das stundenlang, der Regisseur Andrew Stanton, er kann sich darin so vertiefen, dass am Ende fast immer eine Filmidee geboren wird. Die packt er dann in seine Schatzkiste, für später, für irgendwann. Seine bisher abgedrehteste Idee hatte er 1994: Wall-E. Er musste 14 Jahre und einen Oscar lang warten, bis er seine apokalyptische Liebesgeschichte vom einsamen Müllroboter endlich verfilmen durfte.

Lauter Goldstücke

Allein in den USA hat der neue Animationsfilm der Pixar-Studios schon 220 Millionen Dollar eingespielt, weltweit 343 Millionen. Auch in Deutschland lief er vorige Woche mit großem Erfolg an. Es sieht so aus, als lägen in Stantons Schatzkiste lauter Goldstücke.

Andrew Stanton sitzt in einem fensterlosen Zimmer in der ersten Etage der Pixar-Studios in Emeryville nahe San Francisco. An der Wand hängt die Geschichte von Wall-E. Erste, mit Bleistift gescribbelte Entwürfe, dann immer feinere, detailliertere Farbzeichnungen bis hin zu den abfotografierten Modellbauten. Stanton ist 42 Jahre alt, sieht aber immer noch aus wie ein Jugendlicher. Er sagt Sätze wie: "Wir denken zuerst verrückt, normal können wir später immer noch werden." Es ist diese Philosophie, die Pixar stark macht, ungewöhnlich, unberechenbar, erfolgreich.

"Wall-E" ist der neunte Film von Pixar, der neunte Hit. Mit jedem werden sie mutiger: In den ersten 40 Minuten von "Wall-E" wird nicht ein einziges Wort gesprochen. Wall-E ist ein Roboter - kein besonders intelligenter, er ist bloß eine Müllräummaschine. Er räumt auf der von den Menschen verlassenen Erde auf, presst ihren Müll in Würfel und stapelt sie zu Türmen, die mittlerweile so hoch sind wie die Wolkenkratzer, neben denen sie stehen. Wall-E ist seit 700 Jahren allein. Er scheint sich einsam zu fühlen. Das klingt düster.

Ein Freund von Nemo und Woody

Pixar macht Filme für Erwachsene und hofft, dass sie auch Kindern gefallen. Die Pixar-Leute haben den Animationsfilm neu erfunden. Es sind reife, sensible Geschichten, die sie auf die Leinwand zaubern, mit Helden, die uns nicht nur belustigen, sondern berühren, nachdenklich machen. Wall-E ist in diesem Sinne ein Freund von Luxo, der Lampe, von Nemo, dem Fisch, von Remy, der Ratte, von Lightning McQueen, dem Rennauto, von Woody, der Cowboy-Puppe.

Die Idee zu "Wall-E" kam Stanton beim mittäglichen Herumspinnen mit den Kollegen: Was passiert eigentlich, wenn die Menschen die Erde verlassen? Wer und was bleibt zurück? Ein kleiner Roboter. Warum? Warum nicht? "Ich verliebte mich sofort in diese Figur", sagt Stanton. Dann dachte er: Das lässt uns kein Studio der Welt machen. Doch wenn man seinem Produzenten mit einem Film wie "Findet Nemo" mehr als 800 Millionen Dollar einbringt, vertraut der einem auch beim nächsten Projekt. Stanton durfte 2003 mit "Wall-E" beginnen.

Die Idee zu "Wall-E" kam Regisseur Andrew Stanton beim Baseball-Spiel© Pixar

"Wir brauchten sein Gesicht. Das Aussehen prägt die Figur", sagt er. Woher kam die Eingebung? Stanton: "Beim Baseball." Er saß auf der Tribüne und hatte ein Fernglas in der Hand. Er spielte an der Knickbrücke herum, wo der Augenabstand eingestellt wird, drehte die Rohre hin und her. Es sah aus, als könnte man damit selbst ein Gerät lebendig werden lassen. Es sah aus, als könnte man daraus einen neuen Pixar-Helden machen. So tickt Andrew Stanton.

Der Name "Wall-E" steht für "Waste Allocation Load Lifter, Earth Class". Das heißt so viel wie Müllentsorger, Erdklasse. Der Roboter spricht nicht, er gibt Laute von sich, aber jeder versteht ihn. Er hat kein Gesicht, er hat nur diese Fernglasaugen, aber es sind Augen, in denen man Angst und Sehnsucht, Glück und Liebe zu finden meint. Wall-E ist wohl der menschlichste Roboter, den man je auf der Leinwand gesehen hat.

Was hätte Buster Keaton gemacht?

Das Gegenteil von Wall-E ist Eve. Wall-E hat die Form eines kleinen Würfels, Eve ist oval, sie ist edel, elegant, inspiriert vom Apple-Design. Wall-E sieht man an, was er denkt. Eve ist geheimnisvoll. Er ist eine Müllpressmaschine, sie das vollkommene Hightech-Produkt. Sie haben nicht mal eine gemeinsame Sprache. Der Sounddesigner Ben Burtt hat ihnen eine akustische Identität einprogrammiert. Burtt ist der Geräuschemacher aller "Star Wars"-Filme, er sammelt Tausende von Lauten, und wie schon R2-D2 hat er nun auch Wall-E und Eve eine Seele gegeben.

Stanton erzählt in "Wall-E" eigentlich eine Liebesgeschichte. Die Szenen zwischen Wall-E und Eve sind große Kinokunst, voller Poesie. Sie erinnern an die Meisterwerke des Stummfilms. Stanton erzählt: "Andere Animationsfilme interessieren uns nicht, wir wollen keine Kopie der Kopie. Unsere Vorbilder sind Chaplin und vor allem Keaton. Wall-E ist eine Buster-Keaton-Figur."

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