Christian Ulmen hat einen beeindruckenden Slalom zwischen Fernsehen und Kino hingelegt. Nun wird sein Frühwerk auf DVD veröffentlicht. Er hat das stern.de-Interview genutzt, um mal zu sagen, was bei ihm Sache ist - von Diätwahn über Nokia-Syndrom bis zum Kunststück des Verschwindens.

Ein reflektierendes Blick zurück auf sein Frühwerk: Christian Ulmen, Moderator und Schauspieler, der durch seine Shows auf MTV bekannt wurde© Kai Schulz/ProSieben
Mitte der 90er Jahre nahm die Karriere Ulmen Gestalt an. Der MTV-Moderator nutzte die Freiheiten des Musiksenders für anarchische, kleine Formate, die als Einspieler seine Sendungen schmückten, die ihm eine große Fangemeinde einbrachten.
Ob als heulender Polizist am Wegesrand, der mit seinem Gefühlsausbruch Passanten erschreckt oder in der Chaos-Kombo "Tweety und Schotte", in der Ulmen als gelber Vogel verkleidet seinen Mitmenschen so lange auf die Nerven ging, bis sie sich - in welcher Art auch immer - auf ihn einließen: Der Moderator und Schauspieler hat eigene Konzepte geschaffen. Den "Frühen Ulmen" gibt es nun auf DVD. Grund für ein ausführliches Gespräch.
Christian Ulmen: Wollen Sie einen Keks?
Ich fühle mich nicht alt, im Gegenteil, ist doch schön, dass es eine Phase gibt, die man schon beendet hat. Da weiß man, das ist abgeschlossen, und damit hat man nichts mehr am Hut.
So eine Mischung. Ich neige ja eigentlich nicht dazu, wehmütig zurück zu blicken, aber das war schon eine ganz tolle Zeit. Wir konnten bei MTV machen, was wir wollten, das wurde bundesweit ausgestrahlt - und in Österreich und der Schweiz. Das hat nie wirklich jemand kontrolliert. Die Senderverantwortlichen haben zwar ihr Feedback gegeben, aber doch hatte ich immer das Gefühl: So richtig mit beiden Augen hingeguckt haben die nie. Das war toll.
Ok.
Da neige ich heute immer noch zu. Wenn die Zeit knapp wird, wenn irgendwas nicht passiert, dann werde ich hysterisch. Aber ich bin introvertiert hysterisch. Das äußert sich in stoischer Ruhe und Gelassenheit...
Ja, es richtet sich nach innen: Schmerzen, Krämpfe, Depressionen.
Aufgehört! Ich rauche seit zweieinhalb Jahren nicht mehr.
Weiterhin... [denkt nach] weiterhin!
Weil ich eben eigentlich immer abnehmen will und immer darüber nachdenke, wie viel ich eigentlich esse, aber dabei immer esse! Es ist wirklich verrückt. Seitdem ich mir darüber Gedanken mache abzunehmen, nehme ich zu. Na, den einen Joghurt noch, wie viele Kalorien hat der denn, wird nicht so viel sein. Oder auch so ein Keks. Da denkt man sich "Ich esse jetzt Kekse, und dafür verzichte ich heute Abend auf Spaghetti". Dann isst man den Keks, und am Abend sagt man sich "Na gut, eine Portion Spaghetti, wie viel Punkte hat das bei Weight Watchers? Drei? Kann ich mir leisten."
Auch. Ich kenne zumindest das Punktesystem. Ich wende so viele Diäten gleichzeitig an, dass nichts mehr funktioniert.
Dafür bin ich zu lustlos. Ich bin wirklich nicht faul, weil ich gerne und viel arbeite, aber ich habe auf Sport überhaupt keine Lust. Es langweilt mich zu Tode zu laufen. Ich finde Sport ganz unerträglich ätzend.
Und das kann ich eben auch nicht. Ich finde, ich sah in "Herr Lehmann" besser aus als in "Der Fischer und seine Frau". Nicht, dass ich übertrieben eitel wäre, aber wenn ich darüber nachdenke, dann habe ich mich weniger fülliger lieber gemocht.
Ja, wie gesagt, die Depressionen. Das ist so ein Kommen und Gehen. Im Herbst kommt die Schwermut.
Man kann ja gar nicht nicht kokett sein, wenn man in irgendeiner Form etwas in der Öffentlichkeit macht. Da ist alles Koketterie. Ist Koketterie eigentlich negativ? Es ist eine negativ anmutende Beschreibung für Darstellerei. Aber das ist ja die Aufgabe, die man hat.
Beim Ende von "Six Feet Under" [US-Fernsehserie], bei der allerletzten Folge habe ich geweint. Das ist wirklich ein Meisterwerk! Irgendwann fängt es dich, und dann bist du süchtig.
[rattert runter] Mein Name ist Christian Ulmen, ich bin Moderator, und deshalb dazu gezwungen euer Freund zu sein, kommt, wir spielen...
Die sind total spielfreudig! Das merkt man auch an diesem ganzen Web-2.0-Gedöns. Da spielen die ja alle mit. Die Leute wollen unbedingt spielen. Mehr denn je habe ich den Eindruck.
Ja, über das Internet, da passiert ganz viel. Da findet vielleicht auch das statt, was wir früher als junge Menschen über MTV gemacht haben. Das war unsere Jugendleitkultur, das passiert heute im Netz. Da haben jetzt alle ihre Myspace-Seiten, Youtube und so weiter. Mehr Interaktion geht ja gar nicht
Das kann auch ein Riesenzufall gewesen sein, aber als wir für die DVD Sachen nachgedreht haben, sind wir nur attackiert worden. Die Leute haben keinen Spaß verstanden. Dabei war Sommer, die Sonne schien, es war Wochenende. Wir haben "Tweety und Schotte" gemacht, und bei allem, was wir machten, fast jedes Mal hat jemand damit gedroht, uns aufs Maul zu hauen. Ein paar Mal haben Leute uns angegriffen.
Wir waren überall: in Berlin-Biesdorf, in Mitte, in Charlottenburg. Es war wirklich wie verhext. Es kann aber auch sein, dass die Leute inzwischen einfach wissen "Ok, das ist Comedy. Das sind irgendwelche Typen vom Fernsehen, die machen,..."
"Die machen jetzt Quatsch. Haut ab!" Ich hab keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht ist es auch das Nokia-Syndrom, dass die Leute Angst um ihren Job haben. Das Klima schien jedenfalls rauer.