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15. Februar 2008, 18:15 Uhr

Keine Folter, sondern Standard

Die Fotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib lösten 2004 einen Skandal aus: Amerikanische Soldaten misshandeln irakische Gefangene. Anhand der Bilder entlarvt Oscar-Preisträger Errol Morris dies als ganz normalen Gefängnisalltag. Sein Film "Standard Operating Procedure" läuft auf der Berlinale als einziger Dokumentarfilm im offiziellen Wettbewerb. Von Bianca Kopsch

Errol Morris spürte in "Standard Operating Procedure" den Vorgängen im Militärgefängnis Abu Ghraib nach© Nubar Alexanian/AP

"Standard Operating Procedure" bedeutet auf Deutsch soviel wie "Standardarbeitsanweisung". Ein ganz normales, legales Verhörverfahren kann nach Einstufung des amerikanischen Militärs beispielsweise so aussehen: Ein Mann steht auf einem wackeligen Karton. Er trägt eine schwarze Kutte mit Kapuze, die sein Gesicht verdeckt. Die Arme hält er seitlich ausgestreckt, in jeder Hand einen Draht. Er glaubt, die Drähte seien elektrisch geladen und eine Veränderung seiner Haltung führe zu einem Stromschlag. So steht er da. Und rührt sich nicht. Eine eindrucksvolle Pose für ein ausdrucksstarkes Foto. Das dachten sich im Herbst 2003 offenbar anwesende amerikanische Wärter im irakischen Gefängnis Abu Ghraib und drückten den Auslöser ihrer Digitalkamera. Das Bild ging schließlich um die Welt - und löste einen Skandal aus.

Dabei war hier nach Definition des US-Militärs keinesfalls Folter zu sehen. Genauso wenig wie auf den Fotos von irakischen Gefangenen, nackt angekettet an Bettgestelle oder Zellengitter, in schmerzhaft verrenkten Positionen, einen Frauenslip über Kopf und Gesicht gezogen. Das ist demnach alles noch legale Verhörmethode, ganz normales Vorgehen, im Militärjargon "Standard Operating Procedure" genannt, erklärt ein ehemaliger Ermittler des amerikanischen Militärs im gleichnamigen Dokumentarfilm des amerikanischen Regisseurs Errol Morris. Tagesgeschäft sozusagen, Standard eben.

Fotos bekommen im Film einen visuellen Stempel aufgedrückt

Die Bilder der nackten irakischen Gefangenen aufgetürmt zu einer Menschenpyramide in sexueller Pose oder angegriffen durch Militärhunde oder auf dem Boden liegend an einer Hundeleine gehalten, das wiederum seien "kriminelle Handlungen", erläutert der Militärexperte. Nach seiner Klassifizierung bekommen die Fotos im Film einen visuellen Stempel aufgedrückt: Einige werden als "Criminal Act" gekennzeichnet, viele lediglich als "Standard Operating Procedure". Unfassbar.

Worum geht es hier eigentlich? Der Film hat sich zur Aufgabe gemacht, der wahren Bedeutung dieser Fotos nachzuspüren und deren Hintergründe zu entlarven. Dabei kommen auch die Fotografen zu Wort: einfache amerikanische Soldaten, die ihren Gefängnisalltag mit der Digitalkamera festgehalten haben. Die sich für die Kameras breit grinsend, ihre Daumen triumphierend nach oben gestreckt vor erniedrigten, misshandelten und zu Tode gefolterten Irakern selbstbewusst in Szene setzen. Viele der sadistischen Szenen scheinen eigenes von ihnen für die Kamera arrangiert. Schuldig fühlen sich die Soldaten scheinbar nicht.

Sie halten sich für die Sündenböcke eines etablierten Systems

Ihre emotionslosen Kommentare sind schwerer zu ertragen als die grausamsten Bilder: "Wir haben die doch nicht einfach umgebracht, erschossen oder ausbluten lassen...", "Jetzt sitzt einer von uns für 10 Jahre im Gefängnis - wegen nichts...", "Du kannst im Gefängnis alles machen, Du darfst es nur nicht fotografieren! Das ist einfach dumm...", "Von den schlimmsten Sachen gibt es sowieso keine Fotos...", "Ich wollte doch immer nur ein netter Typ sein und mit niemandem anecken...", "Das war eben einfach normal...". So oder so ähnlich artikulieren die ehemaligen Gefängnisaufseher ihre ignoranten Ansichten gerade heraus in die Kamera, direkt ins Angesicht des Zuschauers.

Sie lassen keinen Zweifel daran: Sie halten sich für die Sündenböcke eines etablierten Systems. Anfangs seien sie geschockt oder irritiert gewesen über die Zustände in Abu Ghraib, erzählen einige der ehemaligen Soldaten. "Aber weil die gängigen Praktiken dort auch nicht verheimlicht wurden, dachte man auch nicht, dass es etwas Verbotenes war und hat sich schnell daran gewöhnt", erklärt ein anderer. Egal, ob von den Vorgesetzten wissentlich geduldet oder ausdrücklich gewünscht, viel gesprochen wurde darüber, laut den Soldaten, nicht. Das war die Normalität, darüber sind sie sich alle einige. Standard eben.

Der ganz normale Gefängnisalltag in Abu Ghraib

In eindringlichen Nachinszenierungen werden Demütigung und Folter im Film zum Leben erweckt. Grobkörnige Detailaufnahmen von zähnefletschenden Militärhunden, schreckensverzerrte Gefangenengesichter, bewegte Kamera, durchdringender Sound... Das steigert die Dynamik, wäre aber angesichts der Ausdrucksstärke der stummen Beweisfotos nicht nötig gewesen.

Auch die graphisch aufwendig erstellte Zeitleiste, in die die Fotos im Film immer wieder eingeordnet werden, soll in ihrer ausgefeilten Ästhetik etwas visualisieren, was sich durch die Bilder in Kombination mit den Interviews ohnehin immer deutlicher als Erkenntnis beim Zuschauer durchsetzt: Es geht hier nicht um Einzelfälle, um Ausnahmevergehen einiger weniger Soldaten - um "bad apples", wie die amerikanische Militärführung gerne sagt, also um ein paar "schwarze Schafe". Es geht hier um den ganz normalen Gefängnisalltag in Abu Ghraib, denn im "Kampf gegen den Terror" und auf der Jagd nach Saddam Hussein wuchsen offenbar die Grauzonen dessen, was bei Verhören erlaubt und was verboten war. Vieles davon im Schatten eines Begriffes: "Standard Operating Procedure".

Dass ihnen diese Normalität schließlich zum Verhängnis wurde, können die Gefängniswärter von damals heute noch nicht verstehen. Man habe schließlich den Befehl gehabt, die Gefangenen "weichzukochen", sagt eine der ehemaligen Aufseherinnen. Einige von ihnen wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Höhere Offiziere wurden jedoch nicht strafrechtlich belangt, heißt es im Film. Dass sie als einfache Soldaten für ein System zur Rechenschaft gezogen werden, das sie nicht selbst geschaffen, sondern "nur" getragen haben, erscheint ihnen ungerecht. Manche von ihnen ahnen, was dahinter steckt: Sie sind nicht in erster Linie für die Taten bestraft worden, die auf den Fotos zu sehen sind, sondern für deren Dokumentation durch ihre Kameras. Damit haben die Soldaten dem Image der USA erheblich geschadet. Jetzt müssen sie büßen.

Ihre Schuld wollen sie einfach weiterschieben

Der preisgekrönte Dokumentarfilmer Errol Morris hat darauf verzichtet, hochrangige US-Militärs oder amerikanische Regierungsmitglieder vor die Kamera zu holen. Auch ehemalige irakische Gefangene kommen in seinem Film nicht vor. Doch die Aussagen der einfachen Soldaten kommentieren sich quasi selbst: Sie zeigen keine Reue und erwecken beim Zuschauer daher auch kein Mitgefühl. Sie wollen ihre Schuld einfach weiterschieben.

Dennoch ist es erschreckend, dass für Behandlungen, die nach gesundem Menschenverstand wohl überwiegend als Folter eingestuft werden, nicht mehr direkt oder indirekt Beteiligte zur Rechenschaft gezogen werden. Aber um das, was vom US-Militär schlicht als "Standard Operating Procedure" bezeichnet wird, machen die USA kein unnötiges Aufhebens. Es ist ja ihrer Definition zufolge nichts besonderes. Keine Folter, sondern Standard.

Von Bianca Kopsch
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Reality (16.02.2008, 14:41 Uhr)
Es kann manchesmal sehr hilfreich sein viel zu lesen....
Ich empfehle allen die sich hier so sehr für Israel ereifern, doch bitte, bei aller Sympathie für Israel, die auch ich hege, mehr über das Thema Palästina zu lesen.
Besonders zu empfehlen ist das Buch der amerikanischen Autoren.:
John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt.
"Die Israel Lobby"
Übrigens ein Bestseller.!
So aktuell, daß sogar noch auf Dinge Bezug genommen wird, die sich im Frühjahr 2007 ereigneten.
bj_berlin (16.02.2008, 11:56 Uhr)
@dutchinmex
"Israel uebrigens tut auch sein bestes, das zu kopieren und auszufuehren was die Nazis in '44/'45 machten"
ERZÄHLEN SIE HIER MAL KEINE SCH***SE! Sind Sie bescheuert? Was Sie hier schreiben ist falsch, widerlich und verlogen! Ich bin vor soviel Dummheit von Ekel erfüllt!
Schönen Tag noch ...
bj_berlin
gmathol (16.02.2008, 05:32 Uhr)
Die niemals Schuld Nationen: USA, Israel und Grossbritannien.
Bestraft werden immer noch alte Nazis, ehemalige angebliche jugoslawische Kriegsverbrecher und was man sonst noch finden kann und was nicht die anglo-amerikanische Wirtschaft stoert.
Die USA - hier zum Mitschreiben - sind eine Militaerdiktatur und die angeblichen Wahlen entsprechen nicht mal dem lausigen Standard der ehemaligen Sowjetunion.
Hat sich jemand schon mal gefragt warum es keine US Direktwahlen fuer das Praesidentenamt gibt? Warum man dieses verkorkste System der Ernennung der Kandidaten hat und dann auch noch Wahlmaenner braucht um den vom Volk "gewuenschten" Kandidaten zu ermitteln.
Wuerde Russland ein solches US Wahlsystem praesentieren waere das Geschrei ueber Wahlmanipulationen laut.
Uebrigens hat der US Praesident die Macht eines Diktators. So eine Machtbuendelung hat es nicht einmal im III. Reich gegeben.
Viel Spass noch. Die Amis sollten endlich aus Europa abziehen, da die Russen dies auch taten.
dutchinmex (16.02.2008, 00:55 Uhr)
Fast alles,
was die VSer in Iraq machen, ist das, was einer ihrer Richter in den Nuernberger Prozessen als Kriegsverbrechen klassifizierte. Israel uebrigens tut auch sein bestes, das zu kopieren und auszufuehren was die Nazis in '44/'45 machten c.q. vorhatten: Alle Polen und Hollaender umsiedeln und Holland bei Deutschland einleiben (jetziges Aequivalent: Westbank), und den Zugang nach Holland abgrendeln damit die Bevoelkerung verhungere (jetzt: Gaza). Man kann nicht sagen, daß Zionisten nicht lehrgierig sind.
Reality (15.02.2008, 22:46 Uhr)
Amerika armes Amerika....
Man muß einfach Mitleid empfinden mit dem Amerikanischen Volk.
Ein so großartiges Volk, das sich in der Vergangenheit so vorbildlich zu entwickeln schien, ist in einen Strudel geraten der schlimmer nicht sein könnte.
Das Land verliert ständig an Ansehen in der Welt, was den Anspruch auf Ethik und Moral angeht.
Nicht ohne Grund wohl ist Amerika der stärkste Opponent des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag.
Was hat Amerika noch vor ?
Oder was verbirgt oder verheimlicht es ?
Warum ist Amerika heute so wie es ist ?
heartlander98 (15.02.2008, 21:10 Uhr)
Shame
Früher dachte ich, der Westen, das sind die Guten, die Schlechten, das sind die Anderen...
Zivilisierte Nationen dürften NIEMALS Folter zulassen. In der kulturellen Entwicklung der Menschheit war das ein Sieben-Meilen-Schritt zurück. Es ist so eine Schande. Bush und Rumsfeld erfüllen die Kriterien, Kriegsverbrecher zu sein.
screne (15.02.2008, 19:34 Uhr)
Standard
Bei den Nazis war Judenvergasung auch Standard. Den USA fehlt einfach die Einsicht, dass das, was sie tun, kriminell ist. Auch wenn für einen Kriminellen sein Tun normal und standard ist, muss sie es nicht zwangsläufig auch sein.
Der Film (bzw. die gezeigten Subjekte) sind jedenfalls ein gutes Beispiel dafür, wie verkommen viele Menschen dort sind.
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