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Die Drei von der Zankstelle

Studio Braun waren bisher kleiner Kult. Der wird jetzt ganz groß. Mit einem echten Kinofilm über eine falsche 80er-Jahre-Band rocken sie das Kino - bis alle heulen.

Von Matthias Schmidt

  Studio Braun machen jetzt Mainstream: Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger (v. l. n. r.)

Studio Braun machen jetzt Mainstream: Heinz Strunk, Rocko Schamoni und Jacques Palminger (v. l. n. r.)

Es ist eine dieser braunen Stunden. Wieder mal zu kalt, zu müde, zu viel Stress und überhaupt. Heinz Strunk ist frei schaffender Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker. Wenn Erfolg ein Gradmesser für gute Stimmung wäre, müsste Strunk frohlockend über eine Blumenwiese tänzeln. Doch an diesem trüben Montag im Oktober kann ihn selbst die Anwesenheit seiner zwei besten Freunde Rocko Schamoni und Jacques Palminger kaum aufheitern. Dann läuft ihm Make-up ins Auge. Es brennt. Strunk leidet und raunzt: "Sind wir bald mal fertig?".

Studio Braun, das Humorkollektiv mit dem Strunk, Schamoni und Palminger seit nunmehr fast 15 Jahren eine stetig wachsende Fangemeinde bespaßen, heißt nicht umsonst so. "Wir sind alle ein wenig melancholisch veranlagt", sagt Schamoni. "Bei mir ist die eine Hälfte Zweifel, die andere Hälfte Angst und der Rest ist Tischmüll", sagt Palminger. Strunk rutscht genervt in seinem Sessel hin und her und verdreht die Augen. Seit sie sich kennen, ging es bei vielen Treffen oft um nichts anderes, als "wie Scheiße gestern wieder war", erzählen sie. "Und dann schlagen wir aus dem Schacht des Trübsals das braune Gold." Das Shooting ist vorbei, Strunk ist erleichtert. "Ja, echt viel Arbeit gerade", sagt er. "Aber trotzdem doch besser als früher, als nie was zu tun war."

Ein bisschen Dada

So viel zu tun wie momentan hatte das Trio tatsächlich noch nie. Galt doch Studio Braun lange Zeit als Hamburger Geheimtipp. Eine lokale Spezialität, die zur Stadt gehört wie die Ritze zur Reeperbahn. Doch außerhalb von St. Pauli und Subkultur war ihr überdrehter, herrlich lakonischer Stil nur wenigen Eingeweihten ein Begriff. Strunk und seine Freunde sind Eigengewächse der hanseatischen Musikszene, in der Clubs "Golden Pudel" heißen und Bands "Dackelblut" oder "Blumen am Arsch der Hölle", ein Milieu, welches schon immer einen ausgeprägten Hang hatte zu Dada und Komik.

So war es wohl unvermeidlich, dass sie sich früher oder später über den Weg liefen: Strunk, mürrischer Saxofonist aus Harburg bei Hamburg, Schamoni, ehemaliger Waldpunk mit Töpferlehre aus Lütjenburg in Schleswig-Holstein und Palminger, Bürgersohn aus Borken bei Münster, der in Punkbands trommelte. Man mochte sich. Nicht von Anfang an, aber man teilte Interessen. Eine Vorliebe für Anzüge, die altmodisch aussehen und doch immens cool. Für getönte Brillen und elegante Gesten. Und für einen Humor, der oft auf Pointen verzichtet und intellektuelle Haken schlägt. Immer wenn man glaubt, man hat kapiert, wohin der Hase gerade läuft, geht es sofort um die nächste Ecke. "Wir wollen die Leute unterhalten und ausbrennen", beschreiben sie ihren Anspruch und drechseln weiter an ihren absurd-komischen Wortspielen, die Sprachbinsen mit Bürokratendeutsch vermengen, stumpfe Tresensprüche mit Politikerstanzen und, wenn gar nichts mehr geht, auch mal zum Kalauer greifen - "Zugbrücke hoch, jetzt wird gebohnert".

Der Mann mit dem Koks ist da

Ganz genau genommen sind Studio Braun ursprünglich eine Art Casting-Band. Ein umtriebiger Pop-Manager suchte Ende der 90er nach einer deutschen Antwort auf die derben Telefon-Gags einer New Yorker Comedy-Truppe und fragte das befreundete Gespann, ob sie nicht Lust hätten. Hatten sie. Bald traf man sich regelmäßig in einem alten Teppichlager im Industriegebiet, an einem Tisch ausgestattet mit Wählscheibentelefon, Telefonbuch und einer Kiste Bier, und versuchte sich in rhetorischen Überrumpelungsaktionen. Anruf beim Kohlenhändler: "Guten Tag, wir würden gern Koks bestellen. So um die 100 Gramm, das ist bei uns eine Geldfrage." Oder man gab Kleinanzeigen auf wie "Motorsäge zu verschenken" und trieb dann Schabernack mit besonders eifrigen Abstaubern.

Fünf CDs mit Streichen entstanden so und ein neues Genre, das bald vom Privatradio adoptiert und misshandelt werden sollte. Studio Braun, der Name sollte damals vor allem nach Herrenfrisör klingen, wurde zum Gütesiegel für psychedelische Unterhaltung, die Tiefsinn und Schwachsinn gekonnt verquirlt. Die Jugenderinnerungen von Strunk ("Fleisch ist mein Gemüse") und Schamoni ("Dorfpunks") entwickelten sich wenig später zu Buch-Bestsellern, Braun'sche Theaterinszenierungen wie "Rust - ein deutscher Messias" sorgten am Hamburger Schauspielhaus, Deutschlands größtem Sprechtheater, regelmäßig für einen ausverkauften Saal.

  "Sie arbeiten sehr uneitel und auf Augenhöhe. Das ist sehr ungewöhnlich in der Unterhaltungsbranche", sagt Regisseur Lars Jessen.

"Sie arbeiten sehr uneitel und auf Augenhöhe. Das ist sehr ungewöhnlich in der Unterhaltungsbranche", sagt Regisseur Lars Jessen.

Affe sucht Liebe

Und nun also ganz Deutschland: Der aktuelle Höhepunkt des Schaffens von Studio Braun läuft mit 50 Kopien bundesweit im Kino. Er heißt "Fraktus" und erzählt im Stil einer ehrfürchtig raunenden Dokumentation von Aufstieg und Fall der gleichnamigen Band. Drei Jungs aus Brunsbüttel, die als Techno-Erfinder gelten, Größen wie Yello und Trio, New Order und Westbam inspiriert haben sollen, und sich 1983 nach einem tragischen Konzert-Unfall auflösten. Ein energischer Musikmanager will sie zum Comeback überreden und reist dafür bis nach Ibiza.

Was daran so komisch ist: Fraktus hat es nie gegeben. Und Strunk, Schamoni und Palminger schlüpfen mit Detail versessener Inbrunst in die Rollen der angeblich in Vergessenheit geratenen Pioniere, die sich am laufenden Band in aberwitzige Situationen manövrieren. Bis am Ende ihr Manager (Devid Striesow) aus lauter Frust und mit einem Dönerspieß Amok läuft. Und der echte Erfolgsproduzent Alex Christensen ("Right Said Fred"), der vom einzigen Fraktus-Hit "Affe sucht Liebe" einen zeitgemäßen Remix machen soll, wirft die trottelige Truppe freundlich aber bestimmt aus seinem hypermodernen Studio, löscht deren Originalspuren und verwendet lieber eigene Beats und eine eigene Sängerin.

"Die Urväter des Techno"

Eine Welt, ihre Eigenarten und Charaktere genau beobachten, sezieren und überhöhen, sie liebevoll zu persiflieren und doch ernst zu nehmen, dass können Studio Braun wie sonst nur Gerhard Polt oder Dittsche. Das Angenehme bei Studio Braun sei, sagt Lars Jessen, der Regisseur der Fraktus-Doku: "Dass keiner ein Hirschgeweih aufhat. Sie arbeiten sehr uneitel und auf Augenhöhe. Das ist sehr ungewöhnlich in der Unterhaltungsbranche."

Weil Studio Braun den Wahnsinn gerne auf die Spitze treibt, wird es nicht bei der gefälschten Dokumentation bleiben. Die zwölf besten Songs der "Urväter des Techno" erscheinen auf CD, es gibt Interviews und Titelgeschichten in Musikzeitschriften und Stadtillustrierten, aber immer in der Rolle der verkrachten Fraktus-Mucker, den Drei von der Zankstelle. Und zur Zeit tourt "der letzte große Mythos der deutschen Popgeschichte" in Originalbesetzung durch die Republik, wobei beim ersten Konzert in Hamburg einige junge Hipster dachten, da vorne auf der Bühne feiere gerade tatsächlich eine Legende ihr Comeback und sie dürften live dabei sein.

Mit ihrem Film sind Strunk, 50, Schamoni, 46, und Palminger, 48, nicht nur künstlerisch erwachsen geworden. "Ich muss nicht mehr nächtelang über den Kiez laufen, mich total vollkippen und mit Drogenleuten rumhängen", sagt Schamoni. "Ich denke über Krankheiten nach", sagt Strunk. "Im Alter werde doch alles spannender", hält Palminger dagegen. Inzwischen komme es durchaus mal vor, dass er morgens aufwache und ausgezeichneter Stimmung sei. Wer sich Fraktus anschaut, den lustigsten deutschen Film seit sehr langer Zeit, wird das verstehen.

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