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22. Februar 2006, 12:23 Uhr

Von Schafen, die sich in Löwen verwandeln

Fünf Handlungsstränge, ein Geflecht aus Intrigen im globalen Ölgeschäft, dutzende Schauplätze, unterschiedliche Perspektiven - wer den spannenden Politthriller "Syriana" verstehen will, braucht eine Gebrauchsanweisung. Von Kathrin Buchner

Als Bob Barnes zwei Waffenhändler ermordet, gerät eine Stinger-Rakete in die Hände eines geheimnisvollen blauäugigen Amerikaners© Warner Bros.

"Ich habe in meiner Firma eine Horde von Schafen, die sich für Löwen halten. Vielleicht sind Sie ein Löwe, den alle für ein Schaf halten". Während er seine Rosen schneidet, sagt Dean Whiting (Christopher Plummer), Chef einer Anwaltskanzlei und einer der mächtigsten Männer in Washington, dies zu seinem neuen Angestellten Bennett Holiday (Jeffrey Wright). Holiday soll die Übernahme der Firma Killen durch den Konzern Connex untersuchen. In diesen zwei Sätzen liegt wohl die Quintessenz von "Syriana", diesem monumentalen Werk von Stephen Gaghan. Schafe, die zu Löwen werden, aber auch Löwen, die zum Opferlamm degradiert und der Meute preisgegeben werden.

Selbst der kleine Arbeiter aus Pakistan mutiert zum "Bösen" und fährt offenen Auges mit seinem Fischerboot in den Märtyrer-Tod. Aber nicht unter allen blütenweißen Gewändern der arabischen Potentaten verbergen sich schwarze Seelen. Schließlich hegt Prinz Nasir (Alexander Siddig) die Illusion, in seinem Land eine menschenfreundliche Demokratie errichten zu können. Wenn es eine Kontinuität in diesem fünf Handlungsstränge umfassenden, überaus komplexen Werk von Stephen Gaghan gibt, dann ist es die Erkenntnis, dass man mit längst überholten schwarz-weißen Denkschablonen nicht weit kommt in dieser globalisierten Welt. Und diese Erkenntnis ist mittlerweile auch in Hollywood angekommen.

15 Kilo für die Spion-typische Unscheinbarkeit

So wird CIA-Agent Bob Barnes, der in seiner langjährigen Karriere so manchen Menschen im Namen der amerikanischen Freiheit getötet hat, selbst zum Opfer: Als er nach der Folter in einem weißgekachelten, wie ein Schlachthaus anmutendem Raum in seinem eigenen Blut liegt, gleicht er einem gekreuzigten Jesus. Er muss erkennen, dass er jahrelang wie eine Schachfigur von seinen Auftraggebern hin- und her geschoben wurde. Beachtenswert: Um seiner Rolle als altgedienter Agent mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, hat George Clooney ordentlich zugelegt, nämlich 15 Kilo an zusätzlichem Gewicht und einen Vollbart – und überzeugt durch seine für einen Spion typische Unscheinbarkeit.

Im Mittelpunkt von "Syriana" steht allerdings keine Person, sondern eine Firma, genauer gesagt, die gigantische Fusion zweier Energiekonzerne und die Folgen. Die kleine texanische Ölfirma Killen hat gerade unter mysteriösen Umständen die hart umkämpften Bohrrechte für die Ölfelder in Kasachstan ergattert. Da der eigentlich viel größere Energie-Konzern Connex seine Erdgas-Bohrrechte am persischen Golf verloren hat, sucht er neue Betätigungsfelder. Sehr zum Unmut der Amerikaner hat Prinz Nasir, potentieller Thronfolger des Emirs eines der Ölförderländer im Nahen Osten, die Bohrrechte an die mehr Geld bietenden Chinesen verkauft.

Kooperation oder Korruption?

Dieses Geld will der charismatische und reformwillige Prinz in die Infrastruktur seines Landes stecken. Er träumt von einem modernen Staat mit Gleichberechtigung und Volksbeteiligung. Unterstützt wird er in seinen Ideen von Energie-Analyst Bryan Woodman (Matt Damon), dessen kleiner Sohn bei einem Besuch des Emir-Anwesens in Marbella im Swimmingpool ertrinkt. Als Wiedergutmachung unterbreitet der Prinz dem Analysten Woodman einen millionenschweren Geschäftsdeal.

Unterdessen bekommt CIA-Agent Barnes den Undercover-Auftrag, Prinz Nasir zu ermorden, Gleichzeitig setzt Connex-Anwalt Whiting den alten Emir unter Druck, nicht Nasir, sondern den jüngeren, leichtfertigen Bruder Prinz Meshal (Akbar Kurthar) als Thronfolger einzusetzen, da er mit den USA besser kooperiert – oder sollte man besser sagen: korrumpiert?

Spannendes Puzzle voller Dynamik und Rasanz

In einem weiteren Erzählstrang werden auch noch die Auswirkungen internationaler Geschäftsfusionen auf die kleinen Malocher auf den Ölfeldern gezeigt. Nach der Übernahme durch die Chinesen verlieren der junge pakistanische Gastarbeiter Wasim Ahmed Khan (Mazhar Munir) und sein Vater ihre Arbeit. Während der Vater von den schneebedeckten Himalaya-Gipfeln seiner Heimat träumt, lässt sich Wasim in der Koranschule zum fanatischen Muslim bekehren.

Rasante Schnitte von weiten Ölfeldern auf enge Konferenzräume, von prunkvollen Villen der Ölscheichs auf die karge Ausstattung einer Koranschule geben dem Film eine unglaubliche Dynamik. Es ist ein spannendes Puzzle, das Regisseur Gaghan aus 70 Darstellern, hunderten Statisten und dutzenden Schauplätzen wie Bahrain, Washington, Dubai, Kairo etc. zusammensetzt. Und es ist ein durchaus begrüßenswerter Versuch, die komplizierten globalen Entwicklungen aus Perspektive sowohl der Big Player als auch der der kleinen Arbeiter zu zeigen. Leider geht das zu Lasten des Erzählflusses.

Denn Gaghan will alles und erreicht vor allem eins: den Zuschauer zu verwirren. Die globalen Auswirkungen des korrupten Ölgeschäfts, eine Demontage der CIA, die Machtverhältnisse in Washington, die Auswirkungen globaler Fusionen auf Verbraucher und Arbeiter, dazu noch die persönlichen Verstrickungen und Gefühle seiner Protagonisten, das ist zu ambitioniert für 120 Filmminuten. Einige der Puzzleteile fügen sich am Ende nicht in das gesamte Gebilde ein, auch wenn klar wird: Der für ein Schaf Gehaltene entpuppt sich als Löwe, wenn auch einer, der auch Opfer bringt.

Von Kathrin Buchner
 
 
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