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15. Februar 2004, 12:26 Uhr

Schmutziger, rockiger Goldener Bär

Als der Regisseur Fatih Akin seinen neuen Film "Gegen die Wand" im Wettbewerb zeigte, gab es langen Beifall und Bravo-Rufe von den Filmjournalisten.

Fatih Akin (Mitte) mit seiner Crew bei der Preisverleihung© Markus Schreiber/AP

Als der Regisseur Fatih Akin seinen neuen Film "Gegen die Wand" im Wettbewerb zeigte, gab es langen Beifall und Bravo-Rufe von den Filmjournalisten. Auch die nachfolgende Pressekonferenz wurde zum Triumphzug. Doch so richtig zum Feiern war dem türkisch-stämmigen, in Hamburg-Altona aufgewachsenen Akin noch nicht zumute. Was ihn quälte: Würden auch seine Eltern, die seinen schmutzigen, lauten Film inklusive Autocrash, Selbstmordversuch, Drogenexperimenten und hartem Sex wenig später zum ersten Mal zu sehen bekämen, würden auch sie seinen Film gut finden. Die lange und schmerzvolle Liebesgeschichte zweier Aussenseiter, denen Akin nicht einmal ein Happy-End gönnt?

Wie ein aufgeputschtes Rumpelstilzchen freute sich Fatih Akin

Kurze Antwort: Ja. Meine Eltern mochten den Film, sagte Akin am Tag darauf. Und weil man nicht nur in der Türkei und in deutsch-türkischen Familien auf seine Eltern hören sollte, schloss sich am Samstagnachmittag auch die Berlinale-Jury dieser Meinung an. "Gegen die Wand" gewann den Goldenen Bären, den Hauptpreis, und damit die 54. Internationalen Filmfestspiele Berlin. Eine Sensation, eine Offenbarung. Ja, ja, ja. Nicht nur Akin lief nach der Verkündung wie ein aufgeputschtes Rumpelstilzchen durch das Grand Hyatt Hotel, reckte beide Arme zum Victory-Zeichen, knutschte Anke Engelke ab, die für das Fernsehen täglich von der Berlinale berichtete, ließ sich beklatschen und umarmen. Auch die deutschen Medienvertreter strahlten. Die Empörung, die überflüssigen Streitereien um Romuald Karmakars Kammerspiel "Die Nacht singt ihre Lieder" waren plötzlich so weit weg wie Istanbul. Fehlte bloß noch, dass jemand die Nationalhymne angestimmt hätte, am besten die deutsche und die türkische zugleich.

Seit 18 Jahren, seit Reinhard Hauffs RAF-Drama "Stammheim" stand nun also ein deutscher Film wieder ganz oben. Ein deutscher Film, der vor allem deswegen so gut ist, weil er nur halb deutsch ist. Spätestens mit Akins Erfolg müsste nun endlich die deutsch-türkische Wirklichkeit wieder in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses rücken. Die gescheiterte Integrationspolitik, die Parallelwelt vieler Türken in deutschen Großstädten, der Kopftuchstreit, das Unbehagen gegenüber Moscheen und islamistischen Vereinigungen, der endlos diskutierte EU-Beitritt der Türkei und und und. Akin ist der lebende Beweis, dass die Kinder der Gastarbeiter – ein Begriff, den Akin hasst – eine ungeheuere kulturelle Bereicherung sind für unser sonst so bodenständiges Land. Er ist Deutscher, hier geboren, hier sozialisiert und doch ist sein Blick auf sein Heimatland ein fremder. Und das macht ihn so stark.

Fazit: Mäßigkeit herrschte vor auf dieser Berlinale

Neben dem Rummel um "Gegen die Wand" ging fast ein wenig unter, dass auch ein anderer deutscher Film einen Preis erringen konnte. Die tolle Dokumentation "Die Spielwütigen" von Andres Veiel, die Schauspielschüler auf ihrem Weg in den Beruf begleitet, holte sich den Publikumspreis der Nebenreihe Panorama. Und die Schülertragödie "Was nützt die Liebe in Gedanken" mit Daniel Brühl und August Diehl verkaufte sich bestens ins Ausland, bisher unter anderem nach Japan, Brasilien und Israel. Ein glückliches Ende auf jeden Fall dieser Berlinale, die nach zehn Tagen und fast 400 Filmen, unter den internationalen Film-Gastarbeitern ein eher durchwachsenes Echo auslöste. Mäßiger Wettbewerb, mäßiges Staraufgebot, mäßige und trotzdem hoffnungslos überlaufene Parties, auf denen der Gang zur Biertheke und zur Toilette länger dauerte als ein Theo Angelopoulos-Film.

Die Berlinale entwickelt sich außerdem mehr und mehr zum Ostberliner Ereignis. Noch laufen auch im alten Westteil der Stadt rund um Kudamm und Zoo Festivalfilme. In lauter Traditionskinos, deren Namen Glamour verheißen: Zoo-Palast, Film-Palast, Delphi und Royal Palast. Doch das Royal musste erst kürzlich Insolvenz anmelden, dem Zoo-Palast, mit seinen 1070 Plätzen immer noch der größte Kinosaal Berlins, droht sogar die Abrissbirne.

Wir sehen weiter im nächsten Jahr. Vorhang zu, fast alle Fragen offen.

Matthias Schmidt

 
 
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