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24. August 2008, 08:42 Uhr

Mit dem Clown kommen die Tränen

"The Dark Knight" ist in den USA erfolgreich wie kaum ein Film zuvor. Sein düsterer, freudloser Grundtenor scheint ausgezeichnet zur Stimmung der Nation zu passen. Von Matthias Schmidt

Heath Ledger hat sich wochenlang auf seine Rolle als Joker vorbereitet© Warner Bros. Studios

Die Lage ist verdammt ernst, um nicht zu sagen tödlich. Bomben überall in der Stadt versteckt, sogar im Krankenhaus und auf den Fähren über den schwarzen Fluss. Sprengfallen, mal im Mund eines Opfers platziert, mal eingenäht unter der Haut. Und nur selten wird es richtig hell in diesem schwermütigen Betonwald, durch den die Dunkelheit kriecht wie ein giftiges Reptil. Vor einem Hotel hält plötzlich ein tiefergelegtes Panzerfahrzeug. Ein Beobachter merkt sofort, wer da, halb Mensch, halb Fledermaus, am Steuer sitzt: "Hey, Batman! Ich hab Unterhosen, wo dein Gesicht drauf ist."

Die Bomben, die Schwermut, die Dunkelheit: All das stammt wirklich aus "The Dark Knight", der Gag nur aus einem Sketch für die MTV Movie Awards. Leider. Denn wer nach zweieinhalb Stunden aus dem neuen "Batman" wankt, fühlt sich niedergeschmettert. Leichtigkeit, ein wenig Humor fehlen fast völlig. Dabei geht es hier um die Abenteuer einer eher albernen Ikone der Popkultur: des unterforderten Playboy-Millionärs Bruce Wayne, der sich in seiner Freizeit in einem Fetischanzug von Wolkenkratzern wirft. Eine Comicfigur, erschaffen 1939 zur Unterhaltung kleiner und großer Jungs. Mit einem hübschen Logo für Kinderzimmerposter, T-Shirts, Bett- oder eben Unterwäsche. Am Ende von "The Dark Knight" ist man zwar begeistert von dem elegant-düsteren Design, den atemraubenden Stadtansichten und der bedrückend-intensiven Spannung. Batman dagegen würde man am liebsten eine Packung Prozac verschreiben.

Schuld an der schlechten Laune hat Christopher Nolan. Der 38-jährige Regisseur mit britisch-amerikanischen Wurzeln hat bereits vor drei Jahren mit "Batman Begins" für einen Hollywood-Blockbuster neue Maßstäbe in Sachen Miesepetrigkeit gesetzt. Batman, gespielt vom Briten Christian Bale, als zorniges Schreckgespenst, das ein Kindheitstrauma verarbeitet. Der sich selbst retten muss und erst dann den Rest der Welt. Die Fortsetzung geht diesen dunklen Weg konsequent weiter. Batman möchte jetzt das Cape an den Nagel hängen, sein Kampf gegen Ganoven wird von der Polizei kritisiert. Umso besser, dass der neue Staatsanwalt Harvey Dent (Aaron Eckhart) gerade einen rechtsstaatlichen Großputz wagt. Endlich ein Held mit Gesicht, der sich nicht in einer Latexrüstung verstecken muss.

Der "Fluch des Batman-Films"

Doch dann der Auftritt des Joker, furios gespielt von Heath Ledger. Ein wahnsinniger Bombenleger, der Shampoo offensichtlich nur in Schaltjahren benutzt und geschminkt ist wie ein Weißclown. Ein Psycho-Pate, vor dem selbst das organisierte Verbrechen kuscht. Batman muss also doch wieder ran. Die Dreharbeiten von "The Dark Knight" standen fast von Anfang an unter einem sehr dunklen Stern. Erst kam im September vergangenen Jahres ein Techniker für Spezialeffekte ums Leben, nachdem sein Kamerawagen einen Baum gerammt hatte. Dann, am 22. Januar dieses Jahres, wurde Heath Ledger, gerade mal 28, nicht nur wegen seines Oscar-nominierten, schwulen Schafhirten in "Brokeback Mountain" ein Hoffnungsträger des jungen Hollywood, tot in seinem New Yorker Apartment gefunden. Gestorben an einer Überdosis Medikamente. Ob Selbstmord oder Versehen, wird wohl nie endgültig geklärt werden können.

"The Dark Knight" war zwar bereits komplett abgedreht, doch die Werbekampagne voll auf Ledgers charismatischen Joker abgestimmt. Jetzt bot sich die Chance, die Bestürzung der Fans in morbide Schaulust und damit bare Münze zu verwandeln. Kurz vor der Europapremiere in London wurde dann noch Batman- Darsteller Christian Bale verhaftet, weil er angeblich seine Mutter und Schwester tätlich angegriffen hatte. Wenig später überschlug sich Nebendarsteller Morgan Freeman in seinem Auto. Die Presse raunte gleich vom "Fluch des Batman- Films" - und verschaffte dem Werk noch mehr Publicity. Das Unglücksmarketing zeigte Wirkung. Der dunkle Ritter verkaufte in den USA bis dato Tickets für 441,5 Millionen Dollar und schickt sich sogar an, den Allzeitrekord von "Titanic" zu schrammen. Das kann nicht nur an Heath Ledger liegen, analysieren seitdem weltweit die Branchenexperten. Der Film treffe auch präzise den grimmigen amerikanischen Zeitgeist. Sie entdeckten Anspielungen auf den 11. September, auf die Gefahren des Überwachungsstaats und auch einen philosophischen Diskurs über Doppelmoral oder darüber, wie die Kraft, die stets nur das Gute will, auch das Böse schafft. Batman fährt Geisterbahn, mit Nietzsche und Faust als Beifahrer. Doch den Fans schmeckt das bittere Popcorn. Endlich nimmt einer ihren schwer beladenen Helden ernst.

Ledger ist das eigentliche Kraftzentrum des Films

Hinzu kommt eine clevere Kampagne der Filmemacher im Internet, in der der gesetzestreue Staatsanwalt Harvey Dent auf fiktive Wahlkampftour geht. Es gibt Trailer, die die Vorfreude geschickt verstärken, und euphorische Kritiken, selbst in den Feuilletons der amerikanischen Qualitätszeitungen. Und es gibt Heath Ledger. Seine Figur ist das eigentliche Kraftzentrum des Films. Joker-Sprüche wie "Wahnsinn ist wie Schwerkraft - man braucht nichts weiter als einen kleinen Schubs" kann der Fledermausmann kaum parieren. Bales stoisch-verbissenes Spiel bleibt blass gegenüber Ledgers nihilistischem Verführer. Selten war uns Batmans Schicksal so egal.

Ledger deshalb posthum für einen Oscar zu nominieren, wie das Schauspielerkollegen bereits fordern, schießt allerdings weit übers Ziel hinaus. Ohne den Medienhype um sein frühzeitiges Ableben hätten viele Zuschauer kaum erkannt, dass sich hinter der dicken weißen Schminkschicht und der grotesk entstellten Mundpartie der australische Schauspieler verbirgt. Wer ihn wirklich auf der Höhe seiner Kunst betrachten will, sollte sich lieber das Drogendrama "Candy" auf DVD ausleihen. Oder eben "Brokeback Mountain". Die Hysterie um seine Leistung als Joker ist genauso maßlos wie die um diesen guten, aber nicht herausragenden Film. Zu wackelig das Handlungsgerüst, zu konfus die Action, oft im Halbdunkel in extremen Naheinstellungen gefilmt.

Aber immerhin ist "The Dark Knight" (Start: 21. August) zweifellos der beste der sieben Batman-Filme - auch wenn die Latte nicht besonders hoch liegt, erinnert sei nur an George Clooneys dauererigier- te Brustwarzen, Jim Carreys nervsägenden "Riddler" oder die Stehlampen-Mimik von Michael Keaton und Val Kilmer in früheren Episoden. Kinorekorde auch in Deutschland sind dennoch nicht garantiert. Für den ähnlich düsteren "Batman Begins" konnten sich vor drei Jahren nicht mal 900.000 Zuschauer begeistern. Ein böser Flop.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 34/2008

Von Matthias Schmidt
 
 
KOMMENTARE (8 von 8)
 
Kalox (23.08.2008, 23:08 Uhr)
mehr ehrlichkeit...
...es ist erstaunlich, wie verlogen über diesen film diskutiert wird. da ist ein junger kerl in meinem alter mysteriös verstorben, der sicher ein guter schauspieler war (ich kenne noch keinen film von ihm) und es wird so getan, als wäre der einzige grund für diesen brachialen mega-hype sein überirdisches spiel gewesen. es ist schlicht und ergreifend sensationsgeilheit und eine spur voyeurismus, wir hatten die selbe chose schon früher wenn film- und rockstars abgelebt sind, es war stets ein posthumer karrierekick für sie. leute, seid nicht so verlogen, der erste batman von chris nolan war zwar erfolgreich, aber was jetzt passiert ist aberwitzig - dieser erfolg ist nicht "normal", leider, der arme heath...
bernialfatier (23.08.2008, 19:01 Uhr)
Wie bitte????
"Zitat aus ihrem Artikel Ledger deshalb posthum für einen Oscar zu nominieren, wie das Schauspielerkollegen bereits fordern, schießt allerdings weit übers Ziel hinaus. Ohne den Medienhype um sein frühzeitiges Ableben hätten viele Zuschauer kaum erkannt, dass sich hinter der dicken weißen Schminkschicht und der grotesk entstellten Mundpartie der australische Schauspieler verbirgt."
Sind sie noch zu retten? Das ist doch das Unglaubliche an der Rolle von Heath Ledger, dass man ihn eben nicht erkennt. Oder soll er einen schwulen Cowboy-Joker spielen??
Endlich kommt ein Blockbuster heraus, der Niveau zeigt und ihr macht ihn schlecht.
Mindsplitting (23.08.2008, 17:12 Uhr)
Verehrter Kritiker (Autor)
Filmgeschmack mag ja subjektiv sein. Aber schon mit dem neuen Hulk ( der ja leider nur geschnitten in die Kinos kam da er die FSK 16 bekam) hat man bewiesen das die Leute das weichgespülte popcornkino nicht mehr wollen. Ich rede mal von "wir Kinofans" wollen endlich mal wieder hochwertiges, finsteres Kino sehen, das spannend ist, das scharuig ist, das einfanch spaß vielleicht auch ein bisschen mitdenken oder nachdenken zulässt. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber nach der letzten Batman verfilmung erhoffe ich mir einen sehr sehr guten Film.
Der Mainstream stirbt aus, die Leute wollen mehr individualismus und Anspruch in den Filmen sehen. Und was Spiderman dem teeniehelden angeht. SElbst der wird in teil 2 ne ganze Portion düsterer als noch im ersten.
Christian Bale ist meines erachten auch einer der besten "Nachwuchsschauspieler". Den seien wir mal Ehrlich, die ganz großen Kanonen wie Morgan freeman, Jack nicholson, Al Pacino, Robert de Niro etc. gehen irgendwann auch mal in Rente.
Julian2225 (23.08.2008, 16:31 Uhr)
und bevor ich mich wegschreie wegen so viel Albernheit....
noch was...fuer all die, die Superheros im bunten Gewand moegen, die sollen sich doch Spider Man anschauen, denn der ist, fuer die Kids und den Autoren eher geeignet! Und das ist das eigentliche an Begins und Knight, es passt nicht zur kunterbunten Frohnatur...und ist wie Spider Man immer haette sein sollen! Wer Nolans Filme kennt, wie z.B. auch Memento, der weiss das dafuer in seinen Teilen kein Platz ist. Aber wie sang Nina Hagen einmal...alles so schoen bunt hier! Wers braucht!?!
Julian2225 (23.08.2008, 16:18 Uhr)
Satire??? Nee, Meinungsmache!
Satire ist aus dem Beitrag nicht herauszulesen freee...somit sollte der Autor des Beitrages die Scheuklappen ablegen, denn die Welt nicht nicht gut und voller Ironie. Und das dies nun in einem Batman Film widergespiegelt wird ist eigentlich das schoene an diesem Film! Und wer sich das Teil nicht anschaut, nun ja, The return of the killer panda fuer all die, die es soooo bunt moegen, kommt auch bald... Zum Film: Schade finde ich das ein solcher Film nicht in der Orginal-fassung mit Subs gezeigt wird (ich kenne nur die englische Version und kann mir vorstellen das die deutsche Synchronisation sicherlich einiges des boesen "Sarkasmus" verbockte)!
giangastone (23.08.2008, 15:56 Uhr)
Don' t forget Jack Nicholson
Ledger definierte sich als Schauspieler sicherlich nicht über den "Joker" und die Ledger-Batman Hysterie ist kaum nachzuvollziehen . Der Film trägt ewiges Schwarz/ Grau (warum nicht ganz als SW-Film?), hat zu viel Pyrotechnik, zu viel Brutalität, zu viele Morde. Der Teenie-Comic schimmert nicht mehr durch. Der Bericht lässt den Vergleich mit dem genialen Jack Nicholson als Joker (1989) unerwähnt. U.a. hatte Nicholson etwas, was Ledger abgeht: Selbstironie.
freee (23.08.2008, 15:20 Uhr)
junge
schonmal was von satirischer Kritik gehört Stahlkappe?
Stahlkappe (23.08.2008, 15:04 Uhr)
@Autor
Anscheinend haben sie keine AHnung vom Batman Franchise.
Batman Begins und TDK haben nix mit den vorherigen Filmen zu tun,
Darüber hinaus wirkt es doch mehr als lächerlich TDK mit der Wirklichkeit im Us Alltag zu vergleichen oder???
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