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9. Dezember 2009, 17:00 Uhr

Biedermann mit Macho-Witzchen

Die Witze sind flach, seine schauspielerischen Fähigkeiten begrenzt, trotzdem lockt Til Schweiger mit Komödien wie "Keinohrhasen" und "Zweiohrküken" Millionen ins Kino. Was macht ihn so erfolgreich? Von Sophie Albers

Til Schweiger, Zweiohrküken, Keinohrhasen

Til Schweigers neuester Streich heißt "Zweiohrküken"© Gero Breloer/AP

Die Geschichte von "Zweiohrküken" ist Patchwork mit Nähten so krumm und dick, dass die Charaktere dauernd darüber stolpern. Die Witze sind so flach, dass man sich beim Lachen das Kinn aufschrubbt. Und wenn Ludo (Til Schweiger) und Anna (Nora Tschirner) miteinander fertig sind, bleibt so ein ähnliches Gefühl wie nach einer Mario-Barth-Show. Man hat gelacht, aber warum eigentlich? Nein, Til Schweigers neues Werk, das schon am Startwochenende über eine Million Zuschauer in die Kinos gelockt und die Vampirsaga "New Moon" vom ersten Platz verdrängt hat, ist kein eleganter Film, will er auch gar nicht sein. Allerdings offenbart er endlich, warum der Mann mit dem kantigen Kinn und der knödeligen Stimme der erfolgreichste Filmschaffende Deutschlands ist, wo er doch so vielen als Nervensäge gilt. Das hat erstaunlicherweise mit Fröschen und Feuchtgebieten zu tun. Aber fangen wir erstmal mit der Fassade an:

Das Phänomen Til Schweiger

Da sitzt er. Im Augenblick offensichtlich zu glücklich, um asketisch zu sein. Ein strahlender Blick wie der Kerl in der Jever-Werbung, und man kann regelrecht sehen, dass Schweiger am Anfang seiner Karriere Bilder von Paul Newman an der Wand hängen hatte. Wenn man erwartet, dass jemand zickig ist, ist er es meistens auch, aber Til Schweiger bemüht sich. Hin- und hergerissen zwischen dem Spiel, die Medien mit Informationen zu füttern, das zum Job des Promis gehört, und der "Ich scheiß auf euch"-Attitüde, die er gegenüber Kritikern und Institutionen gerne auflegt, will er doch gefallen. Wollte er schon immer: seinen Eltern, seinen Lehrern, den Mädchen. "Ich war immer ein artiges Kind, habe nie Frösche aufgeblasen oder sowas", offenbarte Schweiger 1994.

Seitdem er sich der Tierquälerei enthalten hat, ist es sehr schnell gegangen mit der Karriere. Schweiger machte Abitur, brach ein Medizinstudium ab, nahm ein Schauspielstudium auf, war Jo Zenker in der "Lindenstraße" und avancierte über Nacht zum Sexsymbol, weil er nackt auf einem Wohnzimmertisch hockte ("Der bewegte Mann", 1994, 6,5 Millionen Zuschauer). "Ich wollte nie ein Star sein", wehrte Schweiger ab, forderte aber damals schon: "Wir müssen Filme machen, die die Leute sehen wollen, keine Kunst, sondern Unterhaltung". Richtig, das klingt nach Bernd Eichinger, Schweigers Freund und Mentor, der seinen ersten Kinofilm "Manta, Manta" (1991, knapp eine Million Zuschauer) produzierte.

Barth, Gottschalk, Schweiger

Weil Schweiger schon mit Ende 20 das Meiste von dem, was er sagt, bierernst meinte, fing er bald damit an, seine Vorstellung von Unterhaltung umzusetzen. "Seit 1996 mache ich, was ich will", sagt er, und meint damit Drehbuch, Produktion, Regie und manchmal auch Schnitt bei Filmen wie "Knockin' on Heaven's Door" (1997, 3,5 Millionen Zuschauer), "Der Eisbär" (1998, 733.000 Zuschauer), "Barfuss" (2005, 1,5 Millionen Zuschauer) und natürlich - sein bisher größter Erfolg - die Geschichte vom Macho Ludo und der stoffeligen Kindergärtnerin Anna, "Keinohrhasen" (2008, 6,3 Millionen Zuschauer).

Wegen der letzten Zahl gibt es nun die Fortsetzung: "Zweiohrküken", dazu brauchte es nicht mal ein neues Motiv fürs Filmplakat. Til Schweiger zieht eben. So wie Barth oder auch Thomas Gottschalk, bei dem Schweiger gerade auf der "Wetten, dass...?"-Couch saß. Der moderiert immer noch die größte TV-Show Europas, obwohl er seit Jahren niedergeschrieben wird, weil die Zoten zu zotig, die Anbaggerei schmerzfrei und das Gerede zu selbstherrlich sei.

Wie bei Til Schweiger haben die Kritiker damit zu ringen, dass es offensichtlich ein Publikum gibt, das sich nach eben dieser Zotigkeit sehnt. Das sich eine für jedermann durchschaubare Welt wünscht, in der alles in schwarz und weiß zerfällt: Menschen sind gut oder böse, die Flasche ist voll oder leer, die Brust ist klein oder groß, der Schwanz zu kurz oder zu lang und die Scham buschig oder komplett rasiert. So sieht Tils Welt jedenfalls in "Zweiohrküken" aus. Das Ergebnis der Größen- und Längenvergleiche ist allerdings immer das gleiche: Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen, aber leider brauchen sie einander für den Sex - homosexuelle Liebe hat Schweiger schon in "Keinohrhasen" ausgeschlossen. Zu den beeindruckendsten Zitaten gehört diesmal: "Frauen sind wie Hundepfeifen", irgendwann würden Männer das Gekeife ob der Tonlage nicht mehr hören. Und tatsächlich, keine einzige weibliche Figur in "Keinohrhasen" oder "Zweiohrküken" taugt für eine Frau mit Verstand zur Identifikation. Sorry, Nora Tschirner.

Die Anti-"Feuchtgebiete"

In Tils Welt regiert ein Machismus aus alten Tagen, noch vor 1994, als Schweiger sich mit den Worten zitieren ließ, dass ihn karrieregeile Frauen nerven. Frauen sollten lieber blond und ehrlich sein und ihre Grenzen kennen, so der Schauspieler. Gedanken, die wohl ein Großteil der männlichen Bevölkerung immer noch hin und wieder denkt, sich aber nicht auszusprechen traut. Ein Mann ist ein Mann, weil er sich am Sack kratzen kann, weil er fremdgeht, und weil er über der Frau steht, weil das eben schon immer so war. Und das findet Frau auch noch gut und richtig, weil sie ihn dafür ja lieben darf.

Til Schweiger kommt so gut an, weil er eine Gesellschaft propagiert, die es zum Glück nicht mehr gibt, die aber offensichtlich viele vermissen. Und nicht nur Männer. "Zweiohrküken" sind die Anti-"Feuchtgebiete". Zwar sind Fäkalien und Körperlichkeit auch hier ein großes Thema, aber eben auf die Pennälerhumor-Art. Charlotte Roche hätte den Kot ausgepackt den Schweiger durch den Film trägt, und ihre Achselhaare waren echt. Schweiger durchbricht keine Grenzen, weil er wie viele andere Menschen lieber gar nicht wissen will, was auf der anderen Seite ist. Zumindest nicht in seinen zugegeben sauber inszenierten Unterhaltungsfilmen.

Die Welt könnte so schön und das Leben so einfach sein, wenn es nicht die Kritiker gebe, die Schweiger immer wieder erklären, dass seine Werke so nahrhaft seien wie Weißbrot. Aber auch dafür hat Schweiger eine schnelle Lösung: Er fährt die Nörgler in "Zweiohrküken" einfach über den Haufen, zumindest einen Zeitschriftenverkäufer samt Stand und Schild, auf dem steht: "Die 40 nervigsten Kritiker". Das kommt also davon, wenn man als Kind keine Frösche aufbläst.

Von Sophie Albers
 
 
KOMMENTARE (10 von 24)
 
utasieg (15.12.2009, 18:20 Uhr)
In einem Land
wo Pocher, Bohlen, Barth usw. Quotenrekorde einfahren, da muss Till Schweiger ein guter Schauspieler sein
tannebaum (15.12.2009, 13:52 Uhr)
der erfolg dieser filme
resultiert aus der anspruchslosigkeit des publikums. so einfach ist das zu erklären.

und leider genauso traurig!!!!
adel-ar (10.12.2009, 21:13 Uhr)
Die Kritik ist eine persönliche Abrechnung und sagt mehr über persönlichen Frust, als über Schweiger aus.
Ich war früher auch ein ziemlicher Kritiker von Schweiger und empfand ihn immer maximal als 2. Reihe-Schauspieler. Also eher als unterstützender als als Hauptdarsteller geeignet.

Aber wenigstens seit Keinohrhase macht er Filme, die Ideen und Aspekte transportieren, die man selten oder gar nicht sieht. Ansonsten sind es liebevolle Filme von den Schwächen der Menschen ohne sich über diese lustig zu machen oder es typisch us-amerikanisch zu karikieren.

Ich habe das Gefühl das die Autorin des Artikels den Film gar nicht, nur ausschnittsweise oder stückweise gesehen hat. Zweiohrküken unterscheidet sich nämlich deutlich vom 1. Teil, ist sehr emotional, setzt Sex in ein natürliches Umfeld (anders als es etwas nervig im 1. Teil war) und zeigt Menschen an ihren Grenzen und im Glück.

Der Film hat seine wertvollen Aspekte.

Und trotzdem würde ich wegen Til Schweiger niemals extra in einen Film gehen. Aber dieser Film lohnt sich. Und ist als Teil 2 fast besser als Teil 1.
Tom3 (10.12.2009, 10:39 Uhr)
...wenn sich einer schon selber...
...soooo toll findet, dann bleibt da meiner Meinung nach nicht viel Platz um den gut zu finden...

...dazu kommt noch, dass er mir persönlich einfach unsympatisch ist u. das ich generell finde, dass Schauspieler in unserer Gesellschaft viel zu wichtig genommen werden...
Administrator (10.12.2009, 10:30 Uhr)
Liebe User,
Liebe User,
wir haben an dieser Stelle einige Kommentare gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich und verzichten sie auf Beleidigungen!

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
maffr (10.12.2009, 08:57 Uhr)
Sie gibt es doch!
Liebe Sophie Albers,
die Welt, "die es zum Glück nicht mehr gibt" gibt es sehr wohl noch! Und das kluge Schreiben ändert daran auch nichts!

vegefranz (10.12.2009, 07:27 Uhr)
Ekel-Roche oder Doofie-Tschirmer?


Da fällt die Wahl aber nicht eine Sekunde schwer. auch wenn das den 68er konservativ erscheint und Alice S. tobt

daraus folgt:

das männliche Gen-Programm kann man mit Sitzstreiks. 68-Gehirnwäsche und stundenlangen Geschlechterdebatten nicht beeindrucken


laketahoe (09.12.2009, 22:37 Uhr)
@JosefG ... unfreiwillige Komik
Sie scheinen ja ziemlich verschossen zu sein in Til Schweiger......

Wirklich lustig, dass sie über das Contra-Kreis-Theater vor zwanzig Jahren so ehrfurchtsvoll schreiben, als wäre es eine der führenden Bühnen des deutschsprachigen Raumes...

Wäre Til Schweiger Schauspieler, so merkte man das unter anderem daran, dass irgendein Regisseur, dessen Namen zwei drei Leute kennen, ihn in einer seiner Produktionen auf einem guten Theater eingesetzt hätte ..,,

Urkomisch - was sie sich hier an Qualitätsargumenten zusammenschwurbeln wollen. Und etwas aggressiv..... fast schon dünnhäutig.... hat die Autorin etwa doch einen wunden Punkt getroffen?

Er kann froh sein, so viel kostenlose Promotion zu bekommen und so gut davon leben zu können. Es sei ihm gegönnt. Der Mann hat ja Kinder. Und eine Ex-Frau.......
JosefG (09.12.2009, 22:12 Uhr)
Emanzen - Alarm
Da reanimiert jemand der schon auf die fünfzig zugeht, quasi im Alleingang als Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent und auch noch mit seiner Familie als Co-Darstellern, den deutschen Teenie-Film, eine Gattung deren Kassenschlager man hier in Deutschland eh mit den Daumen abzählen kann und muss sich dann auch so diesen grenzdebilen Stuss von Frau Albers anhören. Nein Til Schweiger ist kein Schauspieler mit "begrenzten Fähigkeiten" sondern vielmehr mit einer ganz besonderen Ausstrahlung. Hätte die Autorin vor zwanzig Jahren im Contra-Kreis-Theater gesessen statt mit ihrer Puppe vor dem Adventskranz, so hätte sie dies aus nächster Nähe erfahren können.

Und was soll dieser Film mit Machismus und "Skandalliteratur" zu tun haben, die notgeile alte Säcke neben ihrem Viagra und verschrumpelte Emanzen neben den Stoff-Orchideen auf der Fensterbank liegen haben.

Ist ja wohl kaum das Zielpublikum, oder?
Doshi (09.12.2009, 21:22 Uhr)
STERN - unwahre Behauptungen dürfen sein
....wie ist es denn mit unwahren Behauptungen des STERN, um hier mit dicken und falschen Überschriften zu informieren und die Leser anzumachen?
Allein in den letzten Tagen haben Sie BEWUSST über Herrn zu Guttenberg, Frau Köhler, Frau Merkel, den Umweltgipfel in Kopenhagen, Präsident Obama ...und und und berichtet. Berichtet heisst im STERN:
Wir haben gehört... Waren es nun Falschinformationen oder Lügen? Wie damals bei den Hitler-Tagebüchern. Vielleicht sollten Sie mal wieder zum echten und guten Journalismus zurückkehren?!? Aber der bringt keine Auflage....
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