13. Juli 2012, 16:59 Uhr

Kunst für Anfänger

Die Kritiker überschlagen sich vor Lob, immer mehr Bekannte waren da und sind höchst angetan. Doch was bringt einem die Documenta in Kassel, wenn man von Kunst keine Ahnung hat? Ein Selbstversuch von Björn Erichsen

Documenta, Kunst, Kassel, CCB, Documenta-Besuch, Kunst-Ausstellung, zeitgenössische Kunst

Ein riesiges Durcheinander von Altmetall: das umstrittene "Momentary Monument IV" der italienischen Künstlerin Lara Favaretto auf der Documenta 13 in Kassel©

Was für ein riesiger Haufen Schrott! Zerdepperte Blechtonnen, abgetrennte Baggerarme, rostige LKW-Fahrgestelle mit abgeknickten Achsen - turmhoch stapelt sich der Müll hinter dem alten Kasseler Bahnhof. Kein Wunder, dass sie in der Stadt seit Beginn der Documenta darüber streiten: Ist das "Momentary Monument IV" der Italienerin Lara Favaretto tatsächlich Kunst - oder nicht doch eher ein Fall für die Abfallwirtschaft? Den Besuchern, die hier die kleine Kopfsteinpflasterstraße entlangkommen, scheint es zu gefallen, sie bleiben stehen, zeigen drauf, lachen, fotografieren. Nur der Wachmann mit seiner gelben Warnweste schaut grimmig drein, muss er doch alle paar Minuten Schaulustige verscheuchen, die sich zu nah an den Schrottberg wagen: Einsturzgefahr.

"Die Künstlerin greift das Leitmotiv von 'Zerstörung und Wiederaufbau' auf und verweist auf die Fragilität materieller Güter, aber auch auf deren Wiederverwertbarkeit", erklären mir Nick und Sandy ihre Begeisterung. Das Künstlerpaar ist eigens aus Neuseeland angereist. Ich bin nicht vollends überzeugt, mir fehlt da der Eigenanteil. Letztlich hat Frau Favarello ja nicht viel mehr getan, als ein paar Tonnen Eisenschrott wahllos in die Landschaft kippen zu lassen. In Künstlerkreisen heißt das übrigens, wie ich seit heute weiß: Sie hat auf Form verzichtet.

Ahnungslos trifft abgehoben

Es ist Ihnen sicher nicht entgangen: Hier schreibt ein Laie in Sachen Kunst. Ich bin gewiss kein Kulturmuffel, aber der ganze Kunstbetrieb ist mir oft zu abgehoben, viel zu viel heiße Luft. Carolyn Christov-Bakargiev ist ja das beste Beispiel, die Documenta-Chefin mit dem wirren Lockenschopf: Die erklärt lang und breit und theoretisch, warum sie kein Konzept hat oder braucht – um dann so Sachen zu fordern wie "Ökofeminismus" oder Wahlrecht für Hunde. Ich bin nun trotzdem hingefahren, und zwar aus gutem Grund: Die Kritiker überschlagen sich geradezu vor Lob, auch immer mehr meiner Bekannten waren inzwischen da und äußerst angetan. Jetzt will ich es wissen: Was bringt die angeblich wichtigste Ausstellung für zeitgenössische Kunst einem Ahnungslosen wie mir?

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Schlange stehen vor dem "Museum Fridericianum": Der Säulenbau ist traditionell das Zentrum der Documenta©

Die Kasseler Fußgängerzone mit ihrem Überschwang an 50er-Jahre-Fassaden präsentiert sich schon am Vormittag höchst lebendig. Ein paar junge Japanerinnen fotografieren sich beim Frühstück in der Treppenstraße, eine Seniorengruppe stapft zielstrebig die Stufen hinunter in Richtung Friedrichsplatz, wo bereits ein halbes Dutzend Schulklassen den Ticket-Container belagert. "Hier, die werden Sie brauchen", drückt mir der nette Herr im Besucherzentrum eine Übersichtskarte in die Hand. Er hat nicht übertrieben: 160 Künstler an mehr als 50 Ausstellungsorten, es gibt Kunst in Museen, in Parks, leer stehenden Häusern, in Hotels, in Kinos, einem Kloster, selbst im ehemaligen Finanzamt gibt es ein Happening.

Das Fridericianum gehört zum Pflichtprogramm. Für den Prachtbau mit dem Säuleneingang habe ich mir extra eine Gruppenführung gebucht, zwei Stunden für elf Euro, "Annäherungen an Realität und Zeit". Ganz schön hochtrabend, doch dann kommt Kunststudentin Jasmin um die Ecke, begrüßt uns freundlich und stellt sich offiziell als "Worldly Companion" vor. "Weltgewandte Begleiterin" deswegen, weil die Tour gerade kein Frontalunterricht sein soll, sondern eher eine Art Erlebnisdialog. Der kommt anfangs allerdings nur schleppend voran. Doch die 24-Jährige müht sich redlich, führt uns vorbei an Aborigine-Acrylmalereien und monströsen Teppichen, die aussehen wie Weizenfelder, und fragt immer wieder tapfer: "Und – wie ist Ihr Eindruck?"

Korruptionskarte und Weltverbrechen

Ich schätze, dass unsere Gruppe - elf Mal Ü50 und ich - mindestens zur Hälfte aus ehemaligen Lehrern besteht, darauf lassen diverse Schlaumeiereien schließen ("Beuys hatte damals mehr Gravität"). Trotzdem entwickeln sich mit der Zeit erstaunlich angeregte Gespräche unter Fremden: Etwa über die akribisch gezeichnete Karte der Korruption des US-Künstlers Mark Lombardi, oder den (bisher) erfolglosen Kampf von Amy Balkins, die komplette Erdatmosphäre zum Weltnaturerbe erklären zu lassen. Gemeinsam staunen wir auch über die Geschichte des Pfarrers Korbinian Aigner und seinen Apfelstillleben: Der erklärte Nazi-Gegner habe während seiner Haft in Dachau Äpfel nicht nur gezeichnet, sondern auch gezüchtet, erzählt uns Jasmin. Und einer davon, der "KZ-3", werde sogar heute noch als "Korbiniansapfel" angebaut.

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