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Der Beelzebub im Bendlerblock

Berlin in Aufruhr: Der Schauspieler und Scientologe Tom Cruise soll in "Valkyrie" den von Nazis hingerichteten Graf Schenk von Stauffenberg spielen. Jetzt verweigern die Behörden die Drehgenehmigung am echten Schauplatz, dem Bendlerblock. Eine typisch deutsche Posse.

Von Bettina Schneuer

Robert Redford, wirklich schon 71 Jahre alt, muss komplett senil geworden sein. Meryl Streep, zwar erst 58, auch. Wie sonst wäre zu erklären, was diese zwei, diese Mega-Super-wahnsinnsdekorierten-Hollywood-Weltstars gerade getan haben? Nämlich: ein Polit-Drama mit und für Tom Cruise zu drehen.

Jawoll! Tom! Cruise! Dieser Typ mit dem Zahnpasta-Spot-Lächeln, der jetzt den 1944 von den Nazis hingerichteten, gescheiterten Hitler-Attentäter Claus Graf Schenk von Stauffenberg spielen will. Vor allem: dieser Scientologe! Deswegen bebt es seit Tagen in Berlin, wo ab Mitte Juli ein Großteil der dreimonatigen Dreharbeiten stattfinden soll, aber bislang keine Drehgenehmigungen für das Polizeigelände oder den Bendlerblock, wo Stauffenberg und seine Mittäter 1944 hingerichtet wurden, erteilt worden sein sollen.

Es bebt erst recht, seit am Montag der Berliner Florian Henckel von Donnersmarck, unser deutscher Oscar-Preisträger ("Das Leben der Anderen"), in der FAZ darlegte, warum es super sei, wenn "der Superstar der Siegernation" USA (Tom) den "Übermenschen" der Nachkriegsdeutschen (Claus) spielen würde. Und die "Verbotsgeilheit" der vereinten Deutschen geißelte, die Tom seine Drehgenehmigungen verweigern würden, nur weil der Scientologe sei.

Keiner war dabei, aber alle haben eine Meinung

Ein bisschen mutet das Ganze an wie die Debatte im Fall Marco W., des 17-jährigen Schülers aus Niedersachsen, der in türkischer U-Haft sitzt, weil er versucht haben soll, mit einer erst 13-jährigen Britin zu schlafen: Keiner war dabei, nachts im Hotel - aber alle haben eine Meinung und sagen sie sehr laut, vor allem die Politiker, schließlich üben sie ein Gewerbe aus, das Schweigen verbietet.

Im Fall "Operation Walküre", so der Arbeitstitel des neuen Stauffenberg-Films mit Cruise, ist es ähnlich: Niemand kennt das Drehbuch, niemand weiß Genaues nicht - aber alle haben ein Meinung und sagen sie sehr laut, vor allem die Politiker.

Aber der Reihe nach. Erst war ja alles toll, als Cruise mit seiner Frau Kate (Katholikin) und seiner Tochter Suri (Religion unbekannt) in die Hauptstadt kam, dabei seinen Regisseur Bryan Singer (Jude) und seine Co-Produzentin Paula Wagner (Protestantin). Alle gefühlten ca. 417 Berliner Lokal-Yellow-Press-Blätter berichteten damals, jedes natürlich "exklusiv!": Tommi und Katie und Suri beziehen ein Villenensemble im Grunewald! Mit 12.000-Quadratmeter-Park drum herum! Mit Helikopterlandeplatz darin! Vielleicht kaufen sie es sogar, nein: haben sie schon! Einhelliger Tenor war: Boah, Berlin - arm, aber Weltstar-sexy, schließlich sollen auch Brad Pitt und Angelina Jolie ein Dach-Loft in Berlins Mitte erworben haben, und Justin Timberlake hätte sich jüngst ebenfalls Immobilien angesehen.

Berlin - arm, aber Weltstar-sexy - oder doch nicht?

Für jenes "Palais Parkschloss" wurde allerdings, was dem Berliner Boulevard entgangen war, schon im April 2006 die Zwangsversteigerung angeordnet. Also konnte es keiner mehr mieten - nicht einmal ein Filmstar samt Familie und Tross. Und Tom Cruise hat das mit knapp elf Millionen Euro bewertete, voll möblierte Anwesen mit 60-Meter-Wasserfront am Wannsee dann am 19. Juni auch nicht ersteigert: Vielleicht haben ihm die protzigen Kronleuchter nicht gefallen oder die ekligen Veralgungen auf der See-Terrasse, vielleicht war Katie die Doppelfritteuse in der Küche zu klein, und die Waschbecken der größten Suite zu golden - außerdem gibt es in Wahrheit gar keinen Heli-Pad, nur einen moosigen Groß-Parkplatz.

Scientology ist in Deutschland nicht verboten

Jedenfalls: Erst war zwar alles falsch in den Medien, aber alles schön mit den Medien und der Cruise-Family. Katie und Suri besuchten abends Eisbär Knut im Zoo. Aber Tommi und Katie besuchten nachts auch die neue Scientology-Zentrale in Charlottenburg, die bei ihrer Eröffnung sehr kurz für ein paar Schlagzeilen gesorgt hatte, seither nicht. Scientology ist in Deutschland nicht verboten, Scientology wird nicht flächendeckend vom Verfassungsschutz beobachtet, Scientology ist vom Europäischen Menschengerichtshof als Religion anerkannt - Scientology gilt trotzdem zu Recht unter Experten als eine manipulative Sekte. Jedenfalls: Nach dem nächtlichen Besuch des Ehepaars Cruise kippte die Stimmung. Erst recht, als durchsickerte, so einer wolle im Bendlerblock drehen.

Der Bendlerblock ist ein vom Verteidigungsministerium genutzter Bau, welcher aber zum Finanzministerium gehört, genauer: der für Regierungsimmobilien zuständigen Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) untersteht. Im Innenhof des Bendlerblocks wurde Mitte 1950 als Erinnerung an die gescheiterten Hitler-Attentäter die Bronzefigur eines sehr nackten jungen Mannes mit gefesselten Händen aufgestellt. In den 1980er Jahren nahm man die Statue von ihrem ursprünglich vorhandenen Sockel und stellte sie auf eine Platte. Der Öffentlichkeit ist dies alles nur am Tag der offenen Tür zugänglich, wie im letzten Sommer: "Die Big Band der Bundeswehr, das Luftwaffenmusikkorps und die Modenschau der Uniformen waren Highlights", schwärmt das Ministerium auf seiner Website. Das alles ist natürlich auch laut, ist natürlich auch nicht gerade pietätsvoll, aber ok, weil halt von den Hausherrn veranstaltet. Aber eben nicht, wenn nicht. Auch wenn es Cruise und Co. nur um mickerige zwei Drehtage geht; auch wenn man im Film-Studio Babelsberg in Potsdam, wo zumeist gedreht werden wird, das alles nachbauen kann.

Sommerlochthema einer Hinterbänklerin

Dieses Jahr gibt es zwar keinen Sommer, doch wie stets ein Sommerloch, was mit möglichst viel Getöse gefüllt werden muss. Fürs Füllen sind traditionell die Hinterbänkler zuständig. So eine ist Antje B., im bürgerlichen Leben Referentin in der Oberfinanzdirektion Hamburg. Seit 2002 sitzt sie im Bundestag, was bislang nicht wirklich auffiel. Frau B. ist nun aber "Berichterstatterin für Sektenfragen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion", und als solche ergriff sie die Gelegenheit, sich bekannter zu machen: Ein Scientologe, igitt - also keine Drehgenehmigung! Wie immer im Polit-Leben sprangen ein paar andere, in Film-Besetzungsfragen ebenfalls nicht wirklich Versierte, aber in Vorzensur umso Bewandertere, auf den Zug auf: Klaus-Uwe B. von der SPD, Peter S. von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Cruise wegen seiner religiösen Überzeugungen absprachen, "gesellschaftsfähig" zu sein oder in der Lage, einen wie Stauffenberg politisch und emotional korrekt darzustellen.

Deutschland wird verhöhnt von ausländischen Medien

Was Wunder, dass nun die "Philadelphia Daily News" zurückhöhnt: "Wie könnte man besser an die Nazi-Zeit erinnern als dadurch, dass man einen Mann wegen seines Glaubens an seiner Arbeit behindert!" Apropos - Arbeit und Glaube! Schauen wir einmal genauer hin: Hat Armin Müller-Stahl, ein Grande unter deutschen Schauspielern, seine Rolle im Cruise-Film hingeschmissen? Nein. Hat die Holländerin Carice van Houten, die designierte Darstellerin der Stauffenberg-Gattin Nina, ihren Vertrag gekündigt, weil sie nicht mal im Film mit so einem wie Cruise verheiratet sein mag? Nein. Warum auch? Ich habe alle Teile von "Mission Impossible" gesehen und bin auch immer noch katholisch.

Kein Deutscher hat den Gutmensch bei "Schindlers Liste" gespielt

Haben sich die Schotten beschwert, als ein australischer Proll namens Mel Gibson in "Braveheart" einen ihrer Nationalhelden darstellte? Oh, no. Ist "Schindlers Liste" hier auf den Index gesetzt worden, weil kein Deutscher die Gutmensch-gegen-Nazis-Hauptrolle kriegte und ein Ami unsere deutsche Widerstands-Geschichte verfilmte? Aber nicht doch. Sehen wir alle uns nie wieder Filme von Charlie Chaplin an, weil der - was doch schwerer wiegt als Scientology anzugehören - mit sehr minderjährigen Mädchen verkehrte? Auch das nicht. Hat sich Telemünchen geziert, die Erstausstrahlungsrechte für "Operation Walküre" im deutschen Fernsehen zu kaufen? Nö.

Carice van Houtens Lebensgefährte Sebastian Koch spielte übrigens 2004, im "Stauffenberg"-Film von Jo Baier, die Rolle des Widerständlers. Baier durfte damals im Bendlerblock drehen. Unter der Hand ist zu erfahren, das Baier-Team hätte "ziemlich gehaust", es sei "irrsinnig laut" gewesen, Chaos, Arbeiten nicht möglich - und dies alles dem Ort keineswegs angemessen. Deswegen wolle man keine weiteren Dreharbeiten. Nico Hoffmann, damals Produzent des deutschen Stauffenberg-Dramas, findet die aktuelle Cruise-Debatte "heuchlerisch", das Gezerre um Drehgenehmigungen "eine richtige Posse. Ich trenne zwischen einem Schauspieler und seiner Religion."

Ersatz: Kommandatenvilla in Wedding oder Pionierschule in Lichtenberg?

Die BIMA scheinbar auch: Man munkelt, dass die Mannschaft dort (die versucht, in ganz Deutschland diverse Riesen-Kasernen zu verkaufen) hektisch in ihren Immobilienexposés wühlen soll, was man Cruise und Crew statt Bendlerblock anbieten könne. Nun, da wäre zum Beispiel das trutzige Gebäude der Festungs-Pionierschule von 1935. Nachteil: Es liegt in Lichtenberg, ein Teil Berlins, der vor der Fußball-WM 2006 weltbekannt wurde wegen der dortigen Neo-Nazis, die Ausländer zusammenschlugen. Auch dies ein bisschen schlimmer als eine Scientology-Mitgliedschaft. Ebenfalls im Angebot der BIMA: Die protzige Kommandantenvilla im Wedding, Teil der Kaserne für das Luftwaffen-Regiment Göring, wo bis heute die NS-Reichswehrmacht als Eigentümerin im Grundbuch eingetragen ist. Ach - die deutsche Geschichte ist bis heute eine tolle Sache...

Der anfangs erwähnte Film, den Robert Redford (Regie plus Hauptrolle als Professor) und Meryl Streep (Hauptrolle als Reporterin) zusammen mit Tom Cruise (Hauptrolle als Kongress-Abgeordneter) drehten, heißt übrigens "Lions for Lambs". Anfang November kommt er in die deutschen Kinos. Gedreht wurde der Streifen ausschließlich in Kalifornien - obwohl er auch in Afghanistan spielt.

Wenn Berlin Pech hat, produziert United Artists auch die "Operation Walküre" einfach in den USA. Stauffenbergs Leben am Pazifik gefilmt, Stauffenbergs Sterben im Silikon Valley? Dann lieber ein Scientologe im Bendlerblock und in Babelsberg. Niemand wird ja gezwungen, sich hinterher das Ergebnis anzusehen.

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