Gerade mal 23 Jahre alt war Ian Curtis, als er sich 1980 das Leben nahm, doch schon Legende. Mit seiner Band Joy Division hat er Popgeschichte geschrieben, den Kampf gegen Krankheit und Depressionen verloren. Starfotograf Anton Corbijn hat ihm ein filmisches Denkmal gesetzt. Von Annette Stiekele

An Karriere, Krankheit und Leben gescheitert: Joy-Division-Frontmann Ian Curtis© Capelight/DDP
Anton Corbijn ist ein eigenwilliger Ästhetiker, ein Kind der achtziger Jahre. Seine grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotos und -Videos von Pop-Heroen wie Bono oder Kurt Cobain und Bands wie U2 und Depeche Mode haben erst die Musiker und dann auch ihren Fotografen weltberühmt gemacht. Der intensive Blick auf die Künstlerpersönlichkeit ist die Spezialität des zurückgezogen lebenden Niederländer, der um seine Person nie viel Aufhebens macht.
Seine virtuose Bildsprache ist über die Jahre aktuell geblieben. Heute treten junge Bands wie The Killers oder die schwedische Sängerin Sophie Zelmani mit Freuden vor seine Kamera. Der Traum eines jeden Fotografen bleibt allerdings der eigene Film. Und häufig erfüllt er sich für die Zuschauer mit Gewinn, wie die Beispiele von David Fincher oder Michel Gondry zeigen. Nun hat sich auch Anton Corbijn diesen Traum erfüllt und eine großartige Symbiose seiner Ästhetik und einer packenden authentischen Geschichte hingelegt.
Für das Drehbuch bediente sich Corbijn teilweise aus der Biografie "Touching from a Distance", von Curtis' Witwe Deborah, die den Film auch mit produziert hat. Dazu kamen Gespräche mit Weggefährten und auch Erzählungen der Curtis-Geliebten Annik Honoré, die sich erstmals öffentlich über die Zeit geäußert hat.
Im nordenglischen Kaff Macclesfield wächst Curtis als versponnener Träumer auf, der nachmittags in seinem winzigen Jugendzimmer Songs textet und vor dem Spiegel David-Bowie-Posen übt. Bei seiner Jugendliebe Deborah findet er Verständnis. Schnell heiratet das blutjunge Paar.
Der Besuch eines Sex-Pistols-Konzerts bringt die entscheidende Wende in Curtis' Leben: Mit ein paar Freunden gründet er das Bandprojekt Joy Division und prägt den Sound der Band fortan mit seinem düster-monotonen Gesang und seinen existentialistischen Texten. Schon bald wird Labelboss Tony Wilson auf die jungen Talente aufmerksam und treibt die Karriere der Musiker voran.
Eindrucksvoll, wie Samantha Morton die Jugendliebe als tapfere Arbeitersfrau in Küchenschürze markiert. Schlicht im Gemüt, aber edel und gut im Herzen. Sie kann nicht verhindern, dass Curtis dem unterwürfigen Charme der belgischen Journalistin Annik Honoré verfällt, die ihn fortan regelmäßig auf Tour begleitet. Bei Alexandra Maria Lara bleibt die neue Muse leider ein etwas eindimensional zu Schwärmerei neigendes Groupie.
Als Kenner der Musikszene hat Corbijn auch einen erstklassigen Soundtrack zusammengestellt, auf dem neben etlichen Joy-Division-Klassikern Stil prägende Arbeiten von David Bowie, Velvet Underground, Roxy Music und Kraftwerk zu hören sind. Mit "Control" reiht sich Corbijn bestens ein in die Reihe jener Fotografen, die sich nicht nur rein zufällig ins Filmfach verirrt haben.